2.
Manfred Peters
Sechzehnjährig im Gulag
1945
deportiert von Danzig nach Kasachstan
(Vollständige,
ergänzte Fassung;
Redaktionsschluss
17. März 2005)
Weißenfels
im Januar 1987
Ich
sitze im Direktorzimmer des Instituts für Lehrerbildung, mir gegenüber der
Direktor und die Parteisekretärin. Auf dem Tisch liegt vor mir ein für die
„Kaderakte“ wichtiges Formular, eine Personal-Karte. Ich bin seit 1959 in
diesem Hause als Fachlehrer für deutsche Sprache und Literatur tätig, doch zum
ersten Mal bedarf jeder Lehrer dieses Instituts, und sei er noch so
qualifiziert, beim Ausfüllen seines Formulars der Anwesenheit des Direktors und
der Parteisekretärin. Denn im nahen Polen ist die Solidarnosz im Vormarsch, und
in der Sowjetunion hat Gorbatschow die Perestroika eingeläutet. Da darf nichts
in der DDR, erst recht nicht in diesem Hause, sich selbst überlassen bleiben,
schon gar nicht das Ausfüllen einer für „kaderpolitische“ Entscheidungen
wichtigen Personal-Karte! Möglicherweise ergeben sich dabei
„Anhaltspunkte“, die für die zukünftige Weichenstellung von Bedeutung
sind. Noch ahnen diese beiden, auch ich, nicht, dass schon drei Jahre später
die DDR aus den Geleisen geraten und Deutschland bald darauf wieder eins ist.
Geburtsdatum:
3. Januar 1929 – damit gehöre ich inzwischen zu den ältesten Lehrern dieses
Hauses, und die Weiche eines fast Sechzigjährigen braucht normalerweise nicht
mehr umgestellt zu werden. Geburtsort: Danzig... Schließlich stoßen wir auf
der zweiten Seite der Personalkarte auf ein Feld mit der Bezeichnung
„Kriegsgefangenschaft“, und ich sage: “In Gefangenschaft war ich, das
wisst ihr, und zwar in Kasachstan, zwei ein halb Jahre. Aber da ich nicht Soldat
war, handelte es sich nicht um Kriegsgefangenschaft.“ „Am besten ist“,
meint der Direktor, und die Parteisekretärin stimmt ihm zu, „du füllst
dieses Feld einfach nicht aus. Denn wer weiß, welche Fragen sich daraus für
dich ergeben könnten.“– Mir ist sofort klar: Hier soll ein wesentlicher
Bestandteil meiner Biographie unter den Teppich gekehrt werden nach dem
Grundsatz, dass nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf. Mit meiner
Deportation sind in der DDR, anders als mit einer Inhaftierung in einem
Nazikonzentrationslager, keine Pluspunkte zu sammeln. Eher ist man daran
interessiert, mein Gedächtnis in dieser Beziehung zu paralysieren, um mich, mit
dem kirgisischen Schriftsteller Tschingis Aitmatow gesprochen, zu mankurtisieren.
Das hier ist ein Anschlag auf mein Gedächtnis!
Und ich antwortete: „Das kommt für mich nicht in
Frage, denn diese Zeit hat mich für mein ganzes weiteres Leben geprägt. Wer
Fragen hat, der soll in meiner Personalakte nachlesen, dort findet er in allen
von mir geschriebenen Lebensläufen die Antwort. Und wenn das nicht genügt,
dann soll er mich selbst fragen.“ Ich streiche das Wort
„Kriegsgefangenschaft“ durch und schreibe darunter “Zivilgefangenschaft1
Kasachstan 1945 bis 1947“... Was war damals geschehen?
1
Eigentlich hätte ich „Deportation“ schreiben müssen. Das jedoch
hätte zu Risiken geführt, denen ich im „Rechts“system der DDR
schutzlos ausgeliefert gewesen wäre. Denn es konnte in der Sowjetunion
praktisch nichts gegeben haben, was es theoretisch nicht geben durfte. Siehe
dazu „Meyers Universal/Lexikon, VEB Bibliographisches Institut, Leipzig
1980, Bd, I, S. 480: „Deportation:
Das von Ausbeuterregimes praktizierte, meist massenhafte Verschicken von
Menschen in entlegene Gebiete zur Ausschaltung polit. Gegner u.a. Mißliebiger.
S.a. Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“
Danzig am ersten September 1939
Der Krieg war in dieser einst wunderschönen Stadt, oft das Venedig des Nordens genannt, am ersten September 1939 von Hitlerdeutschland begonnen worden. Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Tag, obwohl ich damals erst zehn Jahre alt war. In der Frühe dieses Morgens wurde ich durch ein lautes Grollen aus dem Schlaf gerissen. Ich stürzte gemeinsam mit meinen Eltern ans Fenster unserer Wohnung, Wallgasse Nr. 5. Wir sahen an diesem sonnenüberstrahlten Morgen über die Gasanstalt und die Werftanlagen hinweg in Richtung des Hafens Neufahrwasser, woher dieses Grollen offenbar kam. Mein Vater sagte nur: „Es ist Krieg!“, und damit sollte er recht behalten. Denn was wir hörten, waren die Geschützsalven der „Schleswig–Holstein“ auf die polnische Festung Westerplatte. Unmittelbar darauf hörten wir Schüsse bei der nahe unserer Wohnung gelegenen Polnischen Post, und wir beobachteten das Geschehen dort von dem Fenster unserer im vierten Stock gelegenen Wohnung.
Im Radio hörten wir die Stimme Hitlers. Trotz aller
gegenteiligen Behauptungen wusste mein Vater: Hitlerdeutschland hatte diesen
Krieg gegen Polen begonnen. Doch wussten wir an diesem Tage noch nicht, dass in
unserer Heimatstadt Danzig der zweite Weltkrieg begonnen hatte, und niemand
ahnte, was uns im März 1945 bevorstehen sollte.
Der
Kriegsbeginn hatte unsere Stadt in ihrer Schönheit so gut wie gar nicht berührt.
Wir und die meisten in der Freien Stadt Danzig Lebenden waren über Nacht
Reichsdeutsche geworden. Doch schrecklich war schon damals der Naziterror gegen
viele Polen, mit denen wir zuvor in unserer Stadt gelebt hatten. Meine Eltern
konnten unseren Nachbarn Franz Schulz und seine Familie, die einst für Polen
votiert hatten, vor schlimmerer Verfolgung bewahren. Mein Vater selbst jedoch
gehörte für einige Wochen zu den ersten Lagerinsassen des bald danach
geschaffenen KZ Stutthof.
„Dawai!“
Danzig hatte den Krieg bis Mitte März 1945 nahezu
unbeschädigt überstanden. Doch nun war er mit unvergleichlicher Wucht in
unsere Stadt zurückgekehrt.
Am
28 März hatte die Rote Armee unser Stadtgebiet Am Milchpeter erobert. Die
meisten Häuser hatten den Bombardements und Einschlägen von
Artilleriegeschossen, wenn auch stark beschädigt, standhalten können. Wir
hatten im Luftschutzkeller unseres Hauses erfolgreich Zuflucht gesucht. Die
ersten Rotarmisten, denen ich in unserer Straße begegnete, beachteten mich
nicht, denn sie waren an Kampfhandlungen gegen Soldaten der Wehrmacht beteiligt.
Mein Vater schien recht zu behalten: Alles, was die Nazis über die Russen
sagten, wäre Gräuelpropaganda! Das hatte ihn auch dazu bewogen, alle Warnungen
und das Angebot eines U-Boot-Kommandanten, dessen Boot er auf der Danziger Werft
wieder flott gemacht hatte und der ihn mit Familie aus dem eingekesselten Danzig
retten wollte, in den Wind zu schlagen.
Doch
sollte sich das sehr schnell ändern. Ich war wieder in den Luftschutzkeller zurückgekehrt,
und es dauerte nicht lange, da standen auch schon die ersten Rotarmisten im
Schutzraum. Sie richteten ihre Maschinenpistolen und Pistolen auf uns. Einer
fragte unmissverständlich: „Wer Deutscher?“ Uns allen stockte der Atem.
Einige kramten mit zitternden Händen ihren Freistadt-Ausweis hervor und sagten:
„Wir nicht Deutsche, wir Danziger!“ „Jup twoju match ‘Danziger’ –
Zwei Minut Uhr, oder ich dies Bunker machen kaputt!“ Wir waren über diese
Wendung etwas erleichtert, und zahlreiche Armband- und Taschenuhren wechselten
ihren Besitzer.
Ein Offizier kam bald darauf in unseren Keller und holte alle Männer heraus. Wir ahnten zwangsläufig nichts Gutes. Auf der Straße standen bereits Männer aus den nahe gelegenen Häusern. Wir mussten mehrere Eisenstangen aus der gegenüberliegenden Schmiede an ihren Enden zu Haken biegen und diese auf Länge miteinander verbinden. So ausgerüstet, mussten wir uns unter Deckung an den Häusern entlang bis kurz vor die Stelle bewegen, wo die Wallgasse durch die Mottlau begrenzt wird. Dort, unmittelbar neben dem Fährhäuschen der Pfennigfähre, das als kleinstes Haus Danzigs bekannt war, stand in vorderster Linie ein Feldgeschütz der Roten Armee. Einer von uns erhielt den Befehl, ein Ende der miteinander verbundenen Eisenstangen daran zu befestigen. Das gelang ihm auch, da jedoch wurde er vom nahen gegenüberliegenden Mottlauufer durch eine deutsche Kugel schwer getroffen. Nun waren wir an der Reihe und mussten das Geschütz, aus dem Schutz der Häuserwände hervortretend, an der Eisenstange ziehend, in Sicherheit bringen. Da jedoch geschah das Unerwartete: Vom anderen Ufer fiel nicht ein einziger Schuss! Der Offizier bedankte sich bei uns überschwänglich, den Getroffenen jedoch überließ er seinem Schicksal.
Die
darauf folgende Nacht erwarteten wir voller Ängste. Es quartierten sich zwei höhere
Offiziere der Roten Armee in einer Parterrewohnung unseres Hauses ein und
versprachen, die Frauen in unserem Keller zu schützen, aber nur unter einer
Bedingung: Zwei junge Frauen sollten sich bereit erklären, mit ihnen gemeinsam
die Nacht zu verbringen. Das Problem, vor dem die Frauen unseres Hauses standen,
war eigentlich unlösbar: Entweder erklärten sich zwei von ihnen
„freiwillig“ bereit ..., oder alle Frauen waren schutzlos ausgeliefert.
Unter diesem Gewissensdruck ergaben sich schließlich zwei von ihnen, noch
unverheiratet, ihrem Schicksal. Jedes Mal, wenn Rotarmisten mit ihrem
unzweideutigen Verlangen in unseren Keller eindrangen, gaben wir das verabredete
Zeichen, klopften mit einem Besenstiel an die entsprechende Stelle der
Kellerdecke, und das Versprechen wurde in dieser ersten Nacht eingelöst. Andere
Nächte sollte ich in diesem Hause nicht mehr erleben.
Danzig am 29. März 1945: Es sollte der Tag Null in meiner Biographie werden. Ein schrecklicher Tag und eine noch schrecklichere Nacht lagen hinter uns. Mein Vater und ich fassten den Entschluss, den Keller zu verlassen und in unsere Wohnung im vierten Stock zu gehen, um zu sehen, was davon noch übrig geblieben war. Doch wir sollten nicht weit kommen. Im unteren Hausflur stand ein Offizier mit einer Gruppe Uniformierter, nach meinem heutigen Wissen Angehörige des NKWD2. Neben ihnen unser Nachbar Franz Schulz - er musste dolmetschen. Doch es gab nicht viel zu dolmetschen. Der Offizier fragte uns nur nach unserem Alter, ohne dass ich an seinem Gesichtsausdruck etwas ablesen konnte. Ich war gerade erst sechzehn, mein Vater achtunddreißig Jahre alt.

Da sagte der Offizier ein Wort,
das ich hier zum ersten Mal hörte, das mir aber die nächsten Jahre ständig in
den Ohren klingen sollte: „Dawai!“ Die Situation war so unmissverständlich,
dass dieses Wort der Übersetzung nicht mehr bedurfte. Wir beruhigten meine
Mutter, die inzwischen hinzugekommen war. Es konnte sich nach unserem Dafürhalten
um nichts anderes handeln, als dass wir für ein paar Stunden irgendwo arbeiten
mussten, vielleicht Trümmer forträumen, so dass wir bis zum Abend sicher
wieder zu Hause wären. Die Gruppe Bewaffneter graste einige weitere Häuser der
Wallgasse und der Bäckergasse ab, bis sie es auf etwa zwanzig deutsche Männer
gebracht hatte. Dann wurden wir unter Bewachung bis zum entgegengesetzten Teil
unserer Stadt gebracht. Schließlich befanden wir uns in unmittelbarer Nähe
eines großen, weitgehend unversehrt gebliebenen Gebäudekomplexes, den wir
bisher nur von außen kannten, in den wir nun jedoch hineingeführt wurden. Wir
waren in nichts anderem angekommen als im Danziger Zuchthaus, bekannt unter dem
Namen „Schießstange“.
2 Bis 1946 Bezeichnung für den Staatssicherheitsdienst in der Sowjetunion. Er war auch zuständig für die Deportation Deutscher in den von der Roten Armee besetzten Gebieten.
Meinem
Vater und mir wurde klar: Mit einem kurzfristigen Arbeitseinsatz hatte das alles
hier nichts zu tun. Aber was sollte es dann bedeuten? Wir hatten nichts
verbrochen, waren nicht einmal Nazis, im Gegenteil. Mein Vater war Mitglied der
KPD bis zu ihrem Verbot 1933 gewesen und hatte im KZ gesessen. Ich war zwar
Mitglied der HJ, aber das waren fast alle Jugendlichen auch. Gerade erst, im
Januar dieses Jahres, war ich von HJlern zusammengeschlagen worden, weil ich
ihre Fahne nicht mehr gegrüßt hatte. Das alles hier konnte nur ein Irrtum sein
und musste sich umgehend aufklären.
Mein Vater und ich kamen zunächst gemeinsam in eine
größere Zelle, die wir mit etlichen anderen teilen mussten. Keiner wusste,
warum er hierher geraten war. Doch viel wurde auch nicht mehr gesprochen. Am nächsten
Vormittag wurden wir zum Verhör geholt, jeder einzeln. Nun musste sich
eigentlich alles aufklären. Ich wurde nur nach meinem Namen und nach meinem
Alter gefragt - Ausweise hatte ich nicht bei mir - und danach, ob ich in der
Streifen-HJ3·
gewesen wäre, was natürlich auf mich nicht zutraf. Eigentlich hätte ich hier
schon erkennen müssen, dass es für unsere Gefangennahme der Gründe nicht
bedurfte. Das Verhör war demzufolge sehr kurz. Ich wurde bald hinausgeführt
und dachte in meiner jugendlichen Naivität, dass ich nun nach Hause gehen dürfte.
Doch es öffnete sich eine andere Zellentür für mich. Ich stellte fest, dass
es sich um eine Einzelzelle handelte. Für diesen Raum hatte ich schon gar keine
Erklärung mehr. Das erste Mal in meinem Leben dachte ich: ‘Das war’s also,
hier kommst du lebend nicht mehr raus.’—
3 HJ-Formation mit politisch-polizeilicher Funktion.
Es
dauerte jedoch nicht lange, und die Zellentür öffnete sich für den nächsten,
der ebenso wenig wie ich wusste, aus welchem Grunde er hier hereingekommen war.
Schließlich waren wir in dieser Einzelzelle zwölf (!) Mann, einer so ratlos
wie der andere. Ich war von allen hier der Jüngste. Das gab mir zumindest die
Hoffnung, dass die Russen mit mir nichts Besonderes vorhätten und ich früher
oder später hier auch wieder lebend hinauskommen würde.
Von
meinem Vater fehlte jede Spur. Tage später wurde ich über einen Gang geführt,
und ich sah unten auf dem Gefängnishof meinen Vater in einer Gefangenenkolonne
stehen. Ich ahnte nicht, dass ich ihn hier zum letzten Mal gesehen hatte.

Mein Vater Bernhard Peters.
Ende 1939, drei Wochen nach der "Beurlaubung" aus dem im Herbst 1939 aufgebauten KZ Stutthof.
So brachte ich mehr als eine Woche zu, ohne dass irgendetwas mit mir geschah. Der Umstand, dass wir für zwölf Mann nur ein Klosettbecken in einer Ecke der Zelle hatten, wurde dadurch erleichtert, dass wir kaum etwas zu essen bekamen. Einzelne von uns wurden schließlich aus der Zelle geholt und kamen nicht wieder, ohne dass wir etwas über sie erfuhren. Sie konnten, davon waren wir überzeugt, nur nach Hause geschickt worden sein, und als nächster würde man dieses Glück auch haben. Endlich wurde auch ich aufgerufen und durfte diese Zelle verlassen. Ich wurde auf eine Straße außerhalb des Zuchthauses gebracht. Da jedoch stand bereits eine lange Kolonne von deutschen Männern, sechs in einer Reihe, und ich musste mich an ihr Ende stellen, doch war ich bald nicht mehr der Letzte. Das sah nicht so aus, als würden sich meine Hoffnungen erfüllen. Im Gegenteil, nach stundenlangem Warten, begleitet vom Dawai-Dawai-Schreien etlicher mit Maschinenpistolen oder Schnellfeuergewehren mit Zielfernrohr für Scharfschützen Bewaffneter, setzte sich diese Kolonne schließlich in Marsch. Das Ziel war uns unbekannt.
Der Leidensmarsch
Unsere
Kolonne verließ Danzig in südlicher Richtung, über Ohra, Praust, und
entfernte sich immer mehr von dem Dröhnen der weitab gelegenen Front, ohne dass
wir Grund hatten, darüber erleichtert zu sein. Links an uns vorbei in Richtung
Danzig rollten schier endlos die motorisierten Kolonnen der Roten Armee. Ich fühlte
mich so trostlos, dass ich dachte: ‘Einen Sprung nach links unter einen
Panzer, und alle Ungewissheit hat für dich ein Ende!’ Doch letztlich fehlte
es mir an Mut dazu, und ein Fünkchen Hoffnung schien mir trotz allem noch
verblieben zu sein. Auf einem der Panzer bemerkte ich einen Kameramann, der
unsere Kolonne und auch mich filmte. Während der seitdem vergangenen Jahrzehnte
habe ich in den bisher gezeigten Dokumentarfilmen kaum ein Zeugnis der
Deportation Deutscher aus den von der Sowjetarmee eroberten Gebieten
wahrgenommen. Wann wird die Zeit gekommen sein, in der auch diese Dokumente aus
den Archiven freigegeben werden?
Die
Aprilsonne schien an diesen Tagen schon sommerlich warm, so dass wir bald umso
mehr Durst verspürten. Als wir hinter Dirschau durch polnisches Gebiet
marschierten, gab es Dörfer, in denen polnische Frauen versuchten, uns Wasser
zu reichen. Unsere Bewacher ließen sie weitgehend gewähren. Als Gefäße
dienten uns leere Konservenbüchsen, die wir von der Straße aufgelesen und notdürftig
gesäubert hatten. Einmal täglich empfingen wir darin auch unsere Kelle Suppe,
die diesen Namen eigentlich nicht verdient hatte. Mir geschah jedoch ein kleines
Wunder: Einer unserer Bewacher suchte täglich einmal die Reihen unserer langen
Kolonne ab, bis er mich gefunden hatte, und reichte mir ganz offen ein Stück
Brot! —
Doch
war das die Ausnahme, die Regeln waren ganz andere. Hatten wir einen Tagesmarsch
von ca. zwanzig Kilometern hinter uns, dann wurden wir zum Übernachten auf ein
Gehöft getrieben. Die Posten bildeten um uns eine Kette und prügelten so lange
auf uns ein, bis der letzte in dem Stall bzw. der Scheune verschwunden war.
Niemand durfte bis zum Morgen dieses „Quartier“ verlassen, dafür sorgte
eine Bewachung, deren Hinweis auf die Schusswaffe unbedingt ernst zu nehmen war.
Wie wir uns darin „einrichteten“, das war unser Problem. Nach der Erfahrung
der ersten Nacht hatte ich herausbekommen, dass ich die Nähe der in der Mitte
stehenden Tonne möglichst zu meiden hatte, denn darin musste jeder seine
Notdurft verrichten. Diesen Strapazen waren einige von uns, vor allem Ältere, Fünfzig-
und Sechzigjährige, bald nicht mehr gewachsen. Sie wurden von uns einige
Kilometer solange mitgeschleppt, bis sie die letzte Reihe der Kolonne erreicht
hatten und danach kraftlos zusammensanken. Ein Postenkommando am Ende dieser
Kolonne versuchte zunächst mit Schlägen, diese armseligen Kreaturen wieder
aufzurichten. Soweit ich, der ich im letzten Drittel der Kolonne marschierte,
das beobachte, ist das bei keinem gelungen. Die darauf folgenden Pistolenschüsse
signalisierten das Ende eines solchen Kameraden, für das sich bis heute keiner
dieser Mörder verantworten musste. Einer von uns hatte seinen Durst dadurch
lindern wollen, dass er die Reihe verließ, an die Böschung eines Dorfteichs
sprang, um daraus mit seiner Konservenbüchse Wasser zu schöpfen. Dabei war er
abgerutscht und bemühte sich, aus dem Teich wieder herauszukommen. Doch ein für
die Kolonne offensichtlich verantwortlicher Major erschoss ihn mit einer Salve
aus seiner Maschinenpistole, während wir unseren Leidensmarsch ohne
Unterbrechung fortsetzen mussten.
Nach
fünf Tagen und Nächten waren wir am linken Weichselufer angekommen, uns gegenüber
lag das etwa einhundert Kilometer von Danzig entfernte Graudenz, dessen Festung
weithin sichtbar ist. Immer noch wusste niemand von uns, wo unser Leidensmarsch
enden sollte. Um an das andere Weichselufer zu gelangen, musste eine Pontonbrücke
überquert werden, da die eigentliche Brücke zerstört war. Wir wurden
aufgefordert, uns gegenseitig einzuhaken und im Dauerlauf die Brücke zu überqueren.
Der Sinn dieser Maßnahme war mir zunächst nicht klar. Vom „Dawai-Dawai“-Schreien
der Posten angetrieben, liefen wir los. Doch einzelne von uns hatten diese
Chance dazu benutzt, um über das niedrige Brückengeländer in die kalte
Weichsel und damit in die Freiheit oder in den Tod zu springen. Aber keiner von
ihnen überlebte diesen Sprung: Bei ihrem Auftauchen wurden sie von den unsere
Kolonne begleitenden Scharfschützen mit dem Zielfernrohr anvisiert und
erschossen. Ihr Blut färbte die Fluten rot.
Über
das Ziel unseres Leidensmarsches waren wir uns bald darauf im Klaren: Es war die
Festung Graudenz! Die jedoch war durch unseresgleichen total überfüllt, so
dass wir diesen Ort nach kurzem Aufenthalt wieder verlassen und umkehren
mussten. Wir überquerten die Weichsel ein zweites Mal, diesmal in entgegen
gesetzter Richtung. Die Art und Weise wiederholte sich. Diesmal wagte jedoch nur
einer den Sprung. Die Scharfschützen gingen abermals sofort in den Anschlag,
aber unser Todesmutiger war ein kühner Schwimmer. Er tauchte immer nur kurz auf
und ließ ihnen keine Zeit zum sicheren Schuss. Inzwischen schleppten wir uns
bereits entlang der Straße, die wir schon einmal in der Gegenrichtung betreten
hatten. Doch wurde immer noch geschossen – außer den Schüssen aus den
Schnellfeuergewehren war leichtes Geschützfeuer zu hören. Trotz alledem war
eine Hoffnung für uns dazugekommen. —
Wir
verbrachten eine weitere Nacht auf dieser Seite der Weichsel. Am darauf
folgenden Tag überquerten wir abermals die Brücke über den Fluss, und unser
Marsch fand in der Festung sein Ende. Die war immer noch total überfüllt. Deshalb
blieb für uns nur der kopfsteingepflasterte Innenhof, auf dem wir mehrere Tage
und Nächte kampieren mussten.
Ohne
dass sich jemand für mich interessiert hatte oder dass Besonderes geschehen
war, gehörte ich zu denjenigen, die am 20. April („Führers Geburtstag“)
wie Namenlose aufgefordert wurden, mitzukommen. Auf einem freigelegenen
Eisenbahngelände erwartete uns ein langer Zug mit leeren ringsum geschlossenen
Güterwaggons. In einen von ihnen musste ich hinein. Schließlich waren wir fünfundachtzig
Männer und fünf Jungen, die dort zusammengedrängt liegen mussten, die eine Hälfte
auf dem Boden, die andere auf einer etwa ein ein halb Meter hoch angebrachten
Bretterreihe. Für mich unerwartet, wurden auch viele Frauen und Mädchen in
einen Teil des Transportzuges verladen. Wir konnten später feststellen, dass zu
diesem Transport eintausendsechshundert männliche und achthundert weibliche
Deportierte gehörten, der jüngste vierzehn, der älteste 70 Jahre alt.
Nachdem
eine Schiebetür, einen Spalt breit geöffnet, verriegelt war, setzte sich unser
Transport in Bewegung. Keiner von uns wusste, wohin diese „Reise“ gehen
sollte und ob es für uns irgendwann auch wieder eine Heimkehr geben würde.
Heute wissen wir, dass nur weit weniger als die Hälfte von uns überleben
konnten.
Endstation: Kimpersai
Wir
fuhren in östlicher Richtung über die polnische Grenze in die Sowjetunion und
waren uns darüber im Klaren, dass irgendwo in diesem riesigen Land ein Lager
auf uns wartete. Hoffentlich brachte uns der Transportzug wenigstens nicht nach
Sibirien! An der geschätzten Tageszeit, denn eine Uhr hatte inzwischen keiner
mehr, und am Sonnenstand ermittelten wir die Fahrtrichtung. Fuhr der Zug gen Süden,
keimte Hoffnung in uns auf: ‘Vielleicht endet unser Transport auf der Krim!’
Aber dann ging es wieder in nördliche Richtung und vor allem gen Osten!
Bahnstationen musste unser Transport zumeist ohne Halt durchfahren. Die
Ortsnamen in kyrillischer Schrift versuchten wir zu entziffern. Menschen, die
auf den Bahnsteigen standen, blickten uns zumeist traurig hinterher. Ich
erinnere mich an eine alte Frau, die weinte.
Unwillkürlich musste ich an einen Transport jüdischer
Frauen aus Ungarn denken, den ich vor anderthalb Jahren auf der Kleinbahnstrecke
in Steegen bei Danzig, wo meine Großeltern lebten, gesehen hatte und die auch
mir damals unendlich leid taten, ohne dass ich ihnen helfen konnte. In Steegen
hatte ich, immer in den Sommerferien, den schönsten Teil meiner Kindheit
verbracht. An jenem Tage regnete es, und einige dieser bedauernswerten Geschöpfe
reckten ihre Arme durch die geöffneten Fensterluken der Güterwaggons. In ihren
Händen hielten sie Gefäße, um mit dem so eingefangenen Regen ihren erbärmlichen
Durst ein wenig zu lindern. Ich wusste genau so wie andere Vorübergehende,
welchem schweren Schicksal diese Frauen entgegenfuhren. Denn in östlicher
Richtung, nur wenige Kilometer entfernt, lag das KZ Stutthof. Sein Krematorium
entsandte ununterbrochen untrügliche Rauchschwaden. Bei Ostwind hatte die
Steegener Luft einen etwas süßlichen Geruch. —
Auch
wir in unseren Waggons hatten einen für uns bis dahin nicht vorstellbaren
Durst. Zu trinken gab es nur spärlich Wasser aus dem Tender unserer Lokomotive,
zu essen ein wenig Trockenbrot aus amerikanischen Hilfslieferungen und eine
Kelle undefinierbarer Suppe. Der Durst hatte unseren Speichel eintrocknen
lassen, so dass wir uns an dem trockenen und harten Brot unsere Gaumen wund
rissen. Einmal, als es bei langsamer Fahrt regnete, banden wir eine Konservenbüchse
an eine Schnur, die jemand von uns noch besaß. Die Büchse ließen wir aus der
nur einen schmalen Spalt geöffneten Waggontür fallen, so dass sie am
regennassen Bahndamm entlang schlidderte, und zogen sie behutsam wieder zu uns
herauf. Den so gewonnenen Schlamm filterten wir durch ein sauberes Taschentuch
und verteilten dieses „Wasser“ dann löffelweise unter uns neunzig
Durstigen.
Doch
ging es in unserem Waggon nicht nur kameradschaftlich zu. Die Suppe wurde uns täglich
einmal in einem Kübel verabreicht, und sie musste von uns Gefangenen selbst
verteilt werden. Das in dieser Situation entscheidende Amt des Essenausgebers
rissen nach dem Prinzip der Stärke zwei von den Erwachsenen an sich. Bei der
mit hungriger Gier erwarteten Essenausgabe sollte es möglichst gerecht zugehen,
und es war in unserer Lage von entscheidender Bedeutung, ob jemandem das Dünne
oder das Dicke aus dem Kübel in seine Konservenbüchse verabreicht wurde. Das
wiederum hing trotz Rührens mit einer Holzlatte im Wesentlichen davon ab, wer
zu den ersten und wer zu den letzten Essenempfängern gehörte. Deshalb
fertigten wir um der Gerechtigkeit willen für jeden aus Papier eine Marke mit
einer Zahl zwischen Eins und Neunzig an, wir fünf Jungen erhielten die
Sechsundachtzig bis Neunzig. Mal wurde mit der Eins, mal mit der Neunzig
begonnen. Sicher war es kein Zufall, wenn wiederholt bei mäßig gefülltem Kübel
mit der Eins begonnen wurde und das Essen dann gerade bis zur Fünfundachtzig
reichte. Der entgegengesetzte Fall trat dagegen nicht ein. Wir Jungen vermochten
unser Recht mit eigener Kraft nicht durchzusetzen, und an die beiden
Essenausgeber traute sich von den Erwachsenen niemand heran. Außerdem waren sie
bereits darauf konzentriert, den geringen Inhalt ihrer Konservendose mit
hungriger Gier in sich hineinzuschlürfen.
Nachdem
wir das fünfte Mal ohne Essen geblieben waren, riefen wir einen Posten an
unseren Waggon heran und machten ihm unsere Lage verständlich. Das Ergebnis
war: Die Latte, die den beiden bis jetzt machtbewusst zum Umrühren unserer
Suppe gedient hatte, verwandelte sich in der Hand des Postens in einen Knüppel
aus dem Sack gegen sie. Wir Jungen mussten mitkommen bis zum Küchenwaggon. Dort
erhielten wir einen großen Kübel randvoll Suppe mit der Auflage, das alles
allein aufzuessen. Wir hätten das natürlich nicht überlebt, und so hatten
auch unsere übrigen Waggoninsassen einen „Feiertag“, bis auf zwei
Ausnahmen, über die wir Jungen zu entscheiden hatten.— Außerdem legten wir
fest, dass jedes Mal zwei andere das Essen auszugeben hatten. Fortan ging es so
gerecht zu, wie das unter unseren Bedingungen möglich war. Diese Episode
entbehrt heute, da ich sie niederschreibe, nicht einer gewissen Komik. Damals
jedoch war uns anders zumute.
Auf
einem Vorortbahnhof von Moskau hatten wir Aufenthalt. Hier liefen Kinder an
unserem Transport entlang und riefen uns entgegen: „Chitler kaput! Gebbels
kaput!.“ Es muss also um den ersten Mai herum gewesen sein. Ich war darüber
weder traurig noch froh, denn meine Gedanken und Gefühle waren ganz auf mich
und meine Lage bezogen. Vielmehr bedauerte ich, nachdem wir in einer Banja
endlich duschen durften und unsere Kleidung dort entlaust wurde, den Verlust
meiner Lederhandschuhe so sehr, dass ich mich daran noch erinnerte, als ich
vierzig Jahre später als Tourist wieder in Moskau war. —
Unser Transport jedoch setzte sich wieder in Bewegung, weiter auf unserer Fahrt ins Ungewisse. Bei Kuibyschew überfuhren wir auf einer kilometerlangen Eisenbahnbrücke die Wolga. Die Lage in unserem Waggon wurde immer unerträglicher, unser Zustand immer kritischer. Nicht nur die Verpflegung, auch die hygienischen Bedingungen waren katastrophal: Neunzig Mann in einem Güterwaggon ohne Waschmöglichkeit. Unsere Notdurft verrichteten wir auf ein Blech, das durch eine Öffnung an einer sonst verschlossenen Schiebetür nach außen gerichtet war. Ich dachte: ‘Nur nicht krank werden!’ Einer von den Erwachsenen starb. Noch im Sterben hatten andere von uns ihm die Kleidung abgenommen. So führen unmenschliche Lebensbedingungen zu unmenschlichem Verhalten, zum Glück nicht bei jedem. Die Leiche wurde unterwegs ausgeladen und neben unserem Transport abgelegt. Der Transport fuhr weiter.
Die
Landschaft um uns veränderte sich allmählich, bis kein Baum mehr zu sehen war
und außer uns weit und breit keine Menschenseele. Das sah nicht gerade nach
Sibirien aus, sondern noch trostloser. Scheinbar aus dem Nichts kommend, wurde
trockenes Gesträuch durch einen unablässigen Wind zu ballförmigen Gebilden
geformt und über Wellen von wogendem Gras in eine scheinbare Unendlichkeit
getrieben.

( Foto H, Littig)
Am
Morgen des 6. Mai, nach sechzehn Tagen Fahrt ins Ungewisse, kamen wir an einer
Industrieanlage vorbei. Danach fuhren wir noch stundenlang weiter durch dieses
eintönige Land. Dann zweigte unsere Bahnstrecke an einem ärmlichen Haus ab.
Unser Transport blieb am Rande einer Siedlung stehen, deren flache Häuser links
und rechts einer einzigen unbefestigten Straße gebaut waren. Die Geleise mündeten
in ein unweit sichtbares Tagebaugebiet und endeten dort.
Mit „Dawai-Dawai!“ angetrieben, mussten wir die Güterwaggons verlassen. Wir entdeckten Kamele, die vor Wagen gespannt waren. Zivilisten kamen auf uns zu und sprachen uns an, für uns völlig unerwartet in einem schwäbischen Dialekt. „Wo kommt ihr denn her?“ fragten wir sie. „Aus der Ukraine, wir sind Wolgadeutsche.“ „Und wo sind wir jetzt?“ „In Kimpersai.“ „Und wo liegt das?“ „In der Steppe von Kasachstan.“
Ankunft im Lager
In
etwa ein Kilometer Entfernung, abseits der Siedlung, erblickten wir ein
stacheldrahtumzäuntes, mit Wachtürmen umgebenes Barackenlager, flach in die
Steppe geduckt. Dorthin schleppte sich unser langer Zug, Frauen und Männer, Mädchen
und Jungen. Das Lagertor war wie der Rachen eines Molochs, der uns allmählich
verschlang. Unsere Lage schien mir ausweglos: ‚In dieser Steppeneinsamkeit
sind wir von aller Welt verlassen; was hier mit uns geschieht, bleibt aller Welt
verborgen!’ Ich war verzweifelt...
Wir
mussten erfahren, dass das Lager für unsere Vielzahl Gefangener viel zu klein
war. Ich kam mit etlichen Gefangenen in einen Bau, der eigentlich als Bade-,
Wasch- und Entlausungsstelle, Banja genannt, zu dienen hatte. Wir waren froh darüber,
denn in den Waschkesseln befand sich Wasser, wenn auch abgestandenes, mit dem
einige von uns, darunter auch ich, ihren Durst stillten. Das war jedoch das
Unvernünftigste, was wir tun konnten, und hatte für viele die schlimmsten
Folgen. Doch wo sollte in unserer Lebenslage Vernunft herkommen?
Noch
am gleichen Tag kam auch ich in eine der Baracken, die zur Gefangenenunterkunft
bestimmt waren. Ihre außen wie innen weißgetünchten dicken Wände bestanden
aus Lehm. Mir fiel auf, dass sie innen mit unzähligen roten Flecken übersät
waren, die ich mir, das sie offensichtlich nicht zur Dekoration dienten, nicht
erklären konnte. Die kleinen Doppelfenster an den Längsseiten waren nicht zu
öffnen. Eine dicke Schicht Erde, bedeckt mit getrocknetem Lehm, bildete das
Dach. An den Giebelseiten führte eine kleine Tür zunächst in einen Vorraum
und eine zweite Tür in einen lang gestreckten Raum, der sowohl zum Aufenthalt
als auch zum Schlafen diente. Zu beiden Seiten eines schmalen Mittelgangs
befanden sich Doppelstockpritschen aus bloßen Brettern ohne eine Auflage und
ohne eine Decke oder etwas anderem, mit dem wir uns nachts hätten zudecken können.
An einem Ende dieses Raumes stand ein ziegelsteinerner Herd, zunächst, Anfang
Mai, außer Funktion. Der Vorraum an der einen Seite diente als Waschraum. Über
einen langen Trog war ein Wasserrohr montiert. Er war unterhalb für jeweils
zwei sich Gegenüberstehende mit einer Bohrung versehen, durch welche das
Waschwasser allmählich floss, reguliert durch ein Stoßventil. Glück hatte,
wer bei der morgendlichen gemeinsamen „Toilette“ einen Waschplatz am Anfang
des Rohres ergattern konnte, denn bis zum Rohrende gelangte das Wasser kaum
noch. Alles um uns ließ erkennen, dass vor uns bereits andere hier gehaust
haben mussten.
Die
Baracke war zunächst total überbelegt. Wir standen dicht bei dicht ratlos im
Gang, bis wir uns nach und nach für unseren Pritschenplatz entschieden, wir
Jungen zunächst in Abhängigkeit von unserem Lebensalter. Jeder musste sich in
dieser äußerst schweren Lebenssituation zurechtfinden.
Schon
am ersten Tag im Lager hatte ich ein mich besonders erschütterndes Erlebnis.
Ein Posten des Wachkommandos stand plötzlich in unserer Baracke und fragte, an
alle gewandt: „Wer Brot holen?“ Wie viele andere riss auch ich
erwartungsvoll meine Hand nach oben und rief: „Ich, ich!“ Ich traute meinen
Augen und Ohren kaum, als der Posten auf mich wies und befahl: „Dawai!“ Außer
mir hatte ein zweiter dieses unerwartete Glück. Doch was uns bevorstand, war
zwar unerwartet, aber von Glück konnte keine Rede mehr sein. Wir mussten zunächst
in den vom Lagertor aus vorderen Teil des Lagers gehen, wo unsere Frauen und Mädchen
untergekommen waren. Dort führte uns der Posten durch eine ebenso überbelegte
Baracke, zeigte im Halbdunkel auf einen Pritschenplatz und sagte unmissverständlich:
„Dawai!“ Doch was mussten wir wahrnehmen? Dort lag eine Tote! — Wir
schleppten sie durch die Baracke, begleitet von den trostlosen Blicken der
Frauen dort, und luden sie auf einen davor bereitstehenden Karren. Diesen
mussten wir mit unserer traurigen Last aus dem Lager hinaus in die Steppe
transportieren, gefolgt von dem mit Karabiner und aufgepflanztem Bajonett
bewaffneten Posten, bis wir schließlich zu einer Grube kamen, die andere vor
uns bereits ausgeschachtet hatten. Dort hinein legten wir diese Frau, für die
alles nun ein Ende hatte. — Wir nahmen den mitgeführten Spaten und warfen
dieses Grab mit der ringsum aufgeschütteten Erde zu. Der Posten führte uns in
das Lager zurück und, zu unserer Verwunderung, in dieselbe Frauenbaracke. Dort
erfüllte er auf seine Weise das uns zu Beginn gegebene Versprechen: Am Fußende
des Pritschenplatzes, auf einem dort befestigten Ablagebrett, lag die Brotration
der Toten. Die durften wir zwei uns teilen! — Danach wurden wir von dem Posten
in unsere Baracke zurückgeführt.
Die
Nacht verbrachte ich auf meinem Pritschenplatz, wie eine Sardine in einer Büchse
dicht bei dicht zwischen meine beiden Pritschennachbarn eingezwängt, so dass
wir uns zwar gegenseitig wärmten, aber uns nicht zu bewegen wagten. Kaum jedoch
war die einzige von der Decke herabhängende Glühbirne erloschen, spürte ich
ein Kribbeln und starken Juckreiz erzeugendes Stechen auf meinem Körper. Ich
musste mich bewegen, ob ich wollte oder nicht, und es gelang mir, einige der
Urheber zu zerquetschen, was wiederum einen üblen, beißenden Geruch zur Folge
hatte. Dennoch schlief ich vor Erschöpfung schließlich ein. Wie sich am Morgen
herausstellte, war es allen anderen genau so ergangen. Ich musste mir sagen
lassen, dass es Wanzen waren, die uns in der Dunkelheit gepeinigt hatten, und
war in dieser Nacht um eine weitere Erfahrung „reicher“ geworden. Denn bis
dahin hatte ich von diesen Tierchen zwar gehört, aber sie nie selbst erlebt.
Das hatte sich von nun an gründlich geändert. Auf diese Weise konnte ich mir
auch die unzähligen roten Flecken auf der weißgetünchten Wand erklären. Sie
zeugten von dem zwar erfolgreichen, aber dennoch aussichtslosen Kampf unserer
Vorgänger gegen diese Plagegeister.
Leben und sterben in Kimpersai
Das
Lager war im Rechteck von einem Stacheldrahtzaun umgeben. An den vier Ecken
befanden sich Wachtürme, jeweils besetzt von einem maschinenpistolenbewaffneten
Posten. Ein weiterer Posten stand am Lagertor, in der Mitte des Zaunes an der
einen Kimpersai zugewandten langen Seite. Das Tor wurde von einem Sowjetstern
„geziert“. Der Flachbau daneben diente den Offizieren der Lagerleitung und
den Soldaten der Lagerwache. Dahinter standen auf der linken Lagerseite,
nebeneinander gereiht, die Baracken der Gefangenen, zunächst die der Frauen,
dahinter die der Männer, beides von einem weiteren Stacheldrahtzaun mit einem
kleinen Tor getrennt. Auf der rechten Seite im Frauenlager befand sich das
Lagergefängnis, der Karzer, der sich bedrohlich in die Steppenerde kauerte und,
nur ganz flach lauernd, darüber hinausragte. Der Hauptweg des Lagers führte
vom Lagertor bis ins Männerlager, wo sich rechts des Weges das flache Gebäude
mit Küche und Speiseraum, dahinter ein Bau für Verpflegung mit einem Keller für
Leichen und links daneben die Krankenbaracke mit Lagerambulanz befanden. Hinter
den Männerbaracken, auf der linken Lagerseite, war der Ort, auf dem wir Männer
unsere Notdurft verrichten mussten, in der Seuchenzeit ständig überfüllt und
umlagert. Weiter links davon befand sich die Banja.

Das Lager 1090 bei Kimpersai.
Die
meisten von uns kamen aus der Stadt Danzig und den sie umgebenden Orten, wie
Langfuhr, Oliva, Zoppot, Ohra, Schidlitz, Praust, und aus umliegenden Dörfern.
Viele jedoch waren aus Ostpreußen vor der Sowjetarmee gen Westen geflohen, mit
ihrem Treck über das eisbedeckte Frische Haff, in Danzig von der Front überrollt
und dann deportiert worden. Frauen waren darunter, denen ihre Kinder von dem
Greifkommando des NKWD aus den Händen gerissen und die zum Mitkommen gezwungen
wurden, ohne, wie bekanntlich auch ich, zu wissen, was mit ihnen geschehen
sollte.
Am
8. Mai, zwei Tage nach unserer Ankunft in Kimpersai, hatten wir unseren ersten
Lagerappell. Da standen wir in einem großen Kreis, Frauen und Mädchen, Jungen
und Männer, trost- und hoffnungslos, nach dem Geschlecht und den Baracken, in
die wir eingewiesen worden waren, geordnet, von Posten bewacht. Was hatten wir
bisher Schreckliches erleben müssen! Was stand uns nun bevor? –—
Der
Lagerkommandant, ein Major, sprach zu uns, der Dolmetscher übersetzte: Das
Unvermeidliche war gerade erst geschehen: Hitlerdeutschland hatte endlich,
gewissermaßen „fünf Minuten nach Zwölf“, kapituliert! Die Faschisten
hatten diesen Krieg begonnen (Wir Danziger hatten es unmittelbar erlebt - wie
lange war das her!), sie hatten auch die Sowjetunion überfallen, das Land verwüstet
und unermessliches Leid über die Menschen gebracht. Nun wären wir hier in
Kasachstan angekommen und müssten einen Teil davon mit unserer Arbeit
wiedergutmachen...
Das
war eine Logik nach dem Prinzip „Sieger und Besiegte“, der wir uns unter
unseren Bedingungen nicht entziehen konnten.
Fast
zwei Jahrzehnte später jedoch erkannte ich, in der DDR lebend, dass trotz
allem, was Hitlerdeutschland und Deutsche der Welt angetan hatten, uns dieses
Schicksal nicht hätte widerfahren dürfen! Dazu bedurfte es meiner kritischen
Aneignung einer Ideologie, als deren Garant sich die Sowjetunion ausgab und
wogegen die DDR-Ideologen keinen Widerspruch duldeten. Ich konnte nicht anders,
als das, was ich in jugendlichen Jahren auf dem Weg nach und in Kasachstan
selbst erleben musste, in Beziehung zu setzen zu dem hohen humanistischen
Anspruch kommunistischer Ideologie und ihrem Ziel: der Beseitigung der
Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. An die Stelle einer geforderten und
behaupteten Übereinstimmung zwischen Theorie und Praxis, Anspruch und
Wirklichkeit tat sich mir ein unüberbrückbarer Abgrund auf. Sklavenarbeit,
Willkür, Mord und Tod , dafür kann es keinerlei Rechtfertigung geben, schon
gar nicht im Namen des Sozialismus, zumal nicht nur wir, sondern das eigene
sowjetische Volk darunter zu leiden hatte, nach meinen Beobachtungen oft mehr
als wir.
Nun, am 8. Mai 1945, standen wir da auf dem
Appellplatz des Gulags 1090, in unserer Verzweiflung. Noch war es nicht in Mode
gekommen, diesen Tag als „Tag der Befreiung“ zu bezeichnen. Natürlich, die
Nazis waren wir los, doch waren wir alles andere als frei.
Doch durften wir den Appellplatz noch nicht
verlassen. Schließlich wurden zwei unserer Männer vorgeführt, bewacht von
zwei Posten mit aufgepflanztem Bajonett auf ihrem Karabiner. Jeder der beiden Männer
trug einen zum Teil mit Fleisch gefüllten Eimer in seiner Hand. Was sollte das
bedeuten?
Der Kommandant ließ übersetzen: Beide waren zum Küchendienst
abkommandiert und dabei ertappt worden, wie sie von dem wenigen Fleisch aßen,
das für alle Gefangenen bestimmt war.
Diese beiden Unglücklichen wurden zunächst dem
Urteil ihrer Mitgefangenen übergeben. Einige vorn Stehende spieen die beiden an
und schlugen auf sie ein. Dann tönte es gnadenlos über den Appellplatz:
„Aufhängen! Totschlagen!“ Es hätte nicht viel gefehlt, und dieses Urteil wäre
an Ort und Stelle vollzogen worden. Da jedoch griff der Lagerkommandant ein:
„In der Sowjetunion wird keiner aufgehängt und totgeschlagen. Wir sind keine
Faschisten. Die beiden werden anders bestraft. Sie kommen in den Karzer!“ Die
Posten führten die Männer ab – in den Karzer. Die Menge beruhigte sich
wieder.
Keiner von uns sah die beiden je wieder. Nach einiger
Zeit sprach es sich im Lager herum: Beide sind aus dem Karzer tot heraus
getragen und in der Steppe verscharrt worden. Das war wahrhaftig die Stalinsche
Methode, „Recht“ zu sprechen, wie sie in den zahllosen Gulags im ganzen Land
immer wieder praktiziert wurde ...Die „Menschlichkeit“ des Lagerkommandanten
enttarnte sich als pure Heuchelei!
Vor uns lag zunächst eine dreiwöchige Quarantänezeit,
während der wir in der Regel das Lager nicht verließen, sondern es, so gut das
möglich war, in Ordnung zu bringen hatten. Allmählich entstanden vor den Eingängen
kleine Gärten mit schmuckvoll gefertigten Bildern aus Steinen, die in
verschiedener Färbung und Größe im Lager zu finden waren. Auch wurden wir in
Bewegung gehalten, indem wir in langer Kette kleinere Steine mit bloßen Händen
von der einen Stelle des Lagers zur anderen zu tragen hatten, was mir damals
sinnlos erschien, aber als Bewegungstherapie wohl doch seinen Sinn hatte. Dabei
quälte uns die in dieser Steppe um diese Jahreszeit bereits herrschende
Sonnenglut. Bei Reparaturen an Wasserleitungsrohren ahnten wir schon ein wenig,
was uns dagegen im Winter erwarten würde. Die Rohre waren in zwei Meter Tiefe
verlegt, wo wir Ende Mai immer noch auf Eis stießen! — Zum Schlafen legten
wir uns vor die Baracken – dort ließen uns wenigstens die Wanzen einigermaßen
in Ruhe. Zu essen gab es morgens, mittags und abends einen halben Liter wässrige
Suppe mit einem kleinen Stück Brot, zu Mittag meist ein wenig Grütze oder
Hirsebrei, Kascha genannt. Unser starkes, quälendes Hungergefühl war damit
nicht zu stillen. Wir mussten diese Mahlzeiten im größten Gebäude unseres
Lagers an einem Essenschalter in Empfang nehmen. Über dem Schalter prangte wie
zum Hohn eine Stalinsche Grundweisheit: „Wer nicht arbeitet, der soll auch
nicht essen.“ Das hatte Marx doch wohl etwas anders gemeint, oder? — Noch
war der große Raum davor mit Gefangenen belegt, voll wie die Baracken auch.
Einige Zeit war ich ebenfalls dort untergebracht. An der dem Lagertor
zugewandten Giebelseite prangte ein Stalinzitat, das mir bereits am ersten Tag
aufgefallen war: „Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der
deutsche Staat bleibt.“ (Diese Losung hat ihren Wahrheitsgehalt nach fast fünf
Jahrzehnten endlich bestätigt, wenn auch ganz anders, als der Josef
Wissarionowitsch sich das damals gedacht haben mag!)
Die hygienischen Bedingungen blieben katastrophal! Da
war es im Männerlager schon eine Errungenschaft, wenn in der Mitte eine Grube
ausgehoben wurde und wir an der einen Seite einen „Donnerbalken“
befestigten, so dass wir unser „Geschäft“ zwar im Freien, aber wenigstens
nach deutscher Manier sitzend verrichten konnten. Später wurde eine überdachte
Einrichtung gebaut, wo die „russische Methode“ wieder praktiziert werden
musste.
Es dauerte nicht lange, bis das geschah, was in
krassem Gegensatz zur Quarantäne stand, was jedoch unter diesen Bedingungen der
physischen Belastung, der Verpflegung, der hygienischen Bedingungen, der
medizinischen „Versorgung“, der klimatischen Gegebenheiten und vor allem des
psychischen Zustandes der Frauen und Männer ,wir Jungen wurden besser damit
fertig, geschehen musste: In zunehmendem Maße wurden Seuchen zur Geißel
unseres Lagers! Überhaupt waren wir alle so geschwächt, dass eine Krankheit,
hatte sie den Organismus einmal gepackt, kaum mehr umzukehren war.
Ärzte, die unter uns Gefangenen waren, so Dr. Dowig
und Dr. Dübbers, taten gemeinsam mit den Männern und Frauen, die sich für die
risikovolle Arbeit in der Krankenbaracke voller Seuchenkranker aufopferungsvoll
zur Verfügung gestellt hatten, das unter diesen Bedingungen Mögliche.
Später waren es auch der aus einem Stalingrad-Kriegsgefangenenlager zu uns
abkommandierte Militärarzt Dr. Hein sowie eine sowjetische Ärztin, die den
schweren Kampf vor allem gegen die grassierenden Seuchen Ruhr, Typhus und
Gesichtsrose aufnahmen - viel zu oft vergebens. Medikamente und Verbandsmaterial
gab es so gut wie gar nicht. Die sommerlichen Temperaturen, bis zu 50 Grad
Hitze, und die mangelhafte Hygiene, zahllose Wanzen und schließlich auch Läuse
taten ihr Übriges. Daran konnte auch das wöchentliche Duschbad in der Banja
mit Entlausung der Kleidung nichts ändern. Trotz der Seuchenerkrankungen war
die Zeit der Quarantäne nach den verordneten drei Wochen beendet, und die Zeit
der Sklavenarbeit begann. Im August 1945 hatten die Todesfälle ihren Höchststand
erreicht. Täglich gingen dann über einen längeren Zeitraum in unserem Lager
zwanzig, dreißig und mehr Menschen elend zugrunde. Jeder von uns musste fürchten,
zu den nächsten zu gehören. Viele von denen, die in die Krankenbaracke
eingeliefert wurden, mussten nach wenigen Tagen tot hinausgetragen werden.
Ich dachte: ‘Nur nicht in diese Baracke
hineinkommen!’ Doch einmal, Ende August 1945, hatte es auch mich erwischt: Ich
wurde mit Fieber eingeliefert, gemessen wurden 39,6 Grad Celsius. Um mich herum
lagen Seuchenkranke, meine Ängste kann sich der Leser vielleicht vorstellen.
Doch nach sechs Tagen ging das Fieber zurück, und es gelang mir, so schnell wie
möglich aus dieser Baracke wieder hinauszukommen. Sofort musste ich auch wieder
zur Arbeit gehen. Doch nahm ich das in Kauf und hatte bei allem doch ein Glück,
wie man es unter solchen Bedingungen noch haben kann. Diese sechs Tage waren die
einzigen, während denen ich in meiner fast zweieinhalbjährigen Gefangenschaft
nicht arbeiten gehen musste. Auch wenn es mir an manchen Tagen elend zumute war
und ich auch Fieber hatte, nahm ich lieber die Arbeit in Kauf, als mich dem
Risiko einer Krankmeldung auszusetzen. –—
Die so Umgekommenen wurden nach der Arbeitszeit von
einem „Leichenkommando“ in der Steppe abseits vom Lager, in der Gegend, wo
ich gleich am ersten Lagertag eine Tote vergraben musste, gemeinsam in eine
Grube geworfen, die danach mit Erde zugeschüttet wurde. Zum Leichenkommando
wurden Jungen und Männer abkommandiert, die auf irgendeine Weise gegen die
Lagerordnung verstoßen hatten. Auch ich war mit meinen sechzehn Jahren einige
Male dabei, sei es, weil ich erfolglos versucht hatte, mich vor dem
allmorgendlich peinigenden Frühsport zu drücken, oder weil ich nicht die
Geduld aufbrachte, mein nächtliches Wasser dort, in einiger Entfernung,
abzuladen, wo es die Lagerordnung vorschrieb, und dabei erwischt worden war.
Zuerst mussten wir die Toten, die unbekleidet waren,
in dem fensterlosen finsteren Kellerraum des Verpflegungsbaus ertasten und dann
über eine Holztreppe hoch schleppen, wobei die Köpfe der Toten dumpf und
gespenstisch gegen die Stufen schlugen. Dann wurde diese schwere Last von uns
auf einen Wagen geladen, der tagsüber für den Brottransport benutzt wurde. Die
Ladefläche war mit einem „weißen“ Tuch bedeckt. Wenn wir die vom Posten
genannte Anzahl beisammen hatten, wurden wir zu der in der Steppe entfernt
liegenden Grube geführt, wo wir auf den von einem Kamel gezogenen Wagen warten
mussten. In der schlimmsten Zeit musste der Wagen zweimal herangefahren werden
(G. Dürksen) Gräberfeld in Batamscha (Kimpersai).
Hier ruhen über eintausend Opfer.
G. Dürksen hat bei der Gestaltung des Gräberfeldes mitgewirkt.
Der in der zweiten Septemberhälfte eigentlich ohne
einen Herbst hereinbrechende Winter, beginnend mit minus 10 Grad und sich schließlich
bis unter minus 40 Grad steigernd, war, so eigenartig das jetzt scheinen mag,
die wirkungsvollste Medizin. Seine Gefahren waren anderer Art. – Die Seuchen
klangen endlich ab, es starb kaum noch jemand. Wir, die wir überlebt hatten,
waren ein weiteres Mal davongekommen.
Von Zeit zu Zeit fanden Zählappelle statt. Die
Lageroffiziere hatten vor sich Listen aus Packpapier, wo auf handgezogenen
Linien unsere Namen geschrieben waren. Formulare dafür gab es nicht. Sie wurden
einer nach dem anderen vorgelesen, nach russischer Art: Familienname, Vorname,
Vatersname. Wir bestätigten entweder mit „hier“ oder mit „tot“ - dann
wurde der Name durchgestrichen. So konnten auch wir erfahren, wie viel
umgekommen und wie viel übrig geblieben waren, denn einige von uns waren so
klug und zählten still mit. Schließlich waren bis zu der Zeit, als das Lager
aufgelöst wurde, Ende 1949, von ursprünglich zweitausendvierhundert nur noch
weit weniger als die Hälfte am Leben geblieben!
Manche Historiker wehren sich heute gegen einen, um
es vereinfacht zu sagen, Hitler-Stalin-Vergleich. Nun, gleichsetzen lässt sich
beides sicher nicht, aber vergleichen:
Stalins Lager waren wie die Hitlers sowohl Ausdruck
perverser Phantasien eines einzelnen zur politischen Macht gelangten
paranoischen Politikers als auch einer auf uneingeschränkter Machtausübung
basierenden Ideologie, was Machtmissbrauch zwangsläufig zur Folge hat. Ihre
Insassen waren ebenfalls zumeist zu Schuldigen deklarierte Unschuldige und keine
Verbrecher, oft nicht einmal „Feinde“, in Stalins Gulags sogar die eigenen
Genossen. Auf beiden Seiten waren diese Lager staatlich sanktioniert. Ein
Unterschied Stalinscher Lager zu Hitlers Lagern: Sie waren nicht bis zur letzten
Konsequenz zur Vernichtung bestimmt, sondern ihre Insassen hatten die
„Chance“, nach verbüßter „Strafe“ für Nichtbegangenes mit dem Leben
davonzukommen. Doch für die meisten von ihnen existierte diese „Chance“
nicht. Sie gingen an der schweren Arbeit unter verheerenden Lebensbedingungen
und an Seuchen zugrunde. Ihr Tod war vorhersehbar und wurde billigend in Kauf
genommen. Für sie ist jeder „Unterschied“ bedeutungslos! — Wer überlebte,
behielt traumatische Erinnerungen und meist lebenslange gesundheitliche Schädigungen.
Wir Deportierten des Kimpersaier Lagers waren willkürlich
gefangen genommen worden. Demzufolge waren in unserem Lager nahezu alle Bevölkerungsschichten,
Berufe, ideologische Orientierungen vertreten, wie sie für die Gesellschaft
Hitlerdeutschlands charakteristisch waren: Arbeiter, Bauern, Hausfrauen,
Angestellte, Gewerbetreibende, Handwerker, Lehrer und Schüler, Beamte, Ärzte
und Apotheker, Künstler usw.; Mitglieder und Funktionäre der Nazipartei ebenso
wie ehemalige Sozialdemokraten und Kommunisten (z. B. M. S., ein Freund meines
Vaters), eine KZ-Ärztin neben politischen Häftlingen aus dem KZ, auch Angehörige
der Wehrmacht und der Kriegsmarine, die ihre Uniform aus- und Zivilkleidung
angezogen hatten, um den sicher verlorenen Krieg für sich zu beenden und der
Gefangenschaft zu entgehen - vergebens!– Müttern waren die Kinder entrissen
worden, nun erwartete sie in der Sorge um die Zurückgelassenen ein ungewisses
Schicksal hier in Kasachstan. Ich selbst war bis zu meiner Gefangennahme Schüler
der sechsten Klasse der Mittelschule St. Katharina in Danzig gewesen.
Die meisten von uns wurden Arbeitsbrigaden
zugeordnet. Zu diesen gehörte auch ich. Frühmorgens mussten wir in Kolonnen
das Lager verlassen, in der ersten Zeit von bewaffneten Posten flankiert. Auch
unsere Arbeit mussten wir unter Bewachung verrichten. Ihr „Dawai!“,
„Bistro!“ und ihre obszönen Flüche, an denen die russische Sprache reich
ist, begleiteten uns den ganzen Tag. Zwar erfuhren wir, dass derartige Flüche
in der Sowjetunion verboten wären, doch sie gehören zur Alltagssprache, ihr
Verbot war sinnlos, dieser Widerspruch zwischen Theorie und Praxis einer der
geringsten.
Unsere Arbeiten waren verschiedener Art. Jede Brigade
wurde dort eingesetzt, wo sie gerade gebraucht wurde, und das erfuhren wir
zumeist erst an Ort und Stelle.
Hauptarbeitsstätte war die Nickelgrube, ein Tagebau
unweit des Lagers. Auf den Nickelreichtum in diesem Gebiet war 1941 zuerst das
Lager der Russlanddeutschen und danach der Ort Kimpersai gegründet worden. Wie
wir erfuhren, bestand hier die Erde bis zu sieben Prozent aus dem entsprechenden
Mineral. An manchen Stellen blinkte es uns unter dem Steppengras entgegen.
Schicht für Schicht wurde die Nickelerde von großen Schaufelbaggern
amerikanischer Herkunft auf Spezialwaggons geladen, deren Boden beiderseits
abklappbar war. Diese Erde wurde in der entfernt gelegene Stadt Nickel, die wir
am letzten Tag unseres Transports durchfahren hatten, verhüttet. Wir hatten das
Gelände zu planieren und die Geleise mittels Brechstangen so zu verlegen, dass
die Waggons immer wieder in Reichweite an den Schaufelbagger und an den
Haldenrand herangefahren werden konnten. Das rhythmisch-melodische „jescho ras
- jescho pidnalli - ras dwa wsalli“ konnten wir bald selbst rufen. Es vereinte
unsere Kräfte und half uns, die schwere Arbeit zu bewältigen. Damit die
Geleise von der Waggonlast befahren werden konnten, mussten sie von uns mit
einem hölzernen Werkzeug gestopft werden. Dazu benutzten wir Nickelschlacke,
schwarz glänzend und grobkörnig, die wiederum aus dem Hüttenwerk in Nickel
mit den gleichen Waggons zurück zu uns gelangt war. Ihre schwebenden
Bestandteile glitzerten in der bis über vierzig Grad auf uns herabstrahlenden
Sonnenglut und drangen in alle Poren unserer Haut.
Oft wurden wir auch eingesetzt, um Waggons zu
entladen – Steinkohle aus dem Steinkohlengebiet um Karaganda für die
Grubenlokomotiven und das Kraftwerk. Grudekoks war, wie wir bald erfahren
sollten, auch für unsere Baracken im Winter bestimmt. Eisenbahnschwellen aus
schwerem Holz. Ziegelsteine , die von so schlechter Qualität waren, dass sie
oft bei bloßer Berührung zerbrachen, usw.
Auch zu Streckenarbeiten wurden wir immer wieder
herangezogen: Schienen wieder ausrichten - die Strecke glich auch im Normalfall
zwei oft bis ins Unendliche nebeneinander herlaufenden Schlangen – oder
Schienen und Schwellen auswechseln – sie waren mit Schienennägeln, ebenfalls
amerikanischer Herkunft, vernagelt. Geleise mussten von uns auch völlig neu
verlegt werden. Unsere körperliche Beschaffenheit spielte dabei keine Rolle.
Unsere Mädchen und Frauen mussten die gleichen schweren Arbeiten verrichten,
denn sie waren ja nach dem sowjetischen Verständnis „gleichberechtigt“. Ich
muss feststellen: Sie taten das keineswegs mit einem geringeren Ergebnis, im
Gegenteil!
Besonders gefragt waren unsere „Spezialisten“, so
wurden diejenigen genannt, die ein praktisches Handwerk gelernt hatten: Maurer
Schlosser, Dreher, Schweißer, Elektriker u. ä. Zwei von uns waren, wie wir
heute sagen würden, die Kings. Sie waren Gießer, und die gab es außer ihnen
in ganz Kimpersai nicht. Es schien, als hätte man auf sie besonders gewartet.
Sie waren unter jenen Bedingungen geradezu unersetzbar. Denn ein zerstörtes
Maschinenteil hätte ohne sie meist dazu geführt, dass die ganze Maschine
unbenutzbar geblieben wäre. Sie waren demzufolge in Kimpersai hoch geachtete
Leute und die ersten, die für ihre Arbeit Rubel ausgezahlt bekamen. Dafür
konnten sie sich auf dem Basar in Kimpersai einige Lebensmittel kaufen. Auch
durften sie sich freier bewegen. Andere Spezialisten arbeiteten ebenfalls in
einzelnen Werkstätten und wurden bald ausgezahlt. Ihr Sklavendasein war auf
diese Weise etwas reduziert. Der weitaus größere Teil von uns, diejenigen, die
in den oben genannten Brigaden arbeiteten, bekam für seine Arbeit, solange ich
in Kasachstan war, nicht eine einzige Kopeke. Wir waren den Lagerbedingungen
uneingeschränkt ausgesetzt. Als ich im Frühsommer 1947 endlich heimkehren
durfte, musste ich unterschreiben, dass ich eintausendneunhundert Rubel Schulden
hinterlasse. (Zur Erinnerung für den Leser: Außer jenen sechs Tagen in der
Krankenbaracke habe ich keinen einzigen Arbeitstag versäumt! —) Allen
anderen, die mit mir heimkehren durften, erging es ebenso. Unsere Heimkehr
wollten wir nicht riskieren, wir waren froh, dass wir überlebt hatten – also
unterschrieben wir. Ob es sich hier nur um einen formalen Akt handelte oder ob
diese Schuld jemals eingelöst werden musste, von der DDR oder der
Bundesrepublik, ich weiß es nicht. Das ließe sich mit dem Begriff
„Ausbeutung“ nicht mehr bezeichnen, dafür gibt es noch kein Wort, zumindest
nicht im Deutschen!
Als „Internierte“ hatten wir Anspruch auf den
Achtstundentag, doch dieser Anspruch stand meist nur auf dem Papier. Oft war es
so, dass kurz vor dem uns eigentlich zustehenden „Feierabend“ ein neuer
Arbeitsabschnitt begonnen wurde. Der musste dann zum Abschluss geführt werden,
auch wenn die acht Stunden längst vorüber waren. Arbeitspausen wurden
weitgehend eingehalten.
Gearbeitet wurde nach einer Norm. Sie war jedoch so
hoch angesetzt, dass wir ausgemergelten Gestalten dieses Ziel meist nicht
erreichten. Bei Normübererfüllung stand uns ein so genannter „Stachanow4-Talon“
zu. Das bedeutete, dass dieser Brigade am nächsten Morgen eine etwas höhere
Brotration zugeteilt wurde. Um das zu erreichen, arbeiteten wir oft bis über
unsere Kräfte, so dass wir uns mehr ruinierten, als wenn wir auf diese geringe
Rationserhöhung verzichtet hätten.
4 Stachanow war ein russischer Bergmann, der 1935 in einer Schicht seine Norm vierzehnfach übererfüllt haben soll. Danach gehörte er zur Nomenklatura und brauchte nie wieder einen Bohrhammer zu berühren. Ihm war die Aufgabe zugedacht, alle Arbeiter in der Sowjetunion zu erhöhten Arbeitsleistungen zu bewegen, und das oft nur für ein Stück trockenes Brot.
Den 1. Mai 1946 erlebte ich noch in Kimpersai. Am
„Internationalen Kampf- und Feiertag aller Werktätigen“ ruhte auch für uns
die Arbeit. Feierlich war für uns, dass unsere Brotration in Weißbrot
ausgewogen wurde, wir den ausgewogenen Teil eines Apfels (die Hauptstadt von
Kasachstan heißt „Alma Ata“, auf Deutsch „Mutter des Apfels“) und einen
Bonbon erhielten. Bestarbeiter, dazu gehörten ein paar unserer
„Spezialisten“ und Brigadiers, wurden als „Prämie“ zu einem
„Festessen“ in den Speiseraum „geladen“.
Angeleitet bei unseren Arbeiten wurden wir von Russlanddeutschen, wie wir sie bereits am Tage unserer Ankunft kennen gelernt hatten. Nach ihrer Herkunft nannten wir sie Ukrainer. Wir hatten zueinander im Allgemeinen ein sehr gutes Verhältnis, nicht nur wegen der gemeinsamen Sprache und Nationalität, sondern auch weil wir Schicksalsgefährten waren. Sie waren nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion bereits im Jahre 1941 nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion auf der Grundlage eines Stalinschen Dekrets generell als „Volksverräter“ angeschuldigt und ohne den Nachweis einer Schuld unter unmenschlichen Bedingungen deportiert worden, nach Sibirien und die meisten nach Kasachstan, so auch in dieses Steppengebiet. In einer Nacht- und Nebelaktion hatten sie Haus und Hof im Wolgagebiet verlassen müssen, die meisten Familien wurden mit brutaler Willkür auseinander gerissen. Zu unserer Zeit waren sie immer noch auf der Suche nacheinander.
Von Rotarmisten waren sie nach langen Leidensmärschen
auf Sammelstellen und dort in Güterwaggons getrieben worden, in denen sie nach
langer Fahrt, schwer bewacht, zu diesem auch ihnen unbekannten Ziel gebracht
wurden, mit einem wesentlichen Unterschied: Sie waren zu Beginn des harten
Winters der bloßen Steppe ausgesetzt worden und mussten sich erst einmal im
Schnee eingraben und sich mit Stacheldraht selbst umzäunen. Auch das Lager, zunächst
waren es bei bis zu minus 40 Grad Celsius bloße Zelte, mussten sie danach
selbst errichten. Parallel dazu mussten sie mit Spaten, Spitzhacken und
Schaufeln die Nickelförderung beginnen. Die kleinen Kinder und die Alten überlebten
den ersten Winter nicht.
In den folgenden Jahren hatten sie unter
schwierigsten Bedingungen mit dem Aufbau Kimpersais begonnen und waren vor
unserer Ankunft in die von ihnen errichteten Lehmhäuser umgezogen. Ihr
Deportationsgebiet durften sie erst seit Mitte der fünfziger Jahre verlassen.
Von ihnen überlebte nur etwa ein Drittel. So löste sich für uns das Rätsel
nach unseren Vorgängern. —
Russen gab es zunächst kaum in diesem Gebiet. Die
wenigen jedoch hatten die höchsten Kommandostellen besetzt. Auch Ukrainer gab
es in Kimpersai, die als Wirtschaftsleiter, Natschalniks genannt, eingesetzt
worden waren. Als ab 1946 demobilisierte Rotarmisten nach Kimpersai kamen,
mussten die meisten von ihnen ihren Posten an völlig unqualifizierte Leute
abtreten.
In gebührender Entfernung von uns bemerkten wir oft
Arbeitskolonnen schwarzbärtiger Männer, mit orientalischer Kopfbedeckung und
Kleidung, und auch orientalisch gekleidete Frauen. Es waren Tschetschenen, die
wie viele Tausende ihresgleichen am 23. Februar 1941 aus ihrer kaukasischen
Heimat deportiert worden waren. Als sich die Spitzen der deutschen Wehrmacht
ihrem Kaukasusgebiet näherten, verdächtigte Stalin sie der Kollaboration.
Nachdem Berijas Schergen in ihre Dörfer eingefallen waren, gaben sie den
Tschetschenen, Männer, Frauen und Kinder, drei Stunden Zeit bis zum
Abtransport. Sie wurden nach Sibirien, die meisten nach Kasachstan deportiert.
Ein Drittel von ihnen ging bereits auf dem Transport in der Eiseskälte zugrunde
Sie hatten abseits von Kimpersai, unweit unseres Lagers, ihre Hütten errichten
müssen, nachdem sie wie die Ukrainer in der Steppe ausgesetzt worden waren. Wir
nannten diese Siedlung das Tschetschenendorf. Arbeiten mussten sie wie wir in
Kolonnen, aber zu unserer Zeit schon ohne Bewachung. Doch unsere Posten sorgten
nach Möglichkeit dafür, dass wir zueinander keinen Kontakt hatten. — Sie
waren strenggläubige Mohammedaner und führten ein isoliertes, völlig
unterprivilegiertes Dasein ohne die geringste Perspektive.
Wir waren etwa ein halbes Jahr in Kimpersai, da
mussten wir wieder einmal zu einem Appell antreten. Dort verkündete der
Lagerkommandant, dass wir auf der Grundlage eines Dekrets der Sowjetregierung
Internierte wären. Demzufolge bekämen wir neben der militärischen auch eine
zivile Lagerleitung aus unseren Reihen.
Das war eine Lüge, was ich erst Jahrzehnte später
erkannte.5
In Wirklichkeit waren wir aus unserem Heimatgebiet Danzig zur Zwangsarbeit nach
Kasachstan Deportierte, deutsche Zivilisten.
5 Das war eine Lüge. Denn dazu heißt es in "Meyers Universallexikon", VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1982, Bd. 2, S. 379:"Internierung: Freiheitsbeschränkung, die ein kriegführender Staat zu seinem Schutze gegen die auf seinem Gebiet verbleibenden Angehörigen des gegn. Staates (Zivil-Int.) ... meist in besonderen Lagern in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht durchführt."
Wir nahmen diese Verkündung erfahrungsgemäß äußerst
misstrauisch auf und sollten damit auch Recht behalten. An unserer Lage änderte
sich praktisch nichts, wir lebten im Lager nach wie vor streng bewacht hinter
Stacheldraht und verschlossenem Tor. Zur zivilen „Lagerleitung“ wurden drei
Männer aus unseren Reihen administrativ bestimmt. Von nun an gab es eine
hierarchische Spitze von privilegierten „Internierten“. Es waren forsche
Leute, Kommunisten schienen sie mir nicht zu sein. Sie mussten nicht mehr mit
uns zur Arbeit in der Kolonne hinausmarschieren, stolzierten bald, gut und nach
russischer Manier gekleidet, im Lager herum. Bei den Appellen durften sie neben
dem Kommandanten stehen und zu uns sprechen, zu sagen hatten sie trotzdem
nichts. Ihr eigentliches Wirken blieb uns verborgen.
Eine gewisse Erleichterung brachte uns dieser neue
Status dennoch: Wir waren fortan während der Arbeitszeit ohne militärische
Bewachung, die Verantwortung für uns trugen dort Brigadiere, ebenfalls aus
unseren Reihen und administrativ bestimmt. Sie waren nicht zu beneiden. Zwar
brauchten sie nicht mitzuarbeiten, doch die meisten taten es trotzdem.
Privilegiert lebten sie nicht, im Gegenteil. Sie hatten die Verantwortung für
unsere Arbeitsleistung und unser Verhalten zu tragen. Für sie war es eine
Gratwanderung. Die Arbeitsnorm zu erfüllen, das war mit uns, die wir ausgezehrt
und total unmotiviert waren, keine leichte Aufgabe. Wie sie mit uns zurechtkamen
und wir mit ihnen, das hing im Wesentlichen davon ab, auf welche Seite sie sich
praktisch stellten.
Einmal gehörte ich zu einer Brigade, die in
Kimpersai auf einem Freigelände große, für den Hausbau bestimmte Ziegel
herzustellen hatten. Die in einem Mischer erzeugte Masse aus Sand, Wasser, Kalk
und Zement musste in Holzformen gepresst und auf das Gelände getragen werden,
wo sie, aus ihrer Form befreit, Reihe in Reihe von der Sonne getrocknet wurde.
In der Nähe stand ein Ziegelsteinrohbau, wegen Baumängel nicht fertig
gestellt. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt. Mit dem Spürsinn unter großem
Hunger Leidender entdeckten wir bald, dass dahinter Getreide gelagert war. Wenn
es dem Arbeitsende zuging, meldete sich einer nach dem anderen bei unserem
Brigadier, Dr. Schmidt, ab, angeblich einer gewissen „Entledigung“ wegen.
Der ließ uns gehen und schaute ins Leere... Wir taten das Gegenteil dessen,
weshalb wir uns eigentlich abgemeldet hatten, sondern füllten nach und nach
unsere Hemden und Hosen mit dem kostbaren Gut. Mit dieser Last gelangten wir,
einige Tage unbemerkt, durch die Lagerwache und genossen abends unser köstliches
Mahl aus Wasser und Mehl. Gemahlen hatten wir die Körner auf „Mühlen“, wie
sie einige „Spezialisten“ gefertigt hatten: Eine mittels Nägeln durchlöcherte
Konservenbüchse war, den Grat nach außen, auf einen pyramidenförmigen
Holzkern gepresst und auf ein Brett befestigt worden. Darüber gestülpt war
eine zweite, ebenfalls durchlöcherte Konservenbüchse, den Grat nach innen.
Daran war ein Stiel befestigt. Zwischen beide Büchsen schütteten wir unsere
Getreidekörner, und so, wie wir den Stiel drehten, rieselten unten unsere
zerquetschten Getreidekörner kochfertig heraus. Natürlich bekamen unser
Brigadier und die Mühlenbesitzer ihren Teil ab. Endlich einmal konnten wir
unseren Hunger stillen. Das war ein Leben!
Es fand sein jähes Ende. So sehr wir unsere Hosen
oben und unten auch zugeschnürt hatten: Der Weg unserer Kolonne ins Lager war
unübersehbar durch eine verräterische Getreidespur markiert. Eines Tages kamen
wir ans Lagertor und wurden von den Posten gefilzt. Ich hatte trotzdem Glück,
denn ich hatte mich nur des Hemdeninhalts zu entledigen, den Hoseninhalt übersah
der Posten. Dr. Schmidt und zwei weitere Brigademitglieder mussten für uns drei
Tage lang in den Karzer. Doch so schwer uns das auch fiel, jeder von uns
spendete jeden Morgen eine Scheibe seiner spärlichen Brotration, und wir fanden
Wege, dieses kostbare Gut unseren Karzerinsassen zukommen zu lassen. Dr. Schmidt
wurde leider abgesetzt, und uns alle hatte der Hunger wieder eingeholt.
Es war um die gleiche Zeit, in der ich Ziegel in
Kimpersai produzieren musste, als eines Tages wieder einmal ein Lagerappell
stattfand und der Lagerkommandant, wir nannten ihn den „Glatzenmajor“, uns
eine Botschaft verkündete, auf die wir vom ersten Tage an sehnsüchtig gewartet
hatten: Wir würden in den nächsten Tagen nach Hause fahren. Die Güterwaggons
für unseren Abtransport stünden schon in Kimpersai bereit. Zuvor hätten wir
jedoch folgendes zu tun: Wir müssten zum Duschen in die Banja gehen und alles,
was wir besäßen, aus den Baracken dorthin zur Entlausung mitnehmen. Die
Baracken würden kontrolliert, und wer dort etwas versteckt hätte, dürfte
nicht nach Hause fahren! Wer noch deutsches Geld bei sich hätte, müsste dieses
abgeben. Denn wegen der Hakenkreuze darauf wäre dieses Geld streng verboten.
Wer deutsches Geld versteckte, müsste hier bleiben und würde sogar bestraft.
Ich hatte mit diesen Bedingungen keine Probleme. Die Art meiner Gefangennahme
hatte von vornherein dafür gesorgt, dass ich nur das besaß, was ich auf dem Körper
trug. Auch an Geld hatte ich keinen Pfennig bei mir. Von meinen Lederhandschuhen
hatte man mir bekanntlich in Moskau „befreit“. Doch andere, vor allem
solche, die aus Ostpreußen geflüchtet waren, hatten einen gewisse „Habe“,
auch wenn diese bei allen bisherigen Filzungen bis zu unserer Ankunft im Lager
auf ein Minimum zusammengeschrumpft war. ‘Doch was soll’s! Wir werden doch
nicht unsere Heimfahrt riskieren. Die Hauptsache ist, wir kommen endlich nach
Hause!’
Als wir geduscht hatten und die Kleidung entlaust
worden war, fand unerwartet jeder von uns nur soviel auf seinem Kleiderring vor,
wie er unbedingt benötigte, um sich anzukleiden. Gute Sachen waren durch
weniger gute ausgetauscht. Wehren konnten wir uns nicht.
Der Banjaleiter war ein gewisser Lewanzyk. Er hatte
im KZ Stutthof gesessen und, wie es hieß, aus diesem Grund seinen Posten in der
Banja erhalten. Wie es sich jedoch herumgesprochen hatte, war er wegen eines
Wirtschaftsvergehens dorthin gekommen: Er war Fahrer des Danziger Milchhofs
gewesen und hatte vor der Auslieferung der Milch den Rahm abgeschöpft. Ihm
trauten wir sowieso nicht. Als angeblich von den Nazis Verfolgter schikanierte
er uns, wo er nur konnte.
Das alles konnte jedoch unsere Freude auf die
Heimfahrt nicht ernsthaft schmälern. Das Gerücht wurde im Lager verbreitet,
einige von uns hätten die für uns bestimmten Waggons schon in Kimpersai
gesehen. Also konnte nichts mehr schief gehen, wenn jeder sich nur ruhig
verhielt.
Zwar hielten wir auf dem Weg zur Arbeit vergebens
nach den für uns angeblich bereitstehenden Güterwaggons Ausschau, doch unseren
Glauben an die baldige Heimfahrt ließen wir uns nicht nehmen. Bei der Arbeit
konnte uns nichts mehr erschüttern. ‘Ihr könnt uns mal alle den Buckel
herunterrutschen, wir fahren sowieso in den nächsten Tagen nach Hause!’
Plötzlich tauchte ein Major aus dem Lager,
schwarzhaarig, in unserer „Ziegelei“ auf. Der Ukrainer dort fragte ihn, was
denn mit den Deutschen los wäre? Sie behaupteten alle, sie würden nach Hause
fahren. Der Major wandte sich in gebrochenem Deutsch an uns, ich höre ihn, als
wäre es erst geschehen: „Was, nach Chause? Ihr zwei Jahre arbeiten, dann nach
Chause!“ Wir alle waren geschockt und verstummten.
Diese Hiobsbotschaft verbreitete sich wie ein
Lauffeuer im Lager. Keiner wollte das wahrhaben. Doch auf unsere Heimfahrt
warteten wir vergebens, und schließlich mussten wir erkennen: Der Major auf der
Baustelle hatte uns die Wahrheit gesagt, der Glatzenmajor und Lewanzyk hatten
uns belogen und betrogen. Sie hatten mit uns ein ganz böses Spiel getrieben, um
sich zu bereichern und, was Lewanzyk anbetrifft, sich Privilegien und Macht über
uns im Lager zu verschaffen. Wir Jungen steckten das allmählich weg, doch Ältere
gab es unter uns, die darüber den Verstand verloren und für die es das Ende
war.
Bald darauf kam wieder einmal eine Kommission
aus Moskau ins Lager. Derartige Kommissionen hatten zwei Seiten: Einerseits
verbreiteten sie Furcht unter uns, andererseits gab es an einem solchen Tag
besseres Essen. Es waren hohe Offiziere und Zivilisten, männlich und weiblich
— Vertreter des NKWD. Sie kontrollierten das Lager und verhörten uns, auch
ich wurde verhört und wurde immer wieder nach meinem Namen und meiner Adresse
in Danzig gefragt, ebenso nach meinen Eltern und meiner und deren Tätigkeit.
Mich ließen sie, im Unterschied zu einigen anderen, jedoch bald in Ruhe. Ich
weiß von ehemaligen Wehrmachtangehörigen unter uns, dass sie
zusammengeschlagen wurden, bis sie sagten, was sie verheimlicht hatten. Das
Spitzelsystem des NKWD in der Sowjetunion hat es allem Anschein nach im Lager
auch gegeben. So erinnere ich mich an Fritz Mischewski, angeblich aus Danzig,
der zugeben musste, dass er Sepp Eichinger heiße, aus Bayern stamme und bei den
Gebirgsjägern gewesen sei. Er erzählte uns von seinem Schicksal. Zehn Jahre später
wurde ein solches System bekanntlich nach sowjetischem „Vorbild“ in der DDR
auch aufgebaut
Jeder
von uns Kimpersaiern kennt den lustigen Matrosen Hein, den wir alle sehr mochten
und dem es im Herbst 1946 ähnlich erging. Heinz Daniel – Er war bei der
Kriegsmarine gewesen und offensichtlich von einem „Kameraden“ verraten
worden.
Nach dem Besuch dieser Kommission geschah folgendes:
Etwa einhundert Lagerinsassen, zu ihnen gehörten die KZ-Ärztin und ehemalige
Soldaten, wurden unter strengster Bewachung, wie wir sie bis dahin nicht erlebt
hatten, aus dem Lager abgeführt. Unter diesen Gefangenen befand sich auch
Lewanzyk! — Sie wurden nach Kimpersai zu dort diesmal tatsächlich
bereitstehenden Waggons gebracht. Dieser Gefangenentransport verließ mitsamt
seinen Bewachern Kimpersai. Sein Ziel blieb uns unbekannt, ebenso das Schicksal
der Betroffenen.
Der Glatzenmajor verschwand ebenfalls aus dem Lager.
Er war degradiert worden. Einige von uns hatten ihn in Kimpersai als einfachen
Arbeiter entdeckt.
Die Hoffnung auf eine baldige Heimkehr hatten wir
trotz dieser schweren Enttäuschung nicht aufgegeben. Die geringste Veränderung
wurde von uns in dieser Richtung interpretiert. ‘Warum hat man diejenigen von
uns, die, aus welchem Grunde auch immer, in Gefangenschaft bleiben sollen, in
ein anderes Lager transportiert? Doch nur, weil wir, die keinerlei Schuld auf
uns geladen haben, bald nach Hause dürfen! Die Wirren des Kriegsendes sind vorüber,
und die Kommission hat in Moskau berichtet, dass wir in Kimpersai Gebliebenen
unschuldig sind. Alles Bisherige ist ein Irrtum gewesen. Das kann so nicht
weitergehen.’ Mit solchen und ähnlichen Gedanken machten wir uns Mut, obwohl
es auch Zweifler gab. Ich jedoch gehörte nicht dazu.
An den langen Abenden, wenn wir unsere Tagesarbeit
hinter uns hatten, ließen wir unseren Gedanken freien Lauf – die einzige
Freiheit, die wir uns leisten konnten. Eines Abends hörte ich aus unmittelbarer
Lagernähe Klänge! Nach einem Radio hörte sich das nicht an, auch gab es so
etwas wie ein Radio im ganzen Lager nicht
Ich ging diesen Klängen nach und fand des Rätsels Lösung:
Einer unserer Spezialisten hatte sich eine Teufelsgeige gebaut und musizierte
darauf. So wie diese Musik auf uns wirkte, konnte das keinesfalls mit dem Teufel
zugehen. Unsere Gesichter hellten sich für kurze Zeit auf. Bald danach holten
einige ihren Kamm und beendeten sein funktionsloses Dasein bei uns
Kahlgeschorenen, indem sie ihn mit einem Stück Papier umwickelten, darauf
bliesen und so gemeinsam mit dem Teufelsgeiger fast ein kleines Orchester
bildeten. Das geschah zu unser aller Freude von nun an öfter, vor allem an
Sonntagen. Den Lageroffizieren blieb das nicht verborgen, auch sie hatten ihre
Freude daran, denn die meisten Russen lieben bekanntlich die Musik sehr.
Kurze Zeit danach wurden diese „Instrumente“ ergänzt
durch eine richtige Violine! Es war unser Kamerad Oskar Fröse, der aus ihr oft
wunderbare Musik zauberte. Wir standen um ihn herum und vergaßen fast, dass wir
in Kimpersai waren. — Als wir erfuhren, dass es eine deutsche Geige war,
erklang sie uns noch schöner. Ihre Herkunft ließ sich schnell aufklären: Als
auch die Lageroffiziere das Teufelsgeigenorchester erlebt hatten, schafften sie
aus sicher reichlich vorhandenem Beutegut diese richtige Geige herbei, und unser
Oskar Fröse entzauberte sie für uns!
Einige Zeit verging, da kamen die Lageroffiziere auf
eine Idee: ‘Die Deutschen hier könnten doch auch an Sonnabend Abenden für
uns und sich spielen und singen!’ Während eines Appells trugen sie diese Idee
an uns heran. Wir waren zunächst darüber alles andere als erfreut. ‘Sollen
sie uns endlich nach Hause lassen, vorher spielen und singen wir nicht!’
Befehlen konnten sie uns das nicht, was hätte daraus werden sollen? Aber sie
ließen auch nicht nach.
Uns Männer lockten sie mit einem Privileg: Wer
mitmacht, der darf sich wieder seine Haare auf dem Kopf wachsen lassen! Vor
allem uns Jüngeren war eine gewisse Eitelkeit nicht völlig abhanden gekommen,
hatten wir doch unsere Frisuren schon in Deutschland vor der geforderten
„Streichholzlänge“ verteidigen müssen. ‘Wie sehen wir aus, wenn wir mit
einer Glatze nach Hause kommen. Und vielleicht bekommen wir als Anerkennung hin
und wieder auch einmal einen Essensnachschlag.’ Es war also in dieser Lage,
das muss der Wahrheit zuliebe zugegeben werden, nicht nur ein Bedürfnis nach
Kultur, was mich und sicher auch die meisten anderen zunächst dazu bewog, den
Widerstand aufzugeben.
Ich hatte in der Schule eine Eins in Musik und war eifriges Mitglied des Schulchores gewesen. Mein Klassenlehrer, Herr Heusmann, Leiter der Danziger Rundfunkspielschar, war unser Chorleiter gewesen. Dann hatte ich im Danziger Stadttheater als Statist mitwirken dürfen, und zwar als Fischerjunge in der Oper „Enoch Arden“ und als Page in dem Schauspiel „Die Infanten“. Daran erinnerte ich mich wieder, und so meldete auch ich mich, um mitzumachen.
Wir
waren mehrere Jungen, die sich zu einer Gruppe zusammenfanden und Schlager
mehrstimmig sangen, welche wir noch aus der Heimat kannten. Dazu gehörte auch
Harald Leitner, etwas jünger noch als ich. Wir kannten uns schon aus Danzig,
denn er wohnte auf Brabank, einer Parallelstraße der Wallgasse. Auch unser
lustiger schmucker Matrose Hein gehörte dazu. Er brachte uns u.a. diesen
Schlager bei, den wir besonders gern sangen und für den wir viel Beifall
erhielten:
Still
liegt die Steppe, kein Mensch ist zu sehn,
nur
auf der Treppe, wen kann man dort sehn?
Und
der Wind pfeift die Bitten Johannas ihm vor
Pedro,
lass die Gitarre erklingen,
Sollst
ihr noch einmal ihr Liebeslied singen,
Sing
ihr das Lied, das sie gerne gehört,
sing
ihr das Lied von Liebe und Treu,
Pedro,
lass die Gitarre erklingen, und sie wird glücklich sein.
(Summen ...) und sie wird glücklich sein.“
Wen wundert es, dass Hein eine unter unseren Mädchen
im Lager fand, die ihn von ganzem Herzen liebte. Die Liebe währte länger als
ein Jahr, bis er eines Tages sie und uns verlassen musste. Sie blieb untröstlich
zurück. —
Wir
wurden von unseren Kameradinnen und Kameraden liebevoll die „Zieselmäuse“
genannt, dementsprechend nannten uns die Ukrainer und Russen „Zusliks“. –
Die Zieselmaus ist eine in der kasachischen Steppe lebende Hamsterart. Einmal
durfte ich den Männerpart im Duett „Wer uns getraut“ singen. Das führte zu
einem Spaß, wie er in Text und Melodie nicht gerade angelegt ist. Denn ich war
sechzehn Jahre alt, und meine Partnerin war die damals zwar junge, aber im Verhältnis
zu mir doch einige Jahre ältere Lotti Heuthe, die wir ihrer schönen Stimme
wegen die „Kimpersaier Nachtigall“ nannten.
Später
durfte dieses Duett in unserem Lager nicht mehr gesungen werden. Der Grund:
Darin sei von Sklaven und Königen die Rede, und die gäbe es in der Sowjetunion
nicht mehr. —
Unter uns befanden sich auch Berufskünstler, so der
Konzertmeister des Danziger Stadttheaters Werner Creutzburg. Er war der Leiter
unseres kleinen Ensembles, komponierte und textete. So war er es, der das
„Bataillonslied des Lagers 1090 Kimpersai“ schuf:
treten morgens
pünktlich an, und zur Arbeit geht es dann.
1090 ist die
Zahl unsres Lagers weit vom Tal.
Auf der Steppe
windgen Höhn wir zur Nickelgrube gehn
Alle arbeiten
mit Fleiß, Tag und Nacht, ob’s kalt, ob’s heiß.
Es wird wieder
gut gemacht, was der Krieg an Schaden bracht.
Unsre Arbeit
ehrt uns hier, und die Pflicht heißt für und für
ihr zu dienen
mit der Tat, bis die Heimkehrstunde naht.
Natürlich durfte ein solches Lied damals und an
diesem Ort unsere Stimmung nicht adäquat zum Ausdruck bringen. Kritik an dem
auch uns gegenüber schuldig gewordenen Stalin und seinem Sowjetsystem, wäre
sie auch noch so versteckt worden, hätte für seinen Schöpfer und seine
Interpreten schlimme Folgen gebracht. Dieses Lied jedoch durften wir singen.
Werner Creutzburg hatte es uns geschenkt, und wir nahmen es dankbar an. Er hatte
sich, anständig und klug, nicht dazu hergegeben, uns zu Schuldigen
abzustempeln! Schon dazu gehörte Mut. Das Wort „Abschiedsstunde“ hatte er
klug vermieden, sondern treffend „Heimkehrstunde“ geschrieben. –
Unsere Programme entwickelten eine ungeahnte Qualität.
Aus dem Anfang mit der Teufelsgeige hatte sich ein professionelles Orchester
entwickelt: Zu der Violine gesellten sich Klavier, Saxophon, Akkordeon,
Schlagzeug, alles aus derselben bereits genannten Quelle. Sogar ein Fagott
hatten wir, mit dem leider niemand etwas anzufangen wusste und das traurig in
einer Ecke herumstand. Auch mein Versuch, ihm einen Ton zu entlocken, scheiterte
kläglich. Wir hatten im Lager einen guten Frauenchor. Selbst schufen wir
lustige Sketche, in denen ich ob meiner grandiosen „Bühnenerfahrung“ natürlich
auch mitwirkte. Paul Warczinski, genannt Paulchen, war unser Bühnenclown. Sein
Enthusiasmus ging so weit, dass er sich von dem trennte, was eigentlich unser
Privileg war, und sich eine Glatze rasieren ließ, weil Haare nicht in seine
Rolle passten. Er brachte uns auch außerhalb der Bühne oft zum Lachen. Wenn er
einen Russen auf die Schippe nehmen konnte, so dass nur wir das merkten, dann
ließ er sich diesen Spaß nicht entgehen. Ich erinnere mich noch an das Spiel,
dass er mit seiner Brille und einem von ihnen in einer Wärmebude veranstaltete.
Der Russe verstand absolut nicht, warum ausgerechnet er damit nichts sehen
konnte. Diesem Umstand hatte es Paulchen zu verdanken, dass er seine Brille zurückbekam.
Der anfangs größte Schlafraum des Lagers, der durch
die Vielzahl Toter unser aller Speiseraum geworden war, wurde am Sonnabendabend
in einen Kulturraum mit einer kleinen Bühne umfunktioniert. Die Offiziere
„organisierten“ einen Vorhang, unsere Spezialisten bauten die elektrische
Anlage dazu, so dass er sich wie in einem richtigen Theater langsam öffnen und
schließen ließ. Auch das Licht im Zuschauerraum ließ sich langsam verdunkeln
und wieder erhellen, während die Bühne erleuchtet bleiben konnte. Wir
„Artisten“ hatten die ganze Woche über nach getaner Arbeit fleißig geprobt
– danach, spät abends, war oft der Nachschlag nicht nur ein Wunschtraum
geblieben. Das Tor, das Frauen- und Männerlager sonst voneinander trennte, öffnete
sich, und hinein in den Raum strömten Mädchen, Jungen, Frauen, Männer und
durften sich nebeneinander auf die Holzbänke setzen. In der vordersten Reihe saß
die Prominenz: Lageroffiziere und Funktionäre aus Kimpersai. Die Reaktionen
sowie der Applaus vereinten alle mit uns, die wir Musik, Gesang und Spiel mit
großem Eifer zum Erfolg geführt hatten. Schließlich konnte nach den Klängen
unseres Orchesters auch noch getanzt werden. Für einen Abend in der Woche
hatten alle Kameradinnen und Kameraden die Chance, dem unbarmherzigen
Lageralltag und den schweren Gefühlen und Gedanken ein wenig zu entrinnen. Doch
am Ende musste jeder wieder in seine Baracke zurück, wo die Wanzen ihn schon
wieder erwarteten und das Leben und Sterben in Kimpersai seinen Lauf nahm. Für
uns Akteure jedoch begannen am Sonntag und an den Abenden der Wochentage schon
wieder die Gedanken und Proben für die nächsten Bunten Abende, und das war
bestimmt das Wertvollste: In unserem Kopf bewegte sich manches, das unsere
Chance erhöhte, normal und, wenn man großes Glück hatte, gesund zu überleben.
Es war jedoch nur eine Chance, Garantien dafür gab es in Kimpersai nicht.
Ich bin mir jedoch auch im Klaren darüber, dass wir
als Vorzeigeobjekt von der Lagerleitung benutzt wurden. Kam eine Kommission ins
Lager, dann mussten wir die Arbeit verlassen, damit wir am Abend einen Bunten
Abend gestalten konnten. Da das in einigen Fällen gar nicht möglich war,
wurden wir bald zu einer Brigade, der so genannten „Artistenbrigade“,
zusammengefasst. Manches wurde uns dadurch erleichtert, doch hatten wir ja auch
Aufgaben zu lösen, die über das Arbeitspensum außerhalb des Lagers sehr
hinausgingen. Wir sahen das nicht als eine Last an, sondern taten es freiwillig
und gern. Ob das von allen anderen Kameradinnen und Kameraden im Lager auch so
gesehen wurde, ist fraglich. Schon dass wir mit unserer Haarpracht damals
herumlaufen durften, war für manchen, dem das versagt bleiben musste, verständlicherweise
ein Problem. So ist das nun einmal mit Privilegien im Leben, ganz gleich wo und
welcher Art. Je tiefer unten man im Leben angekommen ist, desto eher ist etwas
eigentlich total Normales bereits ein Privileg.
Zur gleichen Zeit, das soll an dieser Stelle nicht
verschwiegen werden, starben immer noch viele unserer Kameradinnen und
Kameraden, und die Leichentransporte gingen weiter. Kunst gehört zweifellos zum
Leben eines Menschen, aber von Kunst alleine kann er nicht leben.
Dem Kontinentalklima entsprechend, war es Ende
September in Kimpersai nahezu ohne Herbst Winter geworden. Über Nacht waren die
Temperaturen auf Minus zehn Grad gesunken, und weiter ging es sprunghaft abwärts,
so dass wir bald minus vierzig Grad und oft genug darunter ertragen mussten. Uns
wurde aus gutem Grund untersagt, allein ins Freie zu gehen. Mindestens einer
musste dabei sein, so dass wir uns gegenseitig beobachten konnten, um sofort
festzustellen, ob sich beim anderen die Nase, das Kinn oder die Stirn weiß färbte.
Das nämlich war das erste Anzeichen einer Erfrierung, die durch kein Gefühl
signalisiert wurde. Dann musste die betroffene Stelle mit Schnee gerieben
werden, bis eine Rötung und das zurückkehrende Gefühl, ein Schmerzgefühl,
wieder anzeigten, dass die Erfrierung abgewehrt worden war. Füße und Hände
jedoch konnten nicht beobachtet werden. Erfrierungen verschiedenen Grades waren
an der Tagesordnung.
Bis dahin hatten wir unsere Kleidung tragen müssen,
die wir aus der Heimat mitgebracht hatten und die uns Lewanzyk übrig gelassen
hatte, abgesehen von leinener Unterwäsche, die uns inzwischen zur Verfügung
gestellt worden war. Damit hätte keiner von uns den kasachischen Winter überleben
können. Wir waren aber doch nach Kasachstan deportiert worden, um zu arbeiten.
Also mussten wir Kleidung erhalten, die unser Überleben ermöglichte. Viele
bekamen eine Wattehose, eine Wattejacke, eine wollene Gesichtsmaske und ein
Schapka sowie Fußlappen und alle ein Paar Filzstiefel. Bis auf die
Gesichtsmaske und die Fußlappen war alles bereits gebraucht und geflickt. Den
Empfang mussten wir mit unserer Unterschrift auf einer Liste der üblichen Art
(Packpapier) quittieren. Wir bekamen aber heraus, dass ursprünglich neue
Kleidung für uns nach Kimpersai geliefert worden war. Die Offiziere der
Lagerleitung hatten diese jedoch verkauft, wobei jeder Käufer ein
entsprechendes gebrauchtes und schadhaftes Kleidungsstück abliefern musste. Das
war in unseren Lagerwerkstätten geflickt und repariert, dann an uns
ausgeliefert worden. Wir hatten den Empfang neuer Kleidung quittieren müssen.
Sie wurde uns später vor unserer Heimkehr noch einmal in Rechnung gestellt. —
So lernten wir in Kimpersai nie aus.
Einmal jedoch geschah zu meiner Betroffenheit
folgendes: Wir wurden alle in den Speiseraum beordert. Dort wurden wir darüber
informiert, dass kapitalistische Banditen unter uns gestohlene Kleidung aus dem
Lager in Kimpersai illegal verkauft hätten und einer dabei erwischt worden wäre.
Er wurde in den überfüllten Raum hineingeführt, –eine mit Unterwäsche behängte
armselige Gestalt. Es war der mit meinem Vater befreundete M. S. Wir wurden
gefragt, was mit
ihm geschehen solle. „Aufhängen...aufhängen!“
grölten einige von uns, wie damals bei unserem ersten Lagerappell. Sie mussten
sich von den Offizieren auch diesmal beschämen lassen: „Nein, die Sowjetunion
ist nicht Hitlerdeutschland. Er bleibt am Leben, aber er kommt in den Karzer!“
Ob M. seinen Buckel für diese Offiziere hatte hinhalten müssen, die unsere
Winterkleidung massenhaft in Kimpersai verschoben hatten? Ich weiß es nicht.
Tatsache war, dass er aus dem Lager gestohlene Unterwäsche verkauft hatte. Er
gehörte zu den Spezialisten und hatte in der Werkstatt, in welcher er
arbeitete, dieses krumme Geschäft gemacht, nicht um sich zu bereichern, sondern
um seine Lagerration etwas aufzubessern. Da ich ihn durch meinen Vater bereits
kannte, hatten wir auch im Lager guten Kontakt zueinander. Hin und wieder
steckte er mir etwas Essbares zu. Er musste in den Karzer. Tagsüber verrichtete
er Arbeiten auf dem Gelände des Frauenlagers. Dort winkte ich ihn heimlich an
den beide Lagerteile trennenden Zaun und gab ihm in meiner Konservenbüchse
etwas Suppe, die ich ihm von meiner Ration übrig gelassen hatte. Er schlürfte
sie gierig und, um nicht entdeckt zu werden, schnell in sich hinein. Wir blieben
trotz unseres Altersunterschiedes die „alten“ Freunde. Nach der Karzerhaft
kehrte er zu seiner Arbeit als „Spezialist“ zurück und war dann auch wieder
mir gegenüber der Gebende.
Gleich zu Beginn des Winters tobten die für die
kasachische Steppe charakteristischen Schneestürme, Buran genannt. Nicht nur,
dass Schnee in Unmassen auf uns herab fiel, er wurde durch den unablässigen
starken Wind über die Steppe getrieben, so dass man nur wenige Meter weit sehen
konnte und um einen herum alles zu einer undurchdringlich weißen, dahinstürmenden
Gewalt wurde. Meterhohe Wehen lagerten sich dort ab, wo sich etwas dem
Schneesturm entgegenstellte, ein Haus, eine Baracke, ein Zaun und ähnliches.
Bald war unser Lager vollkommen zugeschneit. Der das Lager umgebende
Stacheldrahtzaun und die Barackendächer bildeten auf gleicher Höhe eine Ebene.
Wir mussten Stufen schaufeln, um in den Barackeneingang hinab zu steigen. Wenn
nachts der Buran tobte, stellten wir Wachen auf, welche die Barackeneingänge in
den frühen Morgenstunden von draußen freizuschaufeln hatten. Der Schnee
speicherte aber auch die spärliche Wärme unseres eisernen Grudekohleofens in
der Baracke. Kohlearbeiten auf dem Grubenbahnhof waren eine begehrte Arbeit.
Denn dann brachten wir golden glitzernde Karaganda-Steinkohlenstücke mit, was
von den Posten toleriert wurde.
Dieser für uns erste sehr strenge kasachische Winter
war besonders hart. Der Zugtransport mit der Winter-Lebensmittelversorgung für
ganz Kimpersai war in weiter Entfernung im Schneesturm mitten in der Steppe
stecken geblieben. Die Vorräte zu bergen war unmöglich. Ebenso unmöglich war
es, auf anderem Wege Lebensmittel heranzuschaffen. Bis zum April waren wir von
der Außenwelt abgeschlossen. So mussten wir, aber auch viele andere in
Kimpersai von dem leben, was da war, und das war total unzureichend, so dass
sich die ohnehin besorgniserregende Versorgungslage noch mehr zuspitzte. Die
Suppe bestand bald nur noch aus sauer eingelegten Tomaten, Pomidore genannt, und
Wasser. Hatte sich ein kleines Stück Kartoffel darin verloren, dann war es
zuvor gefroren gewesen. Fleisch, schon vorher mit bloßem Auge selten
wahrzunehmen, hatte sich als Nahrungsmittel für uns verabschiedet. Die Suppe
war völlig erblindet, denn Fettaugen besaß sie nicht. Die Bestandteile des
Brotes ließen sich nicht mehr definieren. Es war wie ein nasser Schwamm,
zusammengedrückt bildete es nur noch einen kleinen feuchten Klumpen grünlicher
Färbung. Schlimm war es nicht nur für uns Gefangene. Auch in Kimpersai
herrschte der Hunger, außer bei den Offizieren und Natschalniks. Zum Glück gab
es dort kaum Kinder.
Für uns bestand die Arbeit fast nur noch aus
Schneeschaufeln. Die Halden der Nickelgrube mussten nach Möglichkeit so weit
vom Schnee befreit werden, dass abgesprengter und verladener Abraum dort
abgekippt werden und die Geleise weiter verlegt werden konnten. Nach einer
knappen halben Stunde mussten wir eine der Wärmebuden aufsuchen, wo in der
Mitte ein eiserner, mit Holz oder Steinkohle beheizter Ofen stand, der unsere
Glieder wieder auftaute.
Dort trafen wir auch, das konnte unter diesen
Bedingungen nicht mehr verhindert werden, auf Tschetschenen, die uns freundlich
auf mohammedanische Art begrüßten. Wir jedoch waren gewöhnt, uns mit den
Ukrainern in unserer Muttersprache zu verständigen, so dass wir es kaum gelernt
hatten, Russisch zu sprechen. Auch sie waren des Russischen nicht besonders mächtig,
so dass die sprachliche Verständigung schwierig war. Sie gaben uns jedoch mit
Gebärden, Zeichen und den wenigen russischen Worten, auf die wir uns einigen
konnten, zu verstehen, dass sie unsere Freunde seien. Mit den Sowjets hatten sie
nichts im Sinn, wie sollten es bei ihnen auch anders sein?
Für etliche von uns, Frauen und Männer, zu ihnen
gehörte auch ich, wäre ein Tag dieses Winters beinahe der letzte unseres
Lebens gewesen.
Die Steppenlandschaft lag in ihrer ganzen
winterlichen Pracht ruhig vor uns, kaum dass der sonst scharfe, nicht enden
wollende gleichmäßige Wind sanft darüber hinwegwehte. „Kinder, heute
geht’s an die Bahnstrecke dort hinten, wieder einmal Schnee schaufeln“, klärte
uns Wowa auf. Wir konnten sie vom Lager aus in der Ferne wahrnehmen. Sie führte
in südwestlicher Richtung bis hin zum Kaspischen Meer nach Baku und nach
Nordosten in die Weiten Sibiriens. Vor allem Öltransporte zogen auf diesen
Geleisen ihre Bahn.
An dieser Strecke hatte ich schon einige Male Geleise
warten müssen. Dabei fuhren auch Transportzüge an uns vorüber, wie wir sie
aus eigner bitterer Erfahrung sehr gut kannten. Sie hatten Menschen geladen. Wir
konnten an denen, die an den etwas zurückgezogenen Waggontüren standen,
erkennen, dass sie in die erdigen Uniformen der Roten Armee gekleidet waren. Von
den Ukrainern erfuhren wir, dass es ehemalige sowjetische Kriegsgefangene aus
Deutschland waren, die dem Stalinschen Befehl zuwider gehandelt hatten, der
ihnen unter allen Umständen verbot, sich den Deutschen zu ergeben. Sie fuhren
in nordöstliche Richtung, in irgendeinen der vielen Gulags.
Die Schaufeln geschultert, so zog unsere graue
Kolonne dem uns diesmal zugedachten Streckenabschnitt entgegen. Gesichtsmasken
brauchten wir heute nicht überzustülpen, sie wären uns nur lästig gewesen.
Außerhalb unmittelbarer Sichtweite des Lagers bildeten wir bald lockere kleine
Gesprächsgruppen. Wen wundert es, wenn uns die Schönheit dieses Wintertages
damals kaum bewusst wurde? So war auch diesmal Essen unser Thema Nummer eins.
So ist das nun einmal, wenn Hunger der ständige
Begleiter ist. Selbst unsere Träume wurden von diesem Thema beherrscht. Im
Traum aß man die herrlichsten Speisen. Wenn dann zum Wecken an das Stück
Schiene geschlagen wurde, kehrte viel zu schnell das unser Bewusstsein
beherrschende Hungergefühl zurück. Wie andere dachte auch ich über das nach,
was mich zu Hause nie interessiert hatte: ‘Welche Zutaten gehörten zu dieser
oder jener Mahlzeit, die von der Mutter zubereitet worden war?’ Die Ergebnisse
dieser Gedanken tauschten wir dann aus. Heute weiß ich, dass wir das nicht hätten
tun dürfen, denn unsere krankhafte psychische Situation wurde dadurch nur noch
verschärft. Als damals kaum Siebzehnjähriger war ich zu solchen Einsichten und
solch geistiger Disziplin nicht fähig Doch bin ich auch heute, nach fünfzig
Jahren, davon überzeugt, dass in einer solchen Lebenslage Derartiges keine
Frage des Lebensalters ist.
Schließlich hatten wir den für uns bestimmten
Streckenabschnitt erreicht. Wir wussten bereits aus Erfahrung, was wir zu tun
hatten: Die etwa ein einen halben Meter hohen Schneezaunsegmente, die sich, schräg
gegeneinander gestellt, zu stützen hatten, waren ein weiteres Mal unter der
Schneedecke verschwunden und hatten so ihre Funktion wieder eingebüßt. Der
Schnee war über sie hinweggefegt und hatte sich auf den Geleisen Halt gesucht.
Die Strecke musste vom Schnee befreit und die Zaunsegmente mussten ausgegraben
und auf der Schneeoberfläche neu gegeneinander gesetzt werden. Sicher war es
nicht das letzte Mal in diesem harten Winter, so dass diese Arbeit wie an Tagen
zuvor mit Sicherheit wieder einmal sinnlos war. An besonders schneegefährdeten
Stellen waren meterhohe Schneezäune in die Steppe gesetzt. Der Sturm hatte
einzelne Latten gelöst. Wir mussten über die noch festen hinaufsteigen und die
losen wieder an den Stangen links oder rechts befestigen mit „Nägeln“, die
wir einzeln aus Draht gefertigt hatten. Da diese naturgemäß keinen Kopf
hatten, wurden die Drahtenden einfach umgeschlagen. Richtige Nägel gab es
nicht.
Einzelne ältere Kasachen, kleinwüchsig,
sonnengegerbtes Gesicht, mandelförmige braune Augen, ein etwas längerer
Spitzbart, hatten sich ebenfalls zur Arbeit eingefunden. Sie waren Viehzüchter
und lebten im Sommer als Nomaden in ihren tierhäutigen Jurten. Im Winter zogen
sich alle mit ihren Schaf- und Rinderherden sowie mit ihren kleinen
Steppenpferden in die Dörfer zurück. Dann übernahmen einige von ihnen auch
andere Arbeiten, um sich ein paar Rubel dazu zu verdienen. Dabei kamen wir mit
ihnen in Kontakt und lernten sie als gutmütige, freundliche Menschen kennen.
Während des Sommerhalbjahres lebten in den weit
voneinander entfernt liegenden Kasachendörfern nur Alte, kleine Kinder und
Kranke. Ihre militärdiensttauglichen Söhne dienten noch in der Roten Armee und
wurden nur allmählich demobilisiert.
Der sonnenüberstrahlte milde Wintertag ließ uns in
unserer Arbeit gut vorankommen. Es war ein Tag, an dem selbst wir etwas
ausgelassen waren. So erlaubten wir Jungen und Männer uns mit den Kasachen Späße
besonderer Art. Dass sie an unserer für sie fremden Sprache interessiert waren,
kam unserem Übermut entgegen. Wir winkten sie zu uns heran, rüsteten sie mit
frivolen Sprüchen aus und schickten sie als nichts ahnende Überbringer dieser
frechen Botschaft zu unseren Frauen und Mädchen. Die hatten so auch etwas zu
lachen und revanchierten sich auf die gleiche Weise. Wowa teilte unsere Späße.
Es hätte nicht mehr all zu lange gedauert, und wir wären
nach erledigter Arbeit mit Wowa wieder ins Lager zurückgekehrt. Da bemerkten
wir, dass die Kasachen unruhig wurden. Sie zeigten auf den fernen Horizont in
westlicher Richtung: „Buran…, Buran!“ Wir sahen in der ganzen Länge darüber
einen dunkelgrauen schmalen Streifen, der allmählich breiter wurde. Die
Kasachen verließen uns. Spätestens jetzt hätten auch wir eiligst aufbrechen müssen!
Doch Wowa ließ uns weiterarbeiten, keiner von uns ahnte etwas vom Ernst unserer
Lage. Der dunkelgraue Streifen, Wowa und wir ließen ihn dennoch nicht aus den
Augen, wurde breiter und breiter.
Als Wowa uns die Arbeit abbrechen lässt und wir in
die Richtung aufbrechen, in der wir das Lager vermuten, ist es auch schon zu spät.
Wie auf ein Kommando bricht der Buran los und hüllt alles ringsum in ein
einziges Weiß, in dem Himmel und Erde miteinander verschmelzen. Wir formieren
uns zu einem langen Zug, in dem einer hinter dem anderen, die Schaufel gegen den
Schnee vor dem Gesicht, Schutz sucht. ‘Hätte ich jetzt nur meine
Gesichtsmaske dabei!’ So kämpfen wir uns Schritt für Schritt voran. Der
Schnee haftet an unserer Kleidung, unsere Augenbrauen und Wimpern vereisen, wir
müssen sie immer wieder von dieser Last befreien.
Die Reihenfolge jedes einzelnen in diesem Zug wird
zunehmend von dessen Kondition bestimmt. Wowa an der Spitze sehe ich längst
nicht mehr. Wieder und wieder bleibt er jedoch stehen, bis die Reihe
aufgeschlossen ist. Kilometerweit kämpfen wir uns vor, längst müssten wir das
Lager erreicht haben. Doch nichts dergleichen geschieht. Ich bekomme es mit der
Angst zu tun, alle anderen gewiss auch. Denn offensichtlich wird: Wir haben in
dieser Buran-Wüste die Richtung verfehlt und sind orientierungslos. Ein Buran
kann tagelang währen, wir wissen das. In der weiten Steppe kann man selbst in
der warmen Jahreszeit verloren gehen, wenn man sich nicht auskennt. Deswegen hat
niemand aus unserem Lager je die Flucht gewagt.
Da hält Wowa inne, wir alle scharen uns um ihn.
Seine Freundlichkeit sonst ist der Sorge um uns und auch sich gewichen. In
welche Richtung müssen wir weitergehen? Selbst wenn wir es in entgegen gesetzte
Richtung versuchen und auf die Strecke stoßen, ist uns kaum geholfen. –Wir
waren vor einem knappen Jahr mit unserem Transport Tage unterwegs gewesen und
hatten kaum eine andere Menschenseele in der Steppe wahrgenommen
Wir am Ende bemerken jedoch übereinstimmend, dass
unsere Reihe, soweit wir sie auch nur überschauen können, eine Linkskrümmung
hat. Das sagen wir Wowa, der an der Kolonnenspitze diese Wahrnehmung nicht haben
kann. Aber: Wie weit gekrümmt, in welche Richtung nun weiter? Stehen bleiben dürfen
wir nicht! Wir legen gemeinsam fest, welche Richtung wir nun einschlagen wollen,
und entscheiden: Scharf nach rechts! Die Wahrscheinlichkeit einer
Fehlentscheidung ist größer als alles andere. Unsere Hoffnung auf Rettung hat
den Tiefpunkt erreicht. Fremde Hilfe ist unmöglich.
Plötzlich stoßen wir auf Holzmasten, die mit der
Spitze aus dem Schnee ragen, zwischen ihnen Drähte. Es ist eine Stromleitung,
die wir unter diesen Bedingungen gefahrlos übersteigen können. Sie kann unsere
Rettung sein! Wir müssen uns nur von den Drähten leiten lassen. Irgendwann
erreichen wir dann einen Punkt, auf dem wir entweder in die entgegen gesetzte
Richtung umzukehren haben oder nach Kimpersai weitergeleitet werden. Hoffnung
erfüllt uns, die unsere Kräfte mobilisiert.
Dunkelheit zieht schon herauf, da auf einmal tauchen
Hütten schemenhaft vor uns auf! Im Näherkommen stellen wir fest: Es ist die
Tschetschenensiedlung. Nun wissen wir: das Lager ist nicht mehr all zu weit
entfernt. Auch die Richtung können wir nicht mehr verfehlen, wenn wir uns etwas
links halten - nur nicht all zu sehr!
Als das Lagertor vor uns geöffnet und hinter uns
verschlossen wurde, fühlten wir uns dadurch zum ersten Mal erlöst. Unsere
Kameraden dort waren voller Sorge. Denn inzwischen war es Abend und dunkel
geworden. Sie hatten zu Recht befürchtet, dass wir im Buran orientierungslos
durch die Schneewüste irrten und schließlich dort zugrunde gehen müssten.
Auch die Offiziere an der Wache waren sichtlich erleichtert, denn wären wir auf
diese Weise umgekommen, hätten sie sich, anders als im Sommer, wo zwei Drittel
von uns durch Seuchen dahingerafft worden waren, dafür verantworten müssen.
Ein weiteres Ereignis wäre mir in diesem Winter
ebenfalls beinahe zum Verhängnis geworden.
Inzwischen war es dunkel geworden. Das trübe Licht
des Grubenbahnhofs bemühte sich erfolglos, den Buran zu durchdringen, der mir
von vorn ins Gesicht peitschte. Ich kämpfte mit der mir verbliebenen Kraft
gegen diese Übermacht.
Plötzlich höre ich einen Schrei! Da fühle ich auch
schon die Puffer der Grubenlokomotive in meinem Rücken! Im Sekundenbruchteil
reagiere ich, renne nach vorn und wage instinktiv einen Sprung nach rechts.
Jeden Moment müssen die Lokomotivenräder meine Beine überfahren!! Ich liege
da im Schnee, jedoch nichts dergleichen geschieht!
Der Konduktor (Schaffner), der auf der kleinen
Plattform vorn an der Lokomotive gestanden hatte, war abgesprungen und kümmerte
sich um mich. Er war es auch, der im letzten Augenblick, vorher hatte er mich
bei dem Buran nicht wahrnehmen können, den in diesem Gegensturm für mich kaum
wahrnehmbaren Schrei ausgestoßen hatte. Ich wurde von ihm in die Wärmebude auf
dem Grubenbahnhof geführt. Mich hatte ein Schock gepackt, so dass ich in dieser
Nacht nicht noch einmal eingesetzt werden konnte. —
Zu meiner Rettung hatte auch beigetragen, dass ich
mich in der Nähe des Kohlenbunkers befand, wo die Lokomotive ihr Tempo bereits
herabgesetzt hatte. Vor allem: Ich muss einen Schutzengel gehabt haben!
Während des kasachischen Winters musste ich zwei
Geburtstage erleben. An den siebzehnten erinnere ich mich noch heute, und das
sogar auch angenehm. Nachdem die Arbeit in der Kälte beendet war, trat eine
unserer Frauen an mich heran. Ich war ihr schon öfter in Banjanähe begegnet,
denn sie arbeitete dort. Wenn sich Gelegenheit dazu bot, suchte sie immer wieder
das Gespräch mit mir und schaute mich dabei gedankenvoll an. Vielleicht
erinnerte ich sie, deren Namen ich nicht einmal wusste und weiß, an ihren Sohn,
den sie möglicherweise in der Heimat hatte zurücklassen müssen. Ich fragte
sie niemals danach, denn dann wäre sie gewiss traurig gewesen.
Dieser siebzehnte Geburtstag war fast vorbei, und ich war froh darüber, denn es war ein Tag weniger bis zu meiner erhofften Heimkehr, und ich wünschte mir besonders an diesem Tag, zum nächsten Geburtstag wieder zu Hause zu sein. Keiner hatte mir bisher gratuliert, denn wer sollte das auch wissen? Und zum Gratulieren gab es unter diesen Umständen wahrhaftig keinen Grund.
Da kam sie zu mir, schaute mich freundlich an,
reichte mir ihre rechte Hand und sagte zu meiner Überraschung: „Lieber
Manfred, ich wünsche dir alles Gute; bleibe gesund, und hoffentlich können wir
alle bald heimkehren!“ In ihrer Linken hielt sie ein paar neue wollene Strümpfe:
„Die schenke ich dir zu deinem Geburtstag!“ Ich wusste gar nicht, was ich
sagen sollte, und weiß auch heute nicht mehr, was ich vor Aufregung gesagt
habe. Hoffentlich habe ich mich wenigstens bei ihr bedankt!
Sooft
der Winter uns auch noch peinigte: So schnell, wie er am Ende des Sommers
gekommen war, verabschiedete er sich an seinem eigenen Ende von uns. Die
Temperaturen erreichten sprunghaft die Null-Grad-Grenze und eilten darüber
hinaus. Tagelanger Regen erledigte den Rest. Die Nickelgrube versank in lehmigem
Schlamm, der Geleisen keinen Halt mehr bot, so dass dort zu arbeiten zunächst
unmöglich war. Ich war außerhalb von Kimpersai eingesetzt, wo eine neue
Bahnstrecke abzweigte und von uns immer weiter in die Steppe hinausgebaut werden
musste, keiner wusste wohin. So froh wir darüber waren, dass der Winter endlich
vorbei war, doch nun quälte uns unablässiger Regen. Das schlimmste daran war,
dass wir nur das besaßen, was wir auf dem Leib trugen, und dass wir uns mit den
pitschnassen Kleidungsstücken nachts auch noch zudecken mussten. Kaum dass sie
durch unsere Körperwärme getrocknet waren, ging es am nächsten Morgen wieder
auf die Strecke hinaus.
Einige Tage konnten wir nicht aus dem Lager hinaus.
Die Schneemassen hatten sich in Bäche und Flüsse verwandelt. Kimpersai war vom
Lager aus kaum mehr erreichbar, so dass die Lebensmittelversorgung, ohnehin das
größte Problem dieses Winters, noch schwieriger wurde.
Doch jedes Ding hat mindestens zwei Seiten. Und so
war es auch diesmal. Viele Männer und Jungen unseres Lagers, so auch ich,
wurden damit beauftragt, das Brot für die nächsten Tage aus der etwa zwei
Kilometer entfernten Bäckerei in Kimpersai ins Lager zu tragen. Wir mussten im
Gänsemarsch gehen und jeden aus dem Schlamm ragenden Halt nutzen. Sofort ahnten
wir, dass sich uns eine einmalige Chance bot. Aber wie?
Die Bäckerei erreichten wir mit dem Geruchssinn
eines Schäferhundes. Jedem wurden zwei noch backwarme Brote aufgeladen, und zurück
ging es in Richtung Lager. Das war zuviel für unseren Hunger und unsere
schwachen Nerven: ein rundes, hohes, frisch duftendes Brot nicht nur in jedem
Arm, sondern zugleich auch unter der Nase und damit unmittelbar vor dem Mund!!!
Dieser Versuchung waren wir in Kasachstan nicht gewachsen. Wir hatten es nicht
eilig, ins Lager zurückzukehren. Einer beobachtete den anderen und jeder
entwickelte seine Methode, ohne eine freie Hand die deckelförmige Brotkruste zu
lösen, um zunächst nur ein einziges Mal von dem Brot im Innern zu naschen.
Denn niemand im Lager durfte das bemerken! ‘Einmal ist keinmal.’ Das dachten
wir immer wieder, und immer wieder handelten wir danach. Schließlich war uns
alles egal. ‘Wenn es schon auffällt, dann kommt es auf mehr oder weniger auch
nicht an!’
Als wir vor dem Lagertor ankamen, waren viele der
Brote hohl, der „Deckel“ möglichst unauffällig draufgesetzt. Die
Lagerwache blieb zu unserem Glück noch ahnungslos, weder dem Brot noch unseren
unschuldig dreinschauenden Blicken war etwas anzumerken, denn sonst wären wir
ja einzeln kontrolliert und zur Rechenschaft gezogen worden. Erst in der Küche,
nachdem jeder seine „zwei Brote“ abgeliefert hatte, wurde der Fall ruchbar.
Uns Brot“holern“ war es in der Magengegend wohl und unwohl zugleich. Aber
keinem konnte seine „Schuld“ nachgewiesen werden, es war nicht einmal
nachvollziehbar, wer alles bei dieser Aktion dabei gewesen war. Doch neues Brot
hatte das Lager nicht zu beanspruchen. Die Folge war, allen im Lager, auch
denen, die bei dieser Aktion nicht dabei gewesen waren und deshalb der
Versuchung nicht hatten erliegen können, wurde die Brotration entsprechend gekürzt.
Ich würde heucheln, schriebe ich heute, dass ich diese Ungerechtigkeit ob
meines eigenen Verschuldens damals bereut hätte. Im Gegenteil, ich befürchtete,
dass diese Gelegenheit sich niemals wiederholen würde, und damit sollte ich
leider recht behalten.
Es war inzwischen Frühling geworden. Vor einem Jahr
waren wir in Kimpersai verzweifelt angekommen. Dennoch hatten wir damals nicht
geahnt, dass so viele, viel mehr als die Hälfte, dieses erste Jahr nicht überleben
würden. Nun wuchs über sie die Steppe neu, bis in alle Ewigkeit, es sei denn,
dass auch dort einmal Nickelvorkommen entdeckt würden.
Vorher hätte sich niemand von uns vorstellen können,
was er alles aushalten kann. Wie dem auch war: Wir hatten dieses Jahr überlebt
und mussten mit dem Kimpersaier Lagerleben mehr übel als wohl zurechtkommen. Würden
wir in diesem Jahr endlich heimkehren dürfen?
Den Winter über waren wir durch die unüberwindlichen
Schneemassen von der Außenwelt abgeschlossen gewesen. Wir hatten sogar Ruhe vor
den Kommissionen. Irgendwo in der Steppe lag auf der Strecke unser
Lebensmitteltransport.
Eines Tages Anfang April. Wir, Männer und Frauen,
arbeiteten an der neuen Bahnstrecke, da hörten wir aus der Ferne das Brummen
von Flugzeugmotoren. Es wurde immer lauter. Wir entdeckten bald mehrere
einmotorige Propellermaschinen, die niederkamen und unweit von uns mitten in der
Steppe landeten. Ihnen entstiegen einige Leute, uniformierte hohe Offiziere und
Zivilisten, vermutlich hohe Natschalniks. Sie wurden von herbeieilenden Jeeps
nach Kimpersai gebracht.
‘Die kommen bestimmt wegen uns, und wir dürfen
bald nach Hause!’, so deuteten wir dieses Ereignis. Weshalb sie wirklich
gekommen waren, das sagte uns niemand. Doch merkten wir in den nächsten Tagen,
dass die Flugzeuge auch mit uns etwas zu tun hatten. Und zwar hatten sie
Lebensmittel geladen, Fleisch, Wurst, Speiseöl, Körner- und Hülsenfrüchte, für
den Ort Kimpersai und auch für das Lager. Seit September war das der erste
Lebensmitteltransport, der uns erreichte.
Konservenbüchsen waren längst von verzinkten Essgefäßen
abgelöst worden. Die Suppen darin änderten mit einem Schlag ihre Qualität.
Die Pomidorisuppe war bisher ein wenn auch nicht sättigendes so doch wenigstens
harmloses Getränk, das seine Temperatur dampfend offenbart hatte. Doch nun
schwamm auf einmal auf der Suppe um einige Wurststücke herum heimtückisch
ruhig eine dicke unverdächtig heiße Ölschicht, so dass ich mir erst einmal tüchtig
den Mund verbrannte. Der jedoch beruhigte sich bald wieder, zumal ich diese
Gefahr gleich erkannt hatte und mich danach verhielt. Doch mit einer geringen
zeitlicher Verzögerung, dafür umso intensiver, machte sich mein Innenleben
schmerzhaft und folgenreich bemerkbar, wie ich das von den Ruhrzeiten vor einem
knappen Jahr noch in Erinnerung hatte. Vielen anderen von uns erging es genau
so. Ich hatte so die Erfahrung gemacht, dass man einen langen Löffel benutzen
muss, um einen langen, großen Hunger zu besänftigen. Bald war auch das kein
Problem mehr für uns, denn der Fettgehalt der Suppe hatte nach einigen Tagen
wieder ein Maß erreicht, bei dem sich nur ein Blinder den Mund verbrannt hätte
und von dem auf das Innenleben kaum mehr eine Wirkung ausging. Die größte Not
des Winters hatten wir jedoch überstanden. Eines Tages war auch der für die
Winterversorgung bestimmte Lebensmitteltransport in Kimpersai eingetroffen. Wir
konnten die Wölfe verstehen, die davon nichts mehr übriggelassen hatten. —
Die offiziers- und natschalnikbeladenen Flugzeuge
hatten jedoch auch folgende darüber hinausgehende Bedeutung für mich und eine
Reihe meiner Kameraden: Eines Morgens erwarteten uns vor dem Lager einige LKW.
Wir, etwa achtzig Männer und Jungen, mussten das Wenige, was wir besaßen, –
ich hatte inzwischen immerhin ein Paar neue Wollstrümpfe – mitnehmen und die
für uns bestimmten LKW besteigen. Wir fuhren durch Kimpersai, entlang der
Bahnstrecke, die auch wir erbaut hatten, etwa fünfunddreißig Kilometer weit.
Nahe einer Nickelgrube und einem Verwaltungs-Rohbau, neben einer langen Baracke
aus Sperrholz, mussten wir absteigen.
Frei und doch
gefangen
Fast ebenso muss es 1941 den Ukrainern ergangen sein.
Nur war jetzt der Krieg seit einem Jahr beendet, die Trennung von unseren Lieben
und unserer Heimat, das große Sterben lagen hinter uns, und, auch ein
bedeutender Unterschied zu ihnen, wir hatten den Sommer vor uns. Auch wenn das
hier nicht gerade nach Heimkehr aussah, so gewannen wir doch neue Hoffnung.
Irgendwann würde es für uns doch eine Heimkehr geben!
Außer
uns gab es hier weit und breit kaum jemanden: einige Russen – zumeist
Natschalniks, Mitarbeiter der Grubenverwaltung, Kraftfahrer der amerikanischen
Abraumkipper, Baggerführer – und Ukrainer, die uns auch hier bei der Arbeit
anleiteten. Am Abend verließen die meisten diesen einsamen Ort, und wir waren
unter uns.
Dieser Ort in der Einsamkeit hatte sogar einen Namen,
den ihm Kasachen einst gegeben hatten: Taikent, was soviel heißt wie entlaufenes Fohlen.
Ukrainer wiesen uns in die Baracke ein. Im Innern
hatte sie ebensolche nackten Pritschenreihen, wie wir sie vom Kimpersaier Lager
her gewöhnt waren. Im Mittelgang stand ein gusseiserner Ofen. Firmen- und
Ortskennzeichnung darauf ließen erkennen, dass auch er die lange Reise aus
Deutschland hinter sich hatte, was ihn uns von vornherein vertraut erscheinen
ließ. Andererseits deutete seine Existenz in dieser Baracke auf den nächsten
Winter hin, und da hatte ich nach den gerade erst hinter uns liegenden
Erfahrungen ernste Bedenken: ‘Wie sollen wir das hinter diesen dünnen
Sperrholzwänden dann aushalten? Da wird uns auch ein deutscher Ofen nicht
helfen können!’
Zu dem stacheldrahtumzäunten Lager gehörten außer
der Sperrholzbaracke auch ein Schuppen aus dem gleichen „Baumaterial“, er
diente als Küche, und ein Motor mit Generator zur Stromerzeugung für die
Beleuchtung. Die ortsübliche Waschanlage stand im Freien.
Die Wachmannschaft bestand aus uniformierten Frauen.
Für sie war ein Zelt außerhalb des Lagers aufgebaut worden.
Hatten wir in Kimpersai gedacht, dass sich der
Standard unseres Lebens auf der untersten Stufe befand, so stellte sich das
unter den Umständen hier als ein Irrtum heraus. Jedoch war das „nur“ die äußere
Seite unseres Lebens in Taikent.
Die innere Seite wurde wesentlich geprägt durch den
Umstand, dass die weiblichen Posten nur nachts aufgestellt wurden, tagsüber
jedoch nicht in Erscheinung traten. Wozu auch? Dieser Einsamkeit zu entfliehen
war unmöglich, und um uns bei unserer Arbeit zu bewachen, waren sie nicht vonnöten.
Außerhalb der Arbeitszeit hatten wir bis zum Einbruch der Dunkelheit eine
gewisse Bewegungsfreiheit. Ich empfand diese „Freiheit“ im Vergleich mit der
Situation im Kimpersaier Lager als positiv.
In der Nickelgrube sorgten amerikanische Bagger für
das Freilegen der sehr mineralhaltigen Erdschicht und das Beladen der Kipper mit
dem Abraum, der dann auf Halde abgekippt wurde. Auf dieser Stufe der
Tagebauentwicklung konnten wir, anders als in Kimpersai, außer zu
Planierungsarbeiten kaum verwendet werden. Wir hatten vor allem andere Aufgaben
zu lösen.
Hauptsächlich wurden wir bei dem mit uns beginnenden
Häuserbau eingesetzt, angefangen bei der baugerechten Fertigung der von Baggern
zuvor ausgehobenen Baugruben bis hin zur Fertigstellung der Rohbauten. Kies für
das Ausgießen der Fundamente holten wir aus dem Bett eines unweit gelegenen
Flusses. Dabei blieb auch Zeit zum Krebse Fangen, womit wir unseren im Übrigen
unverändert gebliebenen „Speiseplan“ gelegentlich bereicherten. Größeres
Gestein brachen wir mit Brechstangen aus einem entfernter im Südural gelegenen
Steinbruch. Die Mauern wurden aus Steinen hochgezogen, wie wir sie vor einem
Jahr auf dem Freigelände in Kimpersai selbst gefertigt hatten. Für diese einstöckigen
Häuser mussten wir sie und auch den Mörtel auf Tragen bzw. Behältern mit
Griffen zu zweit über eine schiefe Ebene auf das Baugerüst schleppen, Aufzüge
gab es nicht. Ortsübliche Nägel, ohne Köpfe, mussten wir auch hier aus Draht
selbst herstellen. Dafür, dass alles, den Möglichkeiten entsprechend,
fachgerecht und in dort unüblich hoher Qualität von uns ausgeführt wurde,
sorgte ein Maurerpolier aus unseren Reihen. Er fand besondere Anerkennung dafür,
dass er in deutscher Qualitätsarbeit einen Wasserturm in exakter Rundung durch
uns errichten ließ.
Quer durch die Steppe bis zu uns nach Taikent wurden
von uns auch Wasserleitungsrohre verlegt, die zuvor von unseren Schweißern
fachgerecht verschweißt worden waren. Der Graben war von einem Bagger mit
schmaler Schaufel, ebenfalls amerikanischer Herkunft, so tief wie möglich
ausgeschachtet worden. Die hier erforderliche Tiefe von 2,30 Metern konnte
jedoch wegen des felsigen Untergrundes über weite Strecken so nicht erreicht
werden. Hier mussten wir mit Brechstangen und Spitzhacken nachhelfen und die
erforderliche Tiefe auf gleicher Ebene herstellen.
Wenige Wochen nach unserer Ankunft in Taikent kam hoher Besuch – ein Kapitän6 aus dem Stammlager in Kimpersai. Ihm eilte der Ruf voraus, ein richtiger Kommunist zu sein. Ob er das wirklich war, konnte ich nicht beurteilen. Eines aber war er: gerecht bis zur letzten unmenschlichen Konsequenz. Einerseits sorgte er dafür, dass wir nicht nur hart arbeiten mussten, sondern dass sich auch der Kaloriengehalt unseres Essens zumindest kurzfristig etwas erhöhte, getreu der Umkehrung jenes Grundsatzes: Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen. Andererseits bemühte er sich auf seine spezifische Weise um die Überwindung unserer auf Grund deutscher Herkunft, wie er meinte, zwangsläufig noch vorhandenen Überreste bourgeoisen Bewusstseins. Jeder musste das, was er nicht am Leibe trug, sondern was sich in der Baracke auf seinem Pritschenplatz befand, draußen, wo wir in einem Kreis angetreten waren, vor sich hinlegen – Posten kontrollierten die exakte Ausführung seines Befehls. Dann entschied er darüber, ob das, was von einzelnen dort abgelegt worden war, Ausdruck von dessen bourgeoisem Eigentumsdenken war. Diesen Gegenstand, den dieses Urteil traf, musste der „Kapitalist“ in die Mitte des Kreises auf einen Haufen werfen. Wir alle erwarteten nun, dass er nach der Methode des Glatzenmajors vor einem knappen Jahr im Kimpersaier Lager verfahren und auch diese nur noch armselige Habe für sich beiseite schaffen würde. Etwas Unerwartetes geschah: Er ließ diesen Haufen vor unseren Augen anzünden und uns mit ansehen, wie sich diese Armseligkeit in ein Häuflein Asche verwandelte. Auch ich hatte einen Verlust bitter zu beklagen: das Paar wollene Strümpfe, das mir bekanntlich eine unserer Frauen im Kimpersaier Lager aus Wollresten liebevoll gestrickt und zu meinem siebzehnten Geburtstag geschenkt hatte. Sorgsam hatte ich es bisher aufbewahrt. Der Kapitän stellte fest, dass ich ja meine Füße bereits in Fußlappen gewickelt hatte. Unbenutzt aufbewahrte gestrickte Strümpfe waren für ihn bereits Ausdruck meiner immer noch nicht überwundenen Besitzermoral, von der er mich auf diese Weise „befreien“ wollte. – Auf die Idee, dass wir schlimmer als Sklaven ausgebeutet wurden und leben mussten, er als Kommunist doch eigentlich dagegen hätte kämpfen müssen, kam er in seiner Fanatisierung offensichtlich nicht. Sie hatte ihn gegenüber der Entartung dieser Ideologie blind werden lassen
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Offiziersdienstgrad in der Sowjetarmee (Hauptmann)..
Was brachte uns die „Freiheit“ in Taikent über
das bloße Gefühl hinaus, weitgehend uneingeschränkt durch Stacheldraht und
Posten leben zu dürfen?
Doch wo nahmen wir das Feuer her, denn Streichhölzer
gab es keine. Wir lösten dieses Problem auf die ortsübliche Weise: Jeder von
uns hatte sich einen leichtfasrigen Docht und ein Stück Eisen
„organisiert“, dazu einen geeigneten Stein in der Steppe gefunden. Der Docht
wurde mit seinem verrußten Ende an die Steinkante gepresst, das Eisen so lange
an den Stein geschlagen, bis sich ein Funke auf dem Docht eingenistet hatte. War
das erreicht, musste solange darauf geblasen und das glühende Dochtende mit
trockenem, feinem Steppengras verbunden werden, bis ein Flämmchen züngelte. An
ihm entzündete sich schließlich das Holz. Hatte einer von uns diese Prozedur
gemeistert, war er der Prometheus, der andere mit seinem Feuer versorgte.
Mit Docht, Stein und Eisen zündeten auch Raucher
ihre Zigaretten an, die sie sich aus Machorka und den Überresten einer
„Prawda“ oder gar dem Koran gedreht hatten. Wurde dieses von Kasachen
bemerkt, dann fühlten sie sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt und
reagierten heftig.
Leider gebot die unbarmherzig brennende Sonne dieser
Pracht, diesen Bademöglichkeiten und Jagdzügen bald Einhalt. Die Blütenpracht
versank darin, das Steppengras wurde hart, und die Seen trockneten aus.
Doch bot sich bald Jagdbeute anderer Art. Wir hatten
Zieselmäuse, Zusliks, beobachtet, die aus ihren unterirdischen Höhlen hervor
gekrochen waren und über die Steppe sprangen. Von den Ukrainern lernten wir,
sie zu jagen, indem wir eimerweise Wasser in ihren unterirdischen Bau gossen,
bis sie ihren Kopf, einen Augenblick benommen, herausstreckten. Diesen
Augenblick mussten wir nutzen. Wir durften ihnen keine Zeit lassen, um sich zu
beißen und die Flucht zu ergreifen. Das wurde, je weiter das Jahr
fortgeschritten war, eine schöne fette Beute!
Auf unseren Streifzügen und bei Arbeiten an der
Wasserleitung erreichten wir auch Steppengebiete, in denen die nomadisierenden
Kasachen ihre Schafherden weiden ließen und Jurten aufgestellt hatten. Sie
baten uns freundlich hinein. Wenn wir Glück hatten, bewirteten sie uns mit gerösteten
Weizenkörnern und saurer Stutenmilch, die sie Arian nannten.
Auf ihren kleinen, flinken Pferden kamen sie auch bis
nach Taikent, wo sie beides den Russen und Ukrainern verkauften. Unsere
Kaufkraft war unserem Hunger proportional entgegengesetzt. — Doch einzelne überwanden
auch dieses Hindernis: Sie hatten ein Jahr zuvor einzelne von ihren Scheinen
Deutscher Reichsmark vor dem Zugriff durch den Glatzenmajor und Lewanzyk
bewahrt, um sie als Andenken an die Heimat aufzubewahren. Für gerösteten
Weizen oder Arian waren sie jedoch bereit, sich davon zu trennen. Doch dafür hätten
die Kasachen alleine ihre Ware nicht hergegeben. Mit Unterstützung von
Ukrainern gelang es den Unsrigen schließlich, die Kasachen glauben zu machen,
dass es sich um neue Rubelscheine handelte, die Stalin gerade erst hätte
drucken lassen.
Wenn wir, auf der Ladefläche eines LKW kauernd, über
staubige unbefestigte Wege bis hinein in die Ausläufer des Südural zur Arbeit
in den Steinbruch oder, was selten geschah, auf eine ferne Kolchose gefahren
wurden, gelangten wir auch in die abseits gelegenen Kasachendörfer mit ihren
flachen, weißgetünchten, dickwandigen und fast fensterlosen Lehmhütten. Die
wenigen hier zurückgeblieben Kasachen bekamen wir kaum zu Gesicht, und wenn,
dann beobachteten sie uns scheu. In jedem Dorf gab es eine Schule, die jedoch
nur im Winterhalbjahr genutzt wurde. Kinder im Schulalter lebten und arbeiteten
in der warmen Jahreszeit wie Erwachsene fernab als Nomaden in der weiten Steppe.
Ältere Kasachen erlebten wir damals noch als Analphabeten. Sie alle waren
jedoch mit den harten Anforderungen ihres Lebens inmitten dieser rauen Natur
bestens vertraut. Dieses Leben hatte seine eigenen Gesetze. Zeit zählte für
diese Kasachen nicht nach Minuten. Jeder trug seine eigene „Uhr“ ständig
bei sich: Fragten wir einen von ihnen nach der Zeit, dann streckte er seinen Körper,
fixierte seine Schattenlänge und schritt diese ab, einen Fuß vor den anderen
setzend. Dann nannte er uns die Uhrzeit, wenn auch nicht auf die Minute genau.
Doch das war für sein Leben auch nicht erforderlich. Diese Uhr wurde jedoch mit
der Heimkehr demobilisierter Sowjetsoldaten, von denen die meisten den Siegeszug
nach Deutschland mitgemacht hatten, durch eine Armband- bzw. Taschenuhr
ausgetauscht. —
Die warme Zeit des Jahres neigte sich rasch dem Ende
zu, so dass unsere Sorge darüber wuchs, wie wir in unserer Sperrholzbaracke den
kasachischen Winter überleben würden. Diesmal hatten wir eigene Erfahrungen
bereits hinter uns. Morgens, auf unseren nackten Pritschen liegend, nur mit
unserer Kleidung vom Tage zugedeckt, glitzerten die mit Eiskristallen überzogenen
Wände um uns. Der eiserne Ofen deutscher Herkunft gab sich die größte Mühe,
doch waren ihm hier in dieser Sperrholzbaracke im fernen Taikent objektiv
Grenzen gesetzt. Stand man in seiner Nähe, dann musste man darauf achten, dass
die ihm zugewandte Kleidung nicht versengte, während die Rückenseite von
seiner Hitze nahezu unberührt blieb. Die Nacht über musste ständig nachgelegt
werden. Ich erinnere mich heute noch daran, dass einer von unseren Alten nachts,
wenn er sich unbeobachtet wähnte, von seiner Pritsche aufstand, sich vor diesen
Ofen aus Deutschland stellte und ihn als heimatliches Heiligtum regelrecht
anbetete. Er tat uns leid. Taikent überlebte er zwar, doch ging er bald danach
in Kimpersai zugrunde. Wie lange würde es dauern, bis auch unsere Psyche
zerbrach?
Nichts deutete darauf hin, dass wir Taikent vor dem
hereinbrechenden Winter verlassen würden, im Gegenteil: Wir mussten in einen
der von uns inzwischen aufgebauten Rohbauten umziehen! Hier hatten wir ein
festes Dach über dem Kopf und dicke Ziegelwände um uns herum. Der darin
befindliche Ziegelofen war unter diesen Bedingungen seiner Aufgabe gewachsen,
zumal es uns an Brennstoffen, Bauholz und Steinkohle, nicht mangelte.
Zur Nacht kam auch hier eine Rotarmistin, die sich,
mit Karabiner und aufgepflanztem Bajonett bewaffnet, stumm aufstellte. Sie gab
in dieser Aufmachung und in ihrer Unnahbarkeit eine komische Figur ab. Unser
Leben führte aneinander vorbei, so dass sie für uns kein Problem darstellte.
Doch zunehmend wurde etwas anderes für uns zum
Problem: Die Seen waren längst eingetrocknet, eine andere Möglichkeit zum
Baden gab es nicht, denn Taikent hatte noch keine Banja. Somit kamen gewisse
Tierchen immer stärker zur Wirkung: Läuse! So sehr wir nach getaner Arbeit
nunmehr auf sie auch Jagd machten, unter diesen Bedingungen waren wir ihnen in
keiner Weise gewachsen. Nicht wir hatten Läuse, sondern sie hatten uns. Kamerad
Walke, einer von uns Jungen, betrachte ratlos die untere Seite des Kragens
seiner Wattejacke und fragte mich, was das wäre: Dicht bei dicht hatten sich
unzählige von ihnen dort angesiedelt.
Nicht nur sie hatten ihn nachts kaum ruhig schlafen
lassen. Kamerad Walke stammte aus einem ostpreußischen Dorf. Er war mit der
ganzen Familie im Treck vor der heranrückenden Sowjetarmee geflüchtet. So
waren sie im Februar bis auf das Eis des Frischen Haff gekommen. Walke war von
dem mit Eltern und Geschwistern sowie der letzten Habe voll beladenen Wagen
gerade abgestiegen, um sich, nebenher gehend in dieser Eiseskälte, etwas warm
zu laufen. Da plötzlich krachte das Eis neben ihm, und der Wagen mit seiner
ganzen Last, auch menschlichen, sowie die beiden vorgespannten Pferden versanken
im Bruchteil einer Sekunde unrettbar in der Tiefe. – Er lag hier in Taikent
auf der Pritsche neben mir, und dieses traumatische Erlebnis plagte ihn vor
allem in der Nacht.
Mitte September brach auch in diesem Jahr 1946 der
Winter herein. Die Arbeit auf dem Bau nahm ihr jähes Ende. Es blieben bald nur
noch die Arbeiten an der Wasserleitung. Die eisernen Rohre wurden in dieser Kälte
zusammengeschweißt. Ich glaube kaum, dass diese Schweißnähte von Dauer
gewesen sind. Wir mussten den Leitungsgraben vom Schnee freischaufeln und
mittels eines Flaschenzuges die klirrend kalten Rohre darin verlegen, wobei wir
natürlich jämmerlich froren. Wie kalt es war, dass konnten wir nur ahnen, denn
ein Thermometer gab es hier nicht. So wurde die Lage für uns immer unerträglicher,
unser Dasein in Taikent immer sinnloser.
Eines Tages jedoch, es muss Ende Oktober oder Anfang
November 1946 gewesen sein, der Winter hatte seine volle Kraft bereits erreicht,
bemerkten wir in der Ferne ein Pferdeschlittengespann. Als der Schlitten vor
unserem Haus hielt, sich die Gestalt darin ihrer Pelzdecke entledigt hatte und
ausgestiegen war, erkannten wir zu unserer Freude Wowa, „unseren“ Ukrainer.
„Kinder“,
sagte er, „die meisten von euch müssen zurück nach Kimpersai.“ Unter
diesen war auch ich. Wie das? Auf dem Pferdeschlitten hatte außer Wowa nur noch
einer von uns Platz. Die Steppe weit und breit war tief verschneit. Autos
konnten längst nicht mehr fahren. Es herrschte wie immer zu dieser Jahreszeit
eine grimmige Kälte. Und bis zum Lager in Kimpersai waren es immerhin ungefähr
fünfunddreißig Kilometer.’ „Nun, konjeschna, wir müssen alle laufen,
etwas anderes bleibt uns nicht übrig!“
Zu tragen hatten wir nichts, dem Kapitän sei Dank!
Gemeinsam gingen wir am darauf folgenden Morgen los. Wowa vertraute auch uns
seinen Pferdeschlitten an. Das war für niemanden mehr ein Problem, hatten wir
es doch sogar gelernt, mit eigensinnigen Kamelen umzugehen. Die ersten Kilometer
brachten wir ganz gut hinter uns. Doch tiefer Schnee, der beständige und eisige
Steppenwind, dazu unsere armselige Bekleidung zehrten an unseren geringen Kräften.
Unsere Gesichter konnten wir gegenseitig beobachten. Wurden die Nasenspitze, die
Stirn. die Wangen, das Kinn weiß, dann war es so weit: Schnee gab es genug, um
ihn darauf zu verreiben, bis sich diese Stelle rötete. Doch Hände und vor
allem Füße waren für die meisten ein Problem, vor allem dann, wenn man die Kälte
daran nicht mehr spürte und dadurch verleitet wurde, diesen Zustand zu
billigen. Wowa, ließ sich zurückfallen, ging die Reihe entlang wieder nach
vorn, beobachtete uns und gab uns Verhaltensmaßregeln: „Bewegt euch, lauft,
schlagt eure Arme und Hände gegen euren Körper, passt auf, dass ihr eure Füße
und Hände noch spürt.“ Das alles wussten wir bereits durch Erfahrung, doch
sorgte er sich um uns, und das tat gut! — Er trug die Verantwortung dafür,
dass jeder von uns im Kimpersaier Lager ankam. Ihr jedoch gerecht zu werden,
wurde mit zunehmender Entfernung von Taikent immer schwieriger. Unsere Gruppe
zog sich weiter und weiter in die Länge, bis schließlich trotz guter Sicht die
Letzten nur noch wenige oder auch niemanden mehr vor sich sahen. Der Wind
verwehte die Spuren zu schnell, als dass sich die Hinteren noch sicher daran
orientieren konnten. Wowa fuhr mit seinem Schlitten die kilometerweit
auseinander gezogene Reihe ab in der Hoffnung, dass derjenige, der sich als
Letzter ausgab, auch wirklich der Letzte war. Die beiden am Ende packte er auf
den Schlitten, warf ihnen die Pelzdecke über und fuhr sie an die Spitze der
Kolonne. Dort setzte er sie ab, sie mussten weiter laufen, und Wowa fuhr wieder
kilometerweit ans Ende, um wieder die beiden Letzten zu holen. Einmal war auch
ich bei dieser „Schlittenpartie“ dabei.
Mittags kamen die ersten im Lager Kimpersai an. Ich
erreichte es so gegen sechzehn Uhr. Die Letzten kamen noch vor Hereinbrechen der
Dunkelheit an. Ein Glück: Keiner war auf der Strecke geblieben! Wir Taikenter
wurden mit Sorge erwartet. Zuerst mussten wir in den Umkleideraum der Banja.
Einer nach dem anderen fing an zu jammern, denn mit der Wärme dort schoss, wenn
alles gut gegangen war, auch das Blut wieder schmerzhaft in unsere Hände und Füße.
Und bei mir war alles gut gegangen. Einige wurden mit Erfrierungen in die
Ambulanz eingeliefert. Kimpersai hatte uns wieder! Wie lange noch?—
Unter den in Taikent Zurückgebliebenen war auch
Erich Wangler. Er schrieb mir Jahrzehnte später in einem Brief vom 5. Februar
1996: „Für uns in Taikent begann eine schöne Zeit. Kein Zaun, keine Posten,
keine Arbeit und kaum etwas zu essen, dafür aber verlaust. Frühjahr 1947:
Schneeschmelze, Sonnenschein; der Frühling ist da. Ein Offizier aus dem
Hauptlager kommt zur Inspektion. An einem Wochenende hat uns dann ein LKW
abgeholt und zum Baden, Entlausen, Glatzeschneiden und Sackrasieren (alles
umsonst) nach Kimpersai gebracht. Nach dieser Prozedur ging es dann wieder zurück
nach Taikent. Heinz Daniel (Er war in Taikent unser Brigadier. M.P.) durfte
nicht mehr zurück. Er war bei der Kriegsmarine. Durch Verrat? — ist er dann
angeblich in ein Kriegsgefangenenlager gekommen. Nun ging es mit der Arbeit
richtig los. Was im Winter nicht gemacht werden konnte, musste jetzt nachgeholt
werden. Dieses Arbeitstempo wurde konstant beibehalten. Im Herbst 1947 wurde das
Lager Taikent aufgelöst.“
Hoffnung keimt
auf
Es muss im Januar des Jahres 1947 gewesen sein,
exakter kann ich nun, nach einundfünfzig Jahren, die Zeit nicht mehr bestimmen.
Da verlautete durch den Lager-Buschfunk: Ein Teil von uns verlässt in den nächsten
Tagen Kimpersai und wird nach Nickel verlegt. In Nickel befand sich das „Internierten“lager
Nr. 1902. Es war das Hauptlager, das Lager 1090 in Kimpersai war das Nebenlager.
Unser damaliger ziviler Lagerkommandant, ein Ukrainer namens Preuß, hatte uns
immer wieder versichert, wie gut wir es doch in Kimpersai im Unterschied zum
Lager in Nickel hätten. Einzelheiten erfuhren wir nicht. ‘Doch was kann dort
schon schlechter sein? Und überhaupt: Der Buschfunk hat schon manches Gerücht
verbreitet, und so wird es auch jetzt wieder sein.’
Doch es kam anders. Auf einem Appell wurden die Namen
derjenigen verlesen, die an einem der nächsten Tage für den Transport nach
Nickel bestimmt worden waren, Jungen, Männer, Mädchen, Frauen. Ich war dabei.
Meine Sorge hielt sich in Grenzen.
In Güterwaggons, wie wir sie seit unserem Transport
von Graudenz nach Kimpersai noch in schlechter Erinnerung hatten, ungeheizt,
fuhren wir einige Stunden lang auf der derselben Strecke, auf der wir nach
Kimpersai gekommen waren, diesmal in entgegen gesetzter Richtung und mitten im
Winter. Trotz allem war ich irgendwie hoffnungsvoll, denn wenn es einmal eine
Heimkehr aus Kimpersai geben würde, dann müsste sie ja auch auf dieser Strecke
beginnen. — So fühlte ich mich der Heimkehr irgendwie näher gerückt.
‘Vielleicht geht es von dort aus bald weiter, zurück nach Deutschland!’ Mit
Logik hatte das aus meiner heutigen Sicht kaum etwas zu tun, doch was konnte überhaupt
in diesen beiden vergangenen Jahren meines jungen Lebens logischen Kriterien
standhalten? Hoffnung musste her, und wenn sie aus dem Nichts geholt wurde!
Noch außerhalb von Nickel mussten wir die Waggons
verlassen. In einer langen Kolonne wurden wir in Richtung Lager geführt. Vor
uns tauchte eine kleine Gruppe auf, das mussten welche von dorther sein.
Doch was ist das? Ihre schleppende Art, sich
fortzubewegen, lässt nichts Gutes erahnen. Im Näherkommen entdecke ich zu
meinem Erschrecken: ein Leichenkommando! Mein erster Gedanke: ‘Geht das hier
wieder von vorne los?’
So kamen wir im Lager an. Es hatte wesentlich größere
Dimensionen als das Lager in Kimpersai. Eine Anzahl lang gestreckte hohe
Baracken, Ziegelsteinbauten. Ein ähnlicher Küchenbau. Eine Ambulanz. Vor jeder
Baracke eine Latrine. Ein großer Appellplatz. So habe ich dieses Lager noch in
Erinnerung.
Wie viele „Internierte“ dort gefangen gehalten
wurden, habe ich nicht erfahren. Alleine in einer solchen Baracke waren es
mehrere hundert. Vier lange Pritschenreihen, unten und oben voll belegt, zwei
ebenso lange Gänge jeweils in der Mitte. Ihre Insassen hatten eines gemeinsam,
ihre deutsche Nationalität, nicht aber ihre Herkunft. Viele waren wie wir aus
dem von der Sowjetarmee eroberten Osten Deutschlands hierher deportiert worden.
Doch andere stammten aus Ungarn und Rumänien. Wegen ihrer deutschen Nationalität
waren sie hier, ebenso wie wir. Untereinander hatten wir zu meiner Zeit kaum
Kontakt. Wir waren zu viele. Doch war dieses Lager auch ein Durchgangslager. Aus
dem fernen Sibirien kamen „Internierte“ hier an. Nach kurzer Zeit mussten
sie das Lager wieder verlassen. Einmal waren es auch Frauen aus einem Lager im
Fernen Osten, an der sowjetisch-chinesischen Grenze. Es waren, zu unserer
Verwunderung, Berlinerinnen! —
In jeder Baracke gab es einen Lautsprecher. Aus ihm
krächzte es tagsüber ununterbrochen. Sprechsendungen klangen nach
agitatorischer Härte, wir konnten aus zweierlei Gründen nichts verstehen:
einmal wegen der unzureichenden Übertragungsqualität, zum anderen aus
Unkenntnis des Russischen. Musiksendungen hatten auf dem Weg bis in diese
Baracke ihren ästhetischen Wert längst verloren. Diese Technik brachte uns
also keinen Gewinn.
Jedoch wurden hier gelegentlich Zeitungen in
deutscher Sprache verteilt, das „Freie Deutschland“, herausgegeben vom
gleichnamigen Nationalkomitee, von dessen Existenz wir auf diese Weise erfuhren.
Sie enthielten Beiträge über die Sowjetisch Besetzte Zone in Deutschland, dir
wir jedoch mit erfahrungsgemäßem Zweifel zur Kenntnis nahmen, ebenso die
Botschaften von der Überlegenheit sowjetischer Wissenschaft und Technik. Ich
erinnere mich noch an einen Beitrag über ein Stereokino in Moskau – ein
solches Kino, wie dort dargestellt, gibt es bis heute weder in Moskau noch sonst
irgendwo auf der Welt. Der Glaube an den Wahrheitsgehalt der Beiträge konnte
damals in uns kaum aufkeimen. Doch es waren Zeitungen in deutscher Sprache, und
so las ich sie vom ersten bis zum letzten Wort.
Auf dem großen Appellplatz wurden uns, sobald der
Winter vorbei war, abends Spielfilme gezeigt: sowjetische Propagandafilme, aber
damals auch noch amerikanische Revuefilme, die ich mir gern ansah.
Die meisten Arbeiten kannte ich schon aus Kimpersai,
einschließlich des Einsatzes im Leichenkommando. — Die erste Begegnung in
Nickel war also leider keine Ausnahme, sondern hier nach wie vor die Regel. Neu
war für mich die Nickelfabrik, in die ich aber Einblick zu gewinnen kaum mehr
die Möglichkeit hatte.
Kampf gegen
Rechtlosigkeit und Hunger
Frühjahr
1947. Ich wurde auf einem von zwei LKW mit etwa 30 Kameradinnen und Kameraden in
nordwestliche Richtung gefahren, durch den Schlamm der Straßen, durch
Industriesiedlungen in ihrem grau in grau, ohne dass wir auch diesmal wussten
wohin. Aus der Länge der Strecke ließ sich erkennen, dass wir nicht nur für
einen Tag zur Arbeit gefahren wurden. Nachdem wir stundenlang auf der Ladefläche
hin und her gerüttelt worden waren, kamen wir in einer Siedlung an, die
unverkennbar durch den Nickeltagebau geprägt worden war. Größer jedoch als
Kimpersai und auch älter - sie musste schon Jahre vor dem Krieg angelegt worden
sein. Sie zog sich an einem langen Tal links und rechts entlang. In der Ferne
konnten wir die Berge des Südural sehen. Wir waren in Ackermansk.
Es hatte seinen Namen einem russischen Revolutionshelden deutscher Herkunft zu
verdanken.
Die
beiden LKW fuhren in ein Objekt hinein, das von einer hohen Mauer umgeben war
und aus zwei lang gestreckten Gebäuden bestand, einem schon verfallenen höheren
mit kleinen vergitterten Fenstern und einem noch bewohnbaren barackenähnlichen
flachen. Wie sich herausstellte, waren wir in einem ehemaligen Zuchthaus
angekommen. Doch, um es vorweg zu nehmen: Unser Leben in Akkermansk hatte mit
dem unserer Vorgänger zum Glück wenig gemein.
Wir
wurden in das barackenähnliche Gebäude eingewiesen. Es hatte Räume, die ursprünglich
der Zuchthausverwaltung und der Wachmannschaft gedient hatten. Auch wir hatten
aus dem Lager Nickel wenige Posten und einen für uns verantwortlichen Offizier
dabei, doch mit einer Bewachung hatte das kaum etwas zu tun. Wir waren in
Ackermansk so gut wie frei. —
Empfangen
wurden wir vom Natschalnik der Nickelgrube, die hier unsere Arbeitsstätte sein
sollte. Er war uns kein Unbekannter. Ich kannte ihn bereits von Kimpersai her,
und auch in Taikent war er mir begegnet. Ein dem Range nach kleinerer
Natschalnik war er auch dort schon gewesen. Ich hatte ihn in unangenehmer
Erinnerung. Er kam gelegentlich auf unser Ziegelei-Freigelände, stellte sich
breitbeinig in Positur und blickte von oben auf uns herab: ein rundes Gesicht,
kleiner Mund, kleine Nase, kleine Augen, eitel-schnauzbärtig, solide gekleidet.
Er sprach zu uns nur Russisch und ließ das von Ukrainern übersetzen. Wir
wagten es, über ihn herzuziehen, denn er verstand uns ja nicht. Bis uns die
Ukrainer offenbarten: „Er ist auch ein Ukrainer, versteht und spricht wie wir
sehr gut Deutsch, hütet euch vor ihm, denn er ist ein falscher Hund!“ Er war
mit ihnen nach Kasachstan deportiert worden, hatte sich jedoch als Karrierist
von ihnen entfernt und versuchte, seine deutsche Nationalität zu verleugnen.
Auch musste es ihm recht gewesen sein, dass er auf diese Weise erfuhr, wie wir
über ihn dachten. Erst als er merkte, dass wir ihn durchschaut hatten, sprach
er auf einmal auch Deutsch zu uns, wogegen er bei seinen Landsleuten grundsätzlich
auf Russisch beharrte. Nun, mir geht es hier nicht um die Sprache, sondern um
den Charakter eines Menschen, der zwar grundsätzlich von Sprache unabhängig
ist, aber sich oft in seiner Sprache verrät.
Hier
kam er uns ganz freundlich entgegen, stellte sich als Natschalnik unserer
Arbeitsstätte, der Nickelgrube, vor, und versprach uns bessere Verpflegung,
bessere Kleidung, Decken für die Nacht und eine gute Behandlung, wenn wir gut
arbeiteten. Dazu waren wir nach unseren Kräften bereit, und wir waren in
gewisser Weise froh, dass wir das Lager Nickel hinter uns gelassen hatten.
Wir
hielten uns an unsere Zusage und arbeiteten gut, von einem seiner Leute, einem
Brigadier, beaufsichtigt und angeleitet. Doch allmählich wurden wir stutzig. Täglich
machten wir folgende Erfahrung: Wenn es dem Ende des uns zugesagten gesetzlichen
Achtstundentag zuging und wir unsere Arbeit erledigt hatten, wies uns der
Brigadier einen neuen Arbeitsabschnitt zu und gab uns zu verstehen: Das müsste
unbedingt noch erledigt werden, damit der Bagger am nächsten Tag an die
Nickelerde herankäme. Erst wenn wir damit fertig wären, dürften wir ins Lager
zurückkehren! Zunächst waren wir bereit, das einzusehen, und folgten seinen
Anweisungen. Genau so erging es der Brigade rumäniendeutscher Frauen,
Deportierte wie wir, die dort auch arbeiten mussten. Zu ihnen hatten wir außerhalb
der Arbeit keinen Kontakt - es hatte hier jeder genug mit sich zu tun. So kamen
wir zu oft statt um siebzehn Uhr erst gegen einundzwanzig Uhr und später ins
Lager zurück, völlig ausgepumpt! —
Außerdem:
Der Hunger blieb uns erhalten, bessere Kleidung und Decken gab es nicht. Der
Natschalnik hatte uns belogen und betrogen.
Eines
Tages lief unser Maß über. Wir alle, außer den Rumäniendeutschen, waren uns
einig: ‘Passiert uns das heute wieder, dann lassen wir uns das nicht mehr
gefallen. Wir hauen dann einfach ab, zurück ins Lager. Das Recht ist auf
unserer Seite. Der Natschalnik kann uns mal ...!’
Und
so geschah es. Die Rumäniendeutschen blieben, wir aber schulterten Schaufel,
Spaten, Brechstange Spitzhacke und zogen geschlossen von dannen. Der Brigadier
bemühte sich vergebens, uns daran zu hindern, und bewaffnete Posten hatten wir
hier nicht. Ich fühlte mich stark, zum ersten Mal seit zwei Jahren! Es war ein
schönes Gefühl, fast so wie zur Wendezeit 1989 in der DDR.
Der
Weg zurück ins Lager führte vorbei an dem großen Grubenverwaltungsgebäude.
Dort jedoch wurden wir von einem Russen aufgehalten. Drei von uns, darunter auch
mich, wählte er aus. Wir wurden in das Gebäude hinein zum Natschalnik
beordert.
Wir
kamen in einen großen, repräsentativen Raum, teppichbelegt, wie wir ihn hier
in Ackermansk nicht vermutet hatten. Vor einer Wand gegenüber der großen Tür,
durch die wir mussten, ein wuchtiger Schreibtisch. Dahinter, auf einem Sessel
sitzend, „empfing“ uns der Natschalnik. Diesmal sprach er Deutsch mit uns.
— „Warum habt ihr die Arbeit verlassen?“ Unser schönes Gefühl hatte sich
jäh zurückge“wendet“, und wir schwiegen zunächst. ‘Was kommt jetzt auf
uns zu?’
Einer
von uns musste reden. Ich fasste mir ein Herz: „Von allem, was Sie uns
versprochen haben, ist nichts eingetroffen. Wir haben trotzdem gut gearbeitet.
Das werden wir auch weiter tun. Aber wir sind nicht mehr dazu bereit, Stunden länger
zu arbeiten, als es die Gesetze hier vorschreiben und es unsere Kräfte
zulassen!“ Jetzt war das Schweigen auf seiner Seite. Doch nur wenige Sekunden,
dann war er wieder der, den ich schon in Kimpersai kennen gelernt hatte. „Ihr
habt gestreikt, und Streik ist in der Sowjetunion verboten. Dafür werdet ihr
bestraft!“ Wie, das verriet er uns hier nicht. In dieser Ungewissheit entließ
er uns. Wir drei kehrten zu unserer Brigade vor dem Gebäude zurück, und während
wir die nicht mehr weite Strecke bis ins Lager zurückgingen, berichteten wir über
diesen „Dialog“ mit dem Natschalnik.
Dort
erwartete uns bereits der Offizier, der über alles offensichtlich per Telefon
informiert worden war. Er verlor uns gegenüber nur wenige Worte: dass drei von
uns an Stelle aller anderen in den Karzer müssten. Uns allen sollte eine
Lektion erteilt werden, doch auf den Rest der Brigade wollte der Natschalnik
offenbar nicht verzichten. –
Einer
von den dreien war ich, vermutlich weil ich gewagt hatte, den Mund aufzureißen
und zu sagen, was der Obrigkeit, hier diesem Natschalnik, nicht passte. (Das
hatte ich nicht das erste Mal in meinem Leben getan, und es sollte auch nicht
das letzte Mal bleiben.) Ich hatte den Eindruck, dass der Offizier nicht ohne
Verständnis für unser Verhalten war. In das Zuchthausgebäude sperrte man uns
nicht. Das andere Gebäude hatte jedoch keinen Karzer. So wurden wir gemeinsam,
ein Mädchen, ein Mann und ich, von einem Posten in einen kleinen, leeren,
fensterlosen Raum gesperrt. Die Tür wurde hinter uns vernagelt, diesmal mit
langen richtigen Nägeln. Nur unterhalb der Tür war ein schmaler Spalt, durch
den frische Luft und tagsüber etwas Licht drangen und durch den wir mit Suppe,
Tee und Brot versorgt wurden. Wir ertrugen das mit der Gelassenheit von
Menschen, die das Gefühl haben, etwas Rechtes getan zu haben und dafür
bestraft worden zu sein. Wir bereuten nichts!
So
waren wir fast guter Dinge, auch wenn das heute kaum glaubhaft ist. Aber wir
waren inzwischen an schwierige Situationen gewöhnt. Während die anderen draußen
schwer arbeiten mussten, durften wir hier im Halbdunkel miteinander schwatzen,
ohne zu arbeiten. Lange würde man uns hier hinter vernagelter Tür nicht
eingesperrt lassen können. Einfach war es für uns dennoch nicht: Länge und
Breite dieses Raumes boten uns kaum Möglichkeit zum Nachtschlaf. Auch sei hier
vermerkt, dass es schwierig war, wenn wir unsere Notdurft verrichten mussten.
Dafür stand uns nur der schmale Türspalt zur Verfügung, was uns beiden männlichen
Wesen zweifellos einen Vorteil dem Mädchen gegenüber verschaffte. Unsere
Menschenwürde bewahrten wir uns trotz dieser menschenunwürdigen Bedingungen,
die wir ja nicht zu verantworten hatten. Am Morgen des dritten Tages kam der
Posten, überwand das Rinnsal vor der Tür, zog die Nägel aus der Tür, und wir
durften wieder zu unserer Brigade zurückkehren.
Dieser
Einsatz hatte sich jedoch für uns alle gelohnt: Fortan blieben wir in der
Nickelgrube von übermäßiger Verlängerung des Achtstundentages verschont. Das
lehrte mich, dass man auch in einem „Arbeiter- und Bauern-Staat“ nach
sowjetischem Muster nicht ganz rechtlos ist, selbst als Gefangener, und sich
demzufolge nicht alles gefallen lassen muss, man muss nur den Mut haben, diesen
eingeschränkten „Rechts“raum zu nutzen. Das Problem: Wo befindet sich die
Grenze? Also ist das Leben in einer solchen Gesellschaft für jeden, der diesen
engen Raum betritt, eine Gratwanderung. — Damals jedoch war ich zu solcher
Erkenntnis noch nicht reif. Es bedurfte neben weiterer Reifejahre auch meiner
Erfahrungen mit dem Leben in der DDR – allerdings wurden diese Erfahrungen
hier auf einer ganz anderen Ebene gemacht, die sich mit meinem Leben in
Kasachstan nicht ohne weiteres vergleichen lässt. Doch half mir Kasachstan später,
dem Widerspruch zwischen Theorie und Wirklichkeit in dieser Gesellschaft auf die
Spur zu kommen. Und auch dem Natschalnik–Typ des erfolgreichen Karrieristen
und Funktionärs ohne menschliche Prinzipien bin ich in der DDR immer wieder
begegnet, ebenso wie dem ideologisch-dogmatischen Taikenter Kapitänstyp.
Doch
für Arbeit im Lager gab es offensichtlich keine arbeitsrechtliche Grundlage, so
dass sie nach getaner Arbeit in der Nickelgrube sowie an Wochenenden ohne
Bedenken angeordnet wurde. Wir erhielten den Auftrag, das marode Zuchthausgebäude
in diesen Zeiten abzureißen. Bereits vorher waren wir hier eingedrungen und
hatten es in Augenschein genommen. Unsere Phantasie reichte trotz all unserer
Erfahrungen in den beiden vergangenen Jahren nicht aus, wollten wir uns in das
Leben jener Strafgefangenen hineinversetzen, die vor uns in Ackermansk hier
hausen mussten. Dabei beziehe ich in diese Bewertung nicht ein, in welchem
maroden Zustand sich das Gebäude zu der Zeit befand, als wir es kennen gelernt
hatten und es seiner Bestimmung entzogen worden war. In Ackermansk gab es zu
unserer Zeit, in der die Zuchthausära hier beendet worden war, keine
Strafgefangenen mehr. Doch hatte ich ihre Arbeitskolonnen in Nickel beobachtet,
wenn wir außerhalb des Lagers eingesetzt waren. Es waren wahrhaft armselige
Kreaturen, die uns scheuen Blickes begegneten, zerlumpt, von Schwerbewaffneten
und Hunden streng bewacht. Wir, die wir damals unbewacht waren, riefen zu ihnen
hinüber, doch die Posten verhinderten jede Reaktion und drohten auch uns. Wir
mussten so entfernt voneinander arbeiten, dass eine Kontaktaufnahme unmöglich
war. – Das erinnerte mich an Gefangene einer deutschen Strafkompanie, denen
ich 1945 bei Danzig begegnet war und die in Richtung Front zum Einsatz gebracht
wurden. —
Das
Hungergefühl war uns in Ackermansk geblieben. Stalin hatte zwar gesagt: “Wer
nicht arbeitet, der soll auch nicht essen!“, doch er hatte nicht gesagt:
„Wer arbeitet, der soll auch essen!“ So war, zumindest was dieses
Stalinzitat anbetrifft, ein Widerspruch zwischen Theorie und Wirklichkeit für
uns nicht erkennbar. Marx hatte vor Stalin geschrieben: „Das Sein bestimmt das
Bewusstsein.“, und Brecht schrieb in seiner „Dreigroschenoper: „Erst kommt
das Fressen, dann die Moral.“ Von beiden hatte ich damals noch nichts gehört,
geschweige denn gelesen. Doch trotz Unkenntnis dieser Sätze handelten wir in
Ackermansk bereits danach. Als ich Jahre später diese Sätze hörte und las,
verstand ich sie sofort.
Wir
nutzten unsere Freiheiten in Ackermansk dazu, mit dem Hunger auf die uns dort mögliche
Weise fertig zu werden. Kaufen konnten wir uns nichts, denn Geld erhielten wir
trotz unserer schweren Arbeit nach wie vor nicht. Wie in Taikent in der Steppe
nach Schildkröten, Fischen und Zieselmäusen zu jagen, war ebenfalls unmöglich.
Aber Ackermansk war eine größere Siedlung. Die Menschen dort, Russen, lebten
in einzelnen Häusern, wie sie auch im übrigen Russland üblich waren - mit
einem Vorbau gegen die Kälte und zur Aufbewahrung von Vorräten, z. B.
Kartoffeln, und mit Ställen daneben für Kleinvieh. Das war dort unsere Chance,
ebenso dass wir noch unbekannt. geblieben waren. Der Hunger quälte uns mehr als
unsere Skrupel (siehe Brecht), und wir zogen nach hereinbrechender Dunkelheit
auf Raub aus. Jeder hatte dabei seine Methode. Meine war es nicht, in Ställe
einzubrechen, um dort eine Ziege oder etwas Ähnliches zu töten und zu rauben.
Dafür war ich zu ungeübt, so dass mein Risiko zu groß gewesen wäre. Ich gehörte
zu den Trickdieben. Und zwar zog ich mit noch einem Kameraden aus, der eine
relativ gut erhaltene Wattejacke besaß. Der eine klopfte höflich an die
Wohnungstür und verschaffte sich so Einlass. Drinnen beschäftigte er die
Leute, indem er ihnen seine Wattejacke zum Kauf anbot. Die pries er mit seinem
spärlichen Russisch mühsam und zeitaufwendig an, und nachdem sich dieses
„Verkaufsgespräch“ erschöpft hatte, kam er endlich zum Preis. Der jedoch
wurde so hoch angesetzt, dass gehandelt werden musste. In kleinen Schritten ging
er mit seinem Preis nach unten, blieb jedoch damit zum Schluss so hoch, dass
niemand dazu verleitet wurde, diese Jacke zu kaufen. So verabschiedeten sich
beide Seiten schließlich mit dem Ausdruck des Bedauerns und höflich. Der
andere hatte in der Zwischenzeit im Finstern den geringen Kartoffelvorrat
ausgemacht, ihn um ein paar Kilo erleichtert und sich in die schützende
Dunkelheit nach draußen davongemacht. Wenn der Verlust überhaupt bemerkt
wurde, dann erst am nächsten Morgen. Im Lager wurde geteilt. Gerechterweise
tauschten wir beim nächsten Mal unsere Rollen. Diese Methode war ziemlich
sicher.
Eines
Abends geschah jedoch folgendes: Mein Kamerad hatte das Verkaufsgespräch zu führen,
ich hatte im Vorraum zu stehlen. Gerade hatte ich den Kartoffelsack entdeckt und
einige wenige Kartoffeln in meinen Beutel gesteckt, da öffnete sich bereits die
Tür. Ich nahm in dem aus der Wohnung hereindringenden spärlichen Licht im
Sekundenbruchteil wahr, wie mein Kamerad von einer alten Frau, die eine
leuchtende Kerze trug, wieder hinausbegleitet wurde. Was tun? Ich kauerte mich
auf den Kartoffelsack so, dass ich in meiner armseligen Kleidung in diesem
Halbdunkel kaum von diesem Sack zu unterscheiden war. Jeden Augenblick musste
ich damit rechnen, dass die Frau Alarm schlug. Dann wäre es für mich wohl äußerst
schwierig geworden. Doch nichts dergleichen geschah, ich war unentdeckt
geblieben. Nachdem die Frau die Tür hinter sich geschlossen hatte und es um
mich herum wieder dunkel geworden war, ergriff ich sofort die Flucht. Zum Teilen
gab es dieses Mal kaum etwas. Mein Kamerad erzählte mir, dass sich die Leute
von vornherein auf sein Angebot nicht eingelassen und ihn zum Hinausgehen
aufgefordert hatten. Um dessen sicher zu sein, hatte ihm die Frau das Geleit
gegeben, ohne jedoch zu ahnen, dass der eigentliche Dieb seine Aufgabe bereits
zu lösen begonnen hatte.
Das
konnte auf die Dauer nicht gut gehen. Wir wurden regelrecht gejagt, unsere Räume
wurden durchsucht. Auf frischer Tat hatte man keinen von uns erwischen können,
und gefunden wurde auch nichts. Doch bald standen wieder zwei LKW für uns
bereit, die uns zurück ins Lager nach Nickel brachten.
„Dystrophie
vier!“
Bald darauf erschien eine Ärztekommission im Lager.
Sie wurde von einer schwarzhaarigen russischen Ärztin geleitet. Brigadeweise
mussten wir in die Ambulanz und wurden untersucht. Die Untersuchung bestand
darin, dass der unbekleidete Körper jedes einzelnen in Augenschein genommen und
betastet wurde. Nach unserem so ermittelten körperlichen Zustand wurde jeder
einer Gruppe der Dystrophie zugeordnet. Ich wusste von nun an, dass mein Körper
der Gruppe vier, dem höchsten Grad der Unterernährung, entsprach. Das ließ
mich ziemlich gleichgültig, zumal ich damals kein Bild von meinem Äußeren
hatte, da es Spiegel dort nicht gab. Auch in den Tagen danach schien es so, als
hätte diese Eingruppierung für mich keinerlei Bedeutung, denn arbeiten musste
ich ebensoviel und zu essen bekam ich ebenso wenig wie zuvor. Doch hatte ich
mich diesbezüglich grundlegend getäuscht.
Ich weiß heute nicht mehr, wie viel Tage seit
unserer Körperschau vergangen waren, sie schrumpften danach in meinem Gedächtnis
zu einem Nichts: Auf einem Appell wurden die Namen derjenigen verlesen, die nach
Hause fahren sollten – und mein Name war dabei!! Doch wem konnte man hier
vertrauen? Hatte man uns vor knapp zwei Jahren nicht schon einmal versprochen,
wir würden nach Hause fahren? Welche Teufelei würde nun dahinter stecken, denn
auszuplündern war von uns niemand mehr. Aber vielleicht war doch etwas Wahres
dran? ‘Freu dich nur nicht zu sehr!’ So wurde ich hin und her gerissen
zwischen Hoffnung und Zweifel.
Doch die positiven Zeichen verdichteten sich. So
wertete ich es als positiv, dass nur die Namen derer verlesen worden waren, die
zur Dystrophie vier gehörten. Wir, deren körperlicher Zustand am erbärmlichsten
war, sollten gerade deshalb auf einmal das größte Glück haben. So äußert
sich manchmal die Dialektik des Lebens darin, dass sich ein Unglück letzten
Endes als Glück erweist. Ich ließ dennoch die Euphorie nicht zu nahe an mich
heran, damit ich bei betrogener Hoffnung den Verstand nicht verlor. Und ich
hatte gut damit getan, denn beinahe wäre bei mir doch noch alles schief
gegangen.
Die Heimkehr kündigt sich entgegen allen Zweifeln
glaubwürdig an: Jeder von uns potentiellen Heimkehrern wird eingekleidet mit
Unterhemd, Unterhose, Arbeitsschuhen, Wattejacke und Wattehose. Diesmal sind die
Sachen im Unterschied zu Kimpersai neu im wahrsten Sinne des Wortes. Dann wird
jeder von uns zum leitenden Offizier unserer Baracke beordert. Der überprüft
die Personalien und verlangt zurück, was Eigentum des Lagers 1902 ist. In
meinem Fall handelt es sich um ein schlichtes weißes Leinenlaken, eine
Errungenschaft des Lagers Nickel. Wir brauchten dort nicht mehr wie in den
Lagern zuvor auf bloßen Brettern zu schlafen, sondern konnten die
Pritschenbretter mit diesem Laken bedecken oder, was wirksamer war, uns des
Nachts damit zudecken.
Das alles jedoch interessiert den Offizier nicht im
Geringsten. „Du hast ein Laken bekommen, also musst du ein Laken jetzt wieder
zurückgeben. Du kannst das Laken bezahlen, dann ist alles charascho.“ Doch
womit sollte ich es bezahlen? Ich hatte zwar länger als zwei Jahre schwer
gearbeitet. Dennoch wurde mir während meiner ganzen Gefangenschaft nicht eine
einzige Kopeke dafür ausgezahlt. Auf diese Möglichkeit musste ich also
verzichten. „Wenn du kein Laken hast und das Laken nicht bezahlst, dann muss
ich das Laken bezahlen. Das werde ich nicht tun. Entweder du bringst ein Laken,
oder du fährst nicht nach Hause!“— Wer kann sich in meine psychische
Situation hineinversetzen?
Was tun? Mein Kamerad gab mir sein Laken, das ja
eigentlich mir gehört hatte, verständlicherweise nicht. Denn beim nächsten
Mal hätte er unter den Heimkehrern sein können, und dann hätte er vor dem
gleichen Problem gestanden. Dieses Risiko wäre im umgekehrten Falle sicher auch
ich nicht eingegangen. Also musste ich mir ein Laken auf andere Weise
beschaffen. ‘Was tun, wenn nicht stehlen?’ Doch so trickreich ich in
Ackermansk in dieser Beziehung auch gewesen war, ich konnte es nicht über mich
bringen, einen Kameraden zu bestehlen.
Ich finde schließlich einen Ausweg: ‘Habe ich
nicht gerade erst nagelneue Kleidung empfangen? Eine neue Wattehose ist viel
mehr wert als ein Laken. – Aber ich brauche sie doch selbst für die
Heimfahrt? –Eine neue Wattehose ist ungefähr soviel wert wie eine alte
Wattehose und ein Laken.’ Gedacht - getan! Ich winke einen Ungarndeutschen aus
der Baracke zu mir heran, der bringt im Handumdrehen eine alte Hose und ein
Laken. Dann übergebe ich ihm meine neue Hose. Ich frage den Ungarndeutschen
nicht, der Offizier fragt mich nicht, woher das Laken stammt. Er unterschreibt,
das Lagereigentum von mir empfangen zu haben. Zu meiner Verwunderung soll ich
unterschreiben, am Ende meiner „Internierung“ 1900 Rubel Schulden
hinterlassen zu haben. – Ich wage die Frage nach dem Wofür, wo ich doch die
ganze Zeit gearbeitet habe, ohne eine Kopeke dafür erhalten zu haben. „Für
Unterkunft, Verpflegung Bekleidung.“ ‘Was soll’s, ich unterschreibe, und
meine Heimkehr ist gerettet!’ Und meiner Mutter ist Wochen darauf der Zustand
meiner Hose total uninteressant.
So groß meine Freude über die lang ersehnte und
endlich bevorstehende Heimkehr auch war, Zweifel blieben, und es mischte
sich das Mitleid für die Zurückbleibenden in die Freude. Erich Wangler, Harald
Leitner und andere vertrauten mir Briefe für ihre Lieben in Deutschland an. Sie
schrieben mir deren Adressen auf und baten mich, sie zu suchen und den Kontakt
zu ihnen herzustellen. Das war das Geringste, was wir Heimkehrenden für die Zurückbleibenden
tun konnten, und für sie erwuchs daraus eine große Hoffnung. Doch erwies sich
diese menschliche Pflicht als unerwartetes Risiko.
Die Heimkehrstunde, mit der Werner Creutzburg in
seinem Kimpersaier „Bataillonslied“ unsere Hoffnung genährt hatte, stand
nun bevor. Bevor wir den Transportzug besteigen durften, mussten wir, etwa
zweihundert Frauen und Männer, zu unserem letzten Lagerappell antreten. Der
Lagerleiter, ein höherer Offizier, ließ übersetzen: Er verabschiedete uns
nach Deutschland. Dann gab es noch ein paar organisatorische Hinweise. Dazu gehörte
folgender: „Es ist jedem streng verboten, irgend etwas Geschriebenes oder
Gedrucktes mit nach Deutschland zu nehmen. Wer etwas davon bei sich hat, muss es
hier in der Mitte auf einen Haufen legen. Jeder wird anschließend kontrolliert.
Wer etwas Geschriebenes oder Gedrucktes nicht abgegeben hat, fährt nicht nach
Hause!“ Hatte ich gehofft, endlich alles hinter mir zu haben, dann hatte ich
mich bis zur buchstäblich letzten Stunde geirrt. Wie sollte ich mich jetzt
entscheiden? So schwer mir dieser Entschluss auch fiel: Ich trennte mich von den
Briefen und Adressen und warf sie auf den Haufen, der sich beachtlich vergrößerte.
Die Adresse von Harald Leitners Mutter in Starnberg am See prägte ich mir noch
schnell ein. Fast jeder warf ein oder mehrere Blätter mit schwerer Hand dazu.
Dann wurden wir noch ein letztes Mal gefilzt: Wir
mussten unsere Bekleidung ausziehen und vor uns ablegen, standen nur noch in
leinenen Unterhemden und -hosen da, während Posten alles durchsuchten. Ich habe
nicht in Erinnerung, dass irgendetwas bei uns gefunden werden konnte. Der
Papierhaufen wurde an Ort und Stelle verbrannt. Wir durften in den Transportzug
einsteigen. Seine Ausstattung war wie gehabt. Doch stiegen wir gern hinein. Auch
waren wir nicht mehr zu neunzig Kameraden in einen Güterwaggon gepfercht,
sondern wir waren nur noch etwa halb soviel. Die Lokomotive ruckte an, die
Waggons setzten sich, einer nach dem anderen, langsam in Bewegung, wir fuhren
heimwärts, wenn auch nicht heim nach Danzig, so doch nach Deutschland. Dass ich
nicht wusste, wohin dort, empfand ich nicht als Problem.
Viele mussten wir in Nickel zurücklassen. Vielleicht würden auch sie bald die nächsten Heimkehrer sein!
Endstation:
Frankfurt an der Oder
Wir fuhren in unserem Transportzug dieselbe Strecke
wie vor knapp zwei ein halb Jahren. Diesmal jedoch gab es einen wesentlichen
Unterschied: Es ging heimwärts - sofern man uns nicht hintergangen hatte!?—
Mit diesem Zweifel schützte ich mich vor der Möglichkeit, dass alles ja auch
noch schlimmer kommen könnte und ich auch dann den Verstand nicht verlieren dürfte.
Wir fuhren durch die weite kasachische Steppe, mit
der wir in den knapp zwei ein halb Jahren der Deportation vertraut geworden
waren. Im Südural, von der einen Spalt geöffneten Waggontür her, rief es plötzlich:
„Mensch, schaut einmal dort: Bäume!“ In dieser ganzen zurückliegenden Zeit
hatten wir nicht einen einzigen Baum zu sehen bekommen, geschweige denn einen
ganzen Wald. Höchstens einmal ein niedriges Gehölz, wenn ich bei Taikent aus
einem kleinen Fluss Kies laden musste. Wir drängten an den Türspalt und
genossen schweigend das erste Waldgebiet. Bald sollten wir uns an diesen Anblick
wieder gewöhnt haben, als wir die endlosen russischen Wälder durchfuhren.
Doch zunächst einmal kam unser kurzer
Gefangenentransport auf einem Güterbahngelände bei Aktjubinsk, in den Ausläufern
des Südurals gelegen, zum Stehen. Wir bemerkten in der Nähe eine Reihe anderer
Waggons mit gefangenen Zivilisten, Deutsche wie wir, was nur noch an der Sprache
zu erkennen war, nicht mehr an Bekleidung und „Frisur“. Es waren Deportierte
aus anderen Lagern. Wir vermuteten zu unserer Beruhigung richtig: Hier werden
wir zu einem Sammel-Heimkehrertransport zusammengestellt.
Zu
uns kam einer, den wir von Kimpersai her bereits kannten, ein Major. Er war dort
Politoffizier gewesen. Seine Vorträge in deutscher Sprache fand ich, jung und
wissbegierig, nicht uninteressant. Zu dieser Wirkung mochte bei mir auch
beigetragen haben, dass es nicht die Nazipropaganda war, der ich in den Jahren
zuvor überdrüssig geworden war. Das hier war eine völlig neue
Betrachtungsweise, deren Überdruss mir allerdings noch bevorstehen sollte. Dazu mögen dann, älter geworden, neben den DDR-Erfahrungen sicher auch
meine Kasachstan-Erfahrungen nicht unwesentlich beigetragen haben. .‑ Von
diesem Major waren wir im August 1945 auch darüber informiert worden, dass die
Amerikaner in Nagasaki und Hiroshima die ersten Atombomben abgeworfen hatten.
Er gab uns Papier, Bleistift und bat uns freundlich,
wir mögen doch für ihn aufschreiben, wie es uns im Lager in Kasachstan
gefallen hätte. Dann entfernte er sich. Keiner von uns war zunächst bereit,
diese Bitte zu erfüllen. Hätten wir das wahrheitsgemäß tun können, dann wäre
sicher jedem von uns eine Menge dazu eingefallen, ist das doch auch nach knapp fünfzig
Jahren bei mir immer noch der Fall. Obwohl wir den Major als einen uns gegenüber
freundlichen Menschen in Kimpersai kennen gelernt hatten, so trauten wir ihm
hier nicht. Wer garantierte demjenigen, der diesen Bericht schrieb, dass er,
unter welchem Vorwand auch immer, zu guter Letzt nicht doch noch aus dem Waggon
geholt wurde?
Die Bitte abzulehnen wäre für uns alle ebenfalls
ein Risiko gewesen. Schließlich erklärte sich ein Erwachsener unter uns zum
Schreiben bereit. Zum Schluss las er uns sein Ergebnis vor. Er hatte gelogen,
dass sich die Balken bogen. Jeder von uns war trotzdem damit einverstanden. Der
Major kam wieder, bedankte sich freundlich für das Geschriebene, wünschte uns
alles Gute für die Zukunft in Deutschland und verabschiedete sich.
Wir waren ungefähr eine Woche lang denkbar guten
Mutes unterwegs gewesen. Diesmal gab es kein Postengebrülle. Unser
Begleitkommando versorgte uns mit Tee, Suppe, Kascha und Brot, den Umständen
entsprechend so gut, wie wir es in der ganzen zurückliegenden Zeit nicht erlebt
hatten. Wir fuhren in den Frühsommer hinein, durch endlose russische Wälder,
an Dörfern mit blühenden Gärten vorbei. Über den Haustüren prangte das
obligatorische umkränzte Stalin-Porträt ‑ Stalin in der
Generalissimus-Uniform oder zivil in großväterlicher Pose mit kurzer Pfeife.
Inmitten des Dorfes ein Stalin- oder Lenindenkmal. Ein Lautsprecher krächzte
wie in der Baracke in Nickel über das ganze Dorf bis hin zu uns in den
fahrenden Zug. In Städten gab es immer wieder einen nicht all zu lange währenden
Halt. Vorbei fuhren wir auch an Lagern, erkennbar an ihren
In Brest gab es einen längeren Aufenthalt. Die
Lokomotive musste ausgetauscht, Waggons mussten umgespurt werden. Zu unserem
Bedauern mussten wir auch beobachten, wie einzelne aus unserem Transport
ausgeladen und in Krankenwagen abtransportiert wurden. Sie hatten die zwei ein
halb Jahre ausgeharrt, doch für die nächsten Tage reichte ihre Kraft nicht
mehr. Wir in unserem Waggon konnten alle durchhalten!
Die Sowjetunion lag hinter uns, wir fuhren bereits
durch Polen und waren glücklich darüber. Da jedoch geschah etwas Unerwartetes.
Bei einem kurzen Halt auf freier Strecke, nahe einem bei Warschau gelegenen
Dorf, kamen Frauen an unsere Waggons heran, riefen: „Marki-Marki...?“ und
hielten uns ihre Körbe mit Butter, Speck, Wurst und Brot entgegen. Zuerst
hatten wir für ihr Rufen keine Erklärung, denn Schenken wollten sie uns
offensichtlich nichts, und neue Deutsche Mark, wie wir vermuteten, konnten wir
ja noch gar nicht haben. Bis wir mitbekamen: Die wollen uns all diese duftenden
Sachen für alte Deutsche Reichsmark verkaufen. Hatten uns nicht der
Glatzenmajor und Lewanzyk vor zwei Jahren in Kimpersai vor unserer angeblich
kurz bevorstehenden Heimkehr erklärt: „Diese Mark ist wegen ihrer Hakenkreuze
darauf verboten, sie ist ungültig“, und uns mit dieser Begründung das Geld
abgefordert? Und nun sollte auch das nicht wahr gewesen sein? Einige hatten ihre
scheinbar wertlosen Geldscheine damals doch nicht abgegeben und sie sogar für
hinterlistige Zwecke benutzt. Denn dafür besaßen sie angeblich noch einen
Wert, und anderes Papier gab es nicht. Doch unsere Laune kurz vor der deutschen
Grenze konnten uns diese beiden Gauner nun nicht mehr verderben.
Aber einer von uns hatte sich fünfhundert Mark nur so zum Andenken, wie er sagte, aufbewahrt. Das war ein unerwarteter Reichtum, um den wir ihn trotz unserer Heimkehrlaune doch beneideten. Denn er saß nun in seiner Waggonecke und aß und aß: Brot mit Butteraufstrich, Wurst und Speck gleich aus der Faust. Unser Bitten, doch auch uns etwas davon abzugeben, lehnte er ab, so voller Gier auf das lang Entbehrte war er verständlicherweise. Dass wir ihn zu beneiden absolut keinen Grund hatten, sollte sich bald herausstellen.
Nachdem wir die Oderbrücke überfahren hatten, kam
unser Transport bei Frankfurt in der Nähe
eines Lagers zum Stehen. Wir durften die Waggons verlassen und wurden in das
Lager hineingeführt. Es war unser Durchgangslager. Wir waren endlich wieder in
Deutschland. Auf dem Appellplatz wurden wir von sowjetischen Offizieren und
einigen Deutschen empfangen, die von oben herab, von einem Podest, zu uns unten
sprachen. Die Offiziere dankten uns für unsere Arbeit.
Die Deutschen da oben beglückwünschten uns dafür,
dass wir in der ruhmreichen Sowjetunion gewesen sein durften, priesen diesen
Staat, dieses System und erklärten uns, wie schön es doch dort wäre und wie
gut es uns gegangen sei, so, als würden sie uns um die vergangenen zwei ein
halb Jahre beneiden.
Hätten die Uniformierten uns im März 1945 nur gefragt, wir hätten nichts lieber getan, als dankend auf alles das verzichtet, was man uns dann antat. Ich habe Verständnis dafür, dass Menschen angesichts der Massenarbeitslosigkeit und der kommunistischen Agitation in Deutschland Anfang der dreißiger Jahre sowie angesichts ihrer Erfahrungen mit dem Deutschland der Nazis und dem Krieg derartige Ideale in ihrem Bewusstsein entwickeln konnten. War es doch auch meinem eigenen Vater so ergangenen. Doch seit Kriegsende waren zwei ein halb Jahre vergangen. Sie selbst hatten neue, unerwartete Erfahrungen machen müssen. Was die Sowjetunion wirklich war, was um sie herum in der Sowjetisch Besetzten Zone mit den Menschen geschehen war und geschah, konnte niemandem, auch diesen Leuten aus Frankfurt an der Oder, nicht verborgen geblieben sein. Sie waren doch alt genug und politisch orientiert, um ihre Ideale zu den Realitäten in Beziehung setzen zu können. Hatten denn die da oben immer noch nichts kapiert? Oder konnten sie nichts kapieren, weil sie realitätsblind waren und sich von ihren Idealen, die sich als falsch erwiesen hatten, nicht trennen konnten? Einige unter ihnen waren möglicherweise auch „nur“ prinzipienlose Karrieristen, die um ihrer eigenen Vorteile willen sich jeder Obrigkeit – in dieser historisch konkreten Situation der sowjetischen Besatzungsmacht – anbiederten. Wie dem auch sei, ihren Ziehkindern bin ich in der DDR immer wieder begegnet.7 Damals schauten wir uns nur wortlos an: Waren wir in der falschen Gegend gelandet? Hatten die Uniformierten 1945 die falschen Leute nach Kasachstan „interniert“? — Die Nähe der sowjetischen Offiziere und die Lagersituation hinderten uns daran, denen da oben ein paar Fragen zu stellen!
7 Vgl. das Kapitel "Schwierigkeiten mit der Wahrheit"!
In Quarantäne
Am 28. Juni 1947 war ich kein Gefangener mehr. Mit
anderen, darunter auch welchen aus dem Lager in Nickel Heimgekehrten, wurde ich
nach Magdeburg Polte Nord für drei
Wochen in ein Quarantänelager gebracht.

Unmittelbar nach unserer Ankunft krümmte sich einer von uns wegen starker Bauchschmerzen und Verdauungsbeschwerden, die Lagerambulanz stand vor einem Rätsel. Gallenerkrankungen hatte es erklärbarer Weise in den zwei ein halb Jahren bei niemandem von uns gegeben. Wo sollten diese wahnsinnigen Schmerzen herkommen? Er wurde in ein Magdeburger Krankenhaus eingeliefert. Nach drei Tagen war er tot - unser letzter Lagertoter. Es war der Kamerad aus unserem Waggon, der für seine letzten Andenken–Reichsmark bei der polnischen Bäuerin groß eingekauft und alles alleine gierig aufgegessen hatte. Wer hatte diese Tragik zu verantworten, er selber?
Wohin hatte es meine Mutter, meinen Vater und meinen
inzwischen sechs Jahre alten Bruder verschlagen? Wo sollte ich hinfahren, wenn
diese drei Wochen vorüber waren?
„Hilde Hochfeld, Schwerin, Wallensteinstraße 20“,
so lautete die Adresse, die sich meine Eltern und ich nach der Jalta-Konferenz8
eingeprägt hatten. Mein Vater hatte damals nicht geglaubt, dass die
Vertreibungsbeschlüsse ernst zu nehmen wären, schon gar nicht, wenn die Rote
Armee unser Gebiet besetzte, wovon nach Lage der Dinge auszugehen war. Ich hatte
so etwas für gar nicht durchführbar gehalten. Aber meine Mutter mit ihrem Sinn
für politische Realitäten sagte: „Man kann nicht wissen. Besser ist, wir prägen
uns eine Adresse, weit von Danzig entfernt, in Schleswig–Holstein, fest
ein!“ Daran hatte ich mich gehalten, so dass ich sie trotz allem, was
inzwischen geschehen war, fest in meinem Gedächtnis gespeichert hatte, so fest,
dass ich sie jetzt immer noch weiß.
8 Konferenz in Jalta auf der Halbinsel, Krim Februar 1945. Dort vereinbarten Roosevelt, Churchill und Stalin u.a. die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße.
Gleich am ersten Tag schrieb ich und erwartete sehnlichst Antwort. Nach ein ein halb Wochen war ein Brief für mich im Lager angekommen: „Meine Tochter Hilde Hochfeld wohnt nicht mehr in Schwerin, sondern in Berlin Stahnsdorf.“ Sie, die Mutter, könne mir folgendes mitteilen: Meine Mutter und mein Bruder seien am Leben und wohnten in Mitteldeutschland, die Adresse wisse nicht sie, sondern ihre Tochter Hilde. Diese sei von ihr sofort informiert worden. Mein Vater sei in einem Lager bei Danzig noch 1945 gestorben.
Ich hatte so viele sterben sehen und mich auf das
Schlimmste gefasst gemacht. Nun waren wenigstens meine Mutter und mein Bruder
noch am Leben. Wie sollte ich da nicht froh sein? Ihre Adresse würde ich bald
erfahren. So war ich voller Zuversicht, trotz der auch traurigen Botschaft.
Einer von uns Jugendlichen wurde in den ersten Tagen
von seinen Eltern aus dem Lager geholt. Sie kleideten ihn sofort von Kopf bis Fuß
neu ein: mit Oberhemd, Jacke, Hose, karierter Mütze –. Er wirkte in seiner
uns inzwischen entwöhnten zivilisierten Kleidung auf uns richtig komisch, und
wir mussten über ihn lachen. Würden auch wir bald so herumlaufen? – Kaum
denkbar!
Noch lebten wir im Lager und waren froh, wenn wir in
den Abfällen des jetzt im Sommer ungenutzten Barackenofens vertrocknetes
schimmeliges Brot fanden, das unsere Vorgänger, aus Dänemark heimgekehrte
deutsche Internierte, dort als Abfall „entsorgt“ hatten. ‘Muss es denen
gut gegangen sein!’— Im Lager wuchsen Melde und Brennessel, die es in der
kasachischen Steppe nicht gab. Daraus kochten wir uns Suppe. ‘In Deutschland hätten
wir nicht so hungern müssen.’—Bei der Essenausgabe gab es Streit. Der
Essenausgeber schlichtete ihn, indem er mit der Kelle dazwischen ging. ‘Glücklich
heimgekehrt, und trotzdem die Nerven verloren!’
Warum nicht
nach Schleswig–Holstein?
Die dreiwöchige Quarantänezeit war endlich vorüber.
Die Adresse meiner Mutter hatte mich immer noch nicht erreicht. Ich hätte mit
meinem Entlassungsschein freie Fahrt nach Schleswig–Holstein haben können. So
jedoch wurde ich mit einer Gruppe von Jungen, die wie ich „adressenlos“
waren, mit einem Freifahrschein nach Burg
bei Magdeburg ausgestattet. Wir sollten uns bei der Fürsorgebehörde des
Rates der Stadt melden. Dort wurde uns eine Heimkehrerbeihilfe in Höhe von sage
und schreibe 50,-RM gewährt - mein erstes Geld seit zwei ein halb schweren,
arbeitsreichen Jahren! — Oder, wenn ich es so betrachten will, meine einzige
Entschädigung für erlittenes schweres Unrecht, das mich hart an den Rand des
Todes gebracht hatte.9
Damit sollte ich auskommen, bis ich mir mein Geld durch Arbeit selbst
verdient hätte. ‘Bis ich die Mutter gefunden habe, wird es vielleicht
reichen.’ Außerdem erhielt jeder von uns eine Lebensmittelkarte und eine
Wohnungszuweisung für die Stadt Burg.
9 Meinen Kamaradinnen und Kameraden, die sich nach Westdeutschland und später und die Bundesrepublik Deutschland entlassen ließen, - die meisten von ihnen hatten noch einmal so lang wie ich in Kasachstan bleiben müssen - ist es kaum anders ergangen, - Für di Sowjetunion war das, was sie uns zugefügt hatte, kein Unrecht. Die Nachfolgestaaten Russland und Kasachstan sind nicht bereit, für eine Entschädigung aufzukommen.
Mir öffnete eine Frau, etwa vierzig Jahre alt, ihre
Wohnungstür. „Ich hatte dem Wohnungsamt doch ausdrücklich gesagt, dass ich
mein Zimmer nur an jemanden vermiete, der mir und meinem Jungen etwas zu bieten
hat, mein Mann ist nämlich gefallen.“ Dennoch ließ sie mich Dystrophiker
vierten Grades in meiner zerlumpten Hose, Wattejacke, zerschlissenem Schuhwerk
und mit Glatze eintreten, nachdem ich ihr versichert hatte, dass ich auf die
Adresse meiner Mutter wartete und höchsten zwei Wochen in Burg bliebe. Ich
hatte es somit gut, andere besser, wieder andere aber auch schlecht getroffen:
Als diese Leute sahen, wer zu ihnen eingewiesen worden war, wurde die Tür
schnell wieder von innen verschlossen. Diese Kameraden mussten zur Behörde zurück,
und ihre Wohnungszuweisung begann für sie von neuem. —
Noch am gleichen Tag ging ich auf die Post. Meine
erste Ausgabe von der Heimkehrerbeihilfe verwendete ich für ein Telegramm nach
Berlin-Stahnsdorf mit meiner Burger Adresse.
Das alles geschah an meinem neuen Tag Null in
Deutschland, dem 20. August 1947.
Überraschender
Brotsegen
Ich konnte mein Versprechen halten: Nach wenigen
Tagen erhielt ich ein Telegramm: „Frieda Peters wohnt in Weißenfels, Thorner Straße 12.“
Ich erfuhr: Weißenfels liegt wie Burg auch in
Sachsen-Anhalt, über einhundert Kilometer entfernt, in südlicher Richtung,
hinter Halle und dem Chemiewerk Leuna. Ich könnte dorthin mit der Bahn fahren,
das jedoch würde bei den Zugverspätungen heutzutage länger dauern als per
Anhalter, und da könnte ich mein Geld auch sparen. Wer weiß, wie es meiner
Mutter ginge?
Ich hatte aus finanziellen Gründen nicht die Wahl
des Verkehrsmittels. Am nächsten Tag verabschiedete ich mich von meiner Wirtin.
Auf der Ausfahrtstraße in Richtung Halle brauchte ich nicht lange zu warten.
Einen winkenden Heimkehrer nahm damals jeder LKW-Fahrer mit. PKW gab es kaum.
Ich fand auf der Ladefläche Platz, Gepäck hatte ich
keines – ganz im Gegensatz zu anderen auf der Ladefläche ebenfalls sitzenden
Anhaltern. Sie nämlich waren von einer Hamstertour gekommen, wo sie auf den Dörfern
ihre geringe Habe gegen Lebensmittel eingetauscht hatten. Wir kamen schnell ins
Gespräch, denn sie interessierten sich für mein Schicksal.
Plötzlich, bei der Einfahrt nach Halle-Trotha,
wurden wir von einem Volkspolizeikommando gestoppt. Razzia! Eine Frau, klein,
ausgezehrt wie fast alle damals, Mitte vierzig, drückte mir schnell einen grünen
gefüllten Rucksack in die Hand: „Helfen Sie mir, Sie als Heimkehrer werden
nicht kontrolliert, ihnen nehmen sie nichts weg.“ Sie aber wurde abgeführt,
denn sie hatte weiteres Gepäck bei sich behalten.
Der LKW fuhr weiter. Ich aber musste stehen bleiben
und auf diese Frau warten, die mir ihren Rucksack anvertraut hatte. Sie jedoch
kam und kam nicht. Ich aber wollte so schnell wie möglich in Weißenfels sein.
Da entschloss ich mich, nun mit einem Gepäckstück, dem grünen Rucksack,
ausgestattet, für den Rest meines Geldes mit der Straßenbahn zum Bahnhof zu
fahren und für die Strecke bis Weißenfels doch den Zug zu benutzen.
Im Zug schaute ich in den Rucksack: innen gummiert,
darin drei lange frische duftende Brote! Die schienen mich gesucht zu haben.
Unausbleibliche Folge war eine emotionale Erinnerung an jene Brotaktion in
Kimpersai im Frühjahr 1946. Hätte diese Frau die Brote selbst behalten und mir
Butter, Wurst, Schinken und wer weiß was übergeben, dann wäre für sie sicher
alles gut gegangen. Wie hatte doch mein Steegener Großvater immer gesagt?
„Was dem enen sin Uhl, is dem andern sin Nachtigall.“ Zu mir hatte sich
diesmal die Nachtigall gesellt.
Heimkehrerfreuden
– nicht ungetrübt
Schließlich stand ich in der Thorner Straße vor der Wohnungstür meiner Mutter, unangekündigt. Meine Mutter schrie auf: vor freudiger Überraschung, war die endlose Zeit der Ungewissheit doch endlich vorbei, vor Bestürzung, hatte sie mich doch aus der Zeit vor zwei ein halb Jahren, als ich sie in einem ganz anderen Zustand verlassen musste, ganz anders in Erinnerung!

Weißenfels 1947
Mein kleiner Bruder wusste nicht, wie er mich anschauen und
was er sagen sollte. Er war damals erst drei Jahre alt gewesen, hatte in der
Zwischenzeit selbst viel, zu viel erleben müssen und hatte, wenn überhaupt,
von seinem großen Bruder eine ganz andere Vorstellung. Ich überbrückte die
Situation, indem ich auf mein vielleicht einmaliges Heimkehrermitbringsel, den
grünen Rucksack samt Inhalt, verwies.10
10 Eine Woche später machte mich meine Mutter auf eine Annonce in der Weißenfelser Tageszeitung „Freiheit“ aufmerksam: Eine Frau (Adresse in Merseburg) bat den Russland-Heimkehrer, dem sie in Halle Trotha einen grünen, innen gummierten Rucksack übergeben hatte, dringend darum, diesen samt Inhalt gegen Belohnung bei ihr abzugeben. Das jedoch trauten wir uns nicht mehr: Es war nur noch ein Brot übrig geblieben.
Mein Vater, musste ich jetzt erfahren, hatte damals
den Leidensmarsch nach Graudenz auch antreten müssen, kehrte jedoch, vermutlich
weil das Zuchthaus dort zu überfüllt war, in der Kolonne wieder nach Danzig
zurück und kam dort, nahe Danzig, in ein großes Lager, das Narviklager. 11
Meine Mutter hatte so lange nach ihm gesucht, bis sie ihn in diesem Lager fand.
Einige Male hatte sie mit ihm am Lagerzaun sprechen können, bis er eines Tages,
es war inzwischen Oktober 1945 geworden, fortblieb. Bald darauf erfuhr sie von
einem anderen Gefangenen, dass er an einer der im Lager ausgebrochenen Seuchen,
vermutlich Typhus, umgekommen war.
11
Im Narviklager waren
bis zur Eroberung Danzigs durch die Sowjetarmee sog. „Fremdarbeiter“
untergebracht. Danach wurde es zum Massenlager für deutsche Zivilgefangene
umfunktioniert.
Im Jahre 1986, wenige Monate, nachdem meine Mutter in
Heilbronn verstorben war, wo sie und mein Bruder seit 1957 lebten, sandte mir
mein Bruder ihren Bildernachlass. Beim Durchstöbern entdeckte ich zufällig
einen Brief, in ein Passepartout versteckt, auf einfachstes Papier, inzwischen
brüchig und gebräunt, bleistiftgeschrieben. Ich stellte zu meiner Überraschung
fest: Es ist ein Brief meines Vaters, aus dem Narviklager für meine Mutter
bestimmt. Dieser Brief wurde, ohne dass mein Vater das beim Schreiben geahnt
hatte, sein Abschiedsbrief. Ich befreie ihn hier aus seinem versteckten Dasein
und gebe ihn als Zeitdokument der Öffentlichkeit preis, ohne Kommentar, denn er
bedarf dessen nicht:

Narviklager, d.
24.5.1945
Mein liebes
Muttchen!
Da ich nicht
anders kann, wie an Dich, meine liebe Gute, zu denken, muss ich doch ein paar
Zeilen an Dich richten. Du glaubst gar nicht, wie wohl es einem tut, wenn man
einen Menschen weiß, zu dem man gehört, weil er gut und treu ist, u. das bist Du,
mein liebes Frauchen. Glaube mir, ich weiß genau, dass Euer Leben nicht leicht
ist, u. trotzdem findest Du Zeit und Mittel, um mir das Leben in Gefangenschaft
zu erleichtern. Wie soll ich Dir das einmal vergelten.
Sieh mal, ich
bin Dir ja so dankbar u. freue mich riesig, wenn Ihr mich besuchen kommt, aber
dass Du von dem Wenigen, was Ihr noch draußen habt, zu mir bringt, macht mich
sehr traurig. Also komm, sooft Du kannst, aber ohne Lebensmittel, denn ich werde
mich schon durchschlagen. Du weißt ja, Unkraut vergeht nicht, u. so lange,
hoffen wir, wird es ja auch nicht mehr dauern, dann sollst Du aber auch für
alles entschädigt werden, was Du an mir getan hast. Nun schreibst Du, mein
Goldenes, über die dreckige Sache, die Du nicht vergessen kannst, glaube mir,
jeder Mann müsste ein Lump sein, der seiner Frau deswegen Vorwürfe machen
wollte, als ob Du nicht schon genug gelitten hast. Also vergesse das bitte mir
zuliebe, u. wenn ich dann nach Hause komme, ziehen wir den Schlußstrich zu der
Sache, ja!
Nun, mein
liebes Muttchen, noch einmal vielen Dank u. 10 000 Küsse für alles Gute, u. grüß
auch bitte Bollermann (den damals dreijährigen Sohn Wolfhardt – M.P.) von mir, lass er man schön gesund bleiben, dgl. Natürlich auch Du,
meine Liebe. Ich freu mich schon so auf Sonntag dass ich Euch wieder mal sehe.
Ihr auch, nicht wahr?
Viele Grüße
auch an Mia und Frau Jeschke.
Drücke mal den
Daumen, daß wir auch Fredi bald sehen.
Mein Vater war damals 38, meine Mutter 34 Jahre alt.
Wie nun weiter?
„Du gehst erst einmal weiter zur Schule!“ Dass
ich das schaffen würde, davon war meine Mutter fest überzeugt, ganz im
Gegensatz zu mir. Was hatte ich doch in meinen letzten Jahren alles erlebt! –
Ungewöhnliches und mehr, als für ein langes Menschenleben ausgereicht hätte.
– Und nun sollte ich dort anknüpfen, wo ich vor zwei ein halb Jahren aufgehört
hatte, so als wäre nichts geschehen?
Der damalige Direktor der Städtischen Oberschule in
Weißenfels, Herr Voigt, nahm mich in seine Schule auf, wies mich jedoch darauf
hin, dass er dazu eigentlich nicht berechtigt wäre. Denn nach einer Verordnung
der sowjetischen Besatzungsadministration dürften Jugendliche, die bis zum
Beginn ihres einundzwanzigsten Lebensjahres das Abitur noch nicht abgelegt hätten,
eine Oberschule nicht besuchen.
Meine Klassenkameraden nahmen mich freundschaftlich
auf. Viele Stunden verbrachte ich mit meinem Schulfreund Eduard Lehmstedt in
seinem kleinen Zimmer, er am Klavier, und ich ließ Zieselmausqualitäten wieder
aufleben.
Es blieb mir jedoch nicht verborgen, dass jener
Antrag auf Schwierigkeiten stieß. Ich sollte die Schule verlassen. Nachweislich
setzten sich mein Klassenlehrer Dr. Ehlers, der Schulleiter, der Schulrat Herr
Gleitsmann, auch der Antifa-Block einschließlich der SED für mich ein und
versuchten, alle Möglichkeiten auszuschöpfen.
Vergebens! Die Sowjetmacht hatte mich nach Kasachstan
deportiert, ich hatte als einer der Wenigen überlebt, war wieder in Deutschland
und dachte: ‚Nun liegt das alles hinter mir.’ Irrtum, hier in der sowjetisch
besetzten Zone war ich in einem Teil Deutschlands und war es wiederum immer noch
nicht. Am Ende aller Bemühungen stand mein Abschlusszeugnis:
Peters zeigt
ernstliches Bemühen, die durch den Schulausfall eingetretenen Lücken zu
beseitigen. Befähigung und Fleiß geben zu den besten Hoffnungen Anlass.
Bemerkungen:
Seine Haltung und sein Betragen ist ohne Tadel.
Abgegangen am
21. Januar 1948. Grund: Überalterung bei Abitur“
Dieselbe Sowjetmacht, welche diesen
Abitur-Verweigerungsgrund erfunden und mir gegenüber zu verantworten hatte,
wandte ihn auch noch gegen mich an. — ‘Wäre ich damals doch gleich nach
Schleswig–Holstein gefahren!’ Dieser Gedanke kam mir später immer wieder
einmal. Doch so ist das im Leben: Hinterher ist man immer klüger als vorher.
Meine Geduld hatte sich erschöpft, es gab ja noch
anderes im Leben als Schule, obwohl ich mich dort meistens wohl gefühlt hatte.
Auf dem LKW von Burg nach Halle hatte mir einer das Angebot gemacht, ich solle
zu ihm in das Buna-Werk bei Merseburg kommen, er würde für mich sorgen.
Doch meine Mutter war nicht bereit zu kapitulieren.
Sie nahm mich und fuhr mit mir nach Halle. – Ich muss das so formulieren. denn
obwohl ich damals schon 19 Jahre alt war, fühlte ich mich in diesem Leben noch
unsicher.
Sie, eine einfache Arbeiterfrau, drang mit mir ein in
das Ministerium für Volksbildung bis hinein in das Dienstzimmer des Leiters der
Abteilung Schulwesen, Oberstudienrat Schalla: „Hier ist der Junge, und der
muss weiter zur Schule gehen.!“ Dem Oberstudienrat viel nichts Dümmeres ein,
als zu uns zu sagen: „Wir müssen in dieser Zeit eben alle unser Opfer
bringen.“ Das war die Stelle, wo mir der Kragen platzte...
„Was will Ihr Junge denn einmal werden?“ Ich
wusste es selber nicht und war überrascht, als meine Mutter bestimmt sagte:
„Lehrer!“ Ich sagte lieber gar nichts dazu. “Nun, gegen eine Verordnung
der Besatzungsmacht ist hier im Hause jeder machtlos, aber im März beginnt in
Halle ein Jahreslehrgang für Neulehrer in Sachsen–Anhalt. Der ist zwar schon
voll besetzt, doch werde ich dafür sorgen, dass Sie dort aufgenommen werden!“
Und so geschah es, und so bin ich einst Lehrer geworden.
Vieles war in den letzten Monaten auf mich hereingestürzt.
Ich hatte in Kasachstan vielerlei tun müssen, doch wurde ich dort völlig
fremdbestimmt und musste lernen, unter den schwierigsten Bedingungen zu überleben.
Dabei hatte ich es verlernt, selbst bestimmt zu leben. Zunächst hatte in Weißenfels
meine Mutter die Weiche für mich gestellt, nun musste ich meine Geschicke in
die eigenen Hände nehmen. Den Ausbildungskurs für Lehrer schloss ich
erfolgreich ab.
Kasachstan lässt
mich nicht los
Doch was auch immer von mir bewältigt werden musste:
Der Gedanke an Kasachstan ließ mich nicht los. ‘Werden meine Kameraden noch
dort festgehalten,
‘Wie
helfe ich den in Kasachstan Zurückgebliebenen?’ Ich entschied mich: ‘Auf
gut Glück schreibe ich einfach einmal dort hin!’ Ich kannte die Adresse
genau, aber würde ich über sie den Kontakt zu meinen Kameraden herzustellen
versuchen, hätte ich keine Chance, denn ich kannte auch die Norm:
Gefangenenlager in der Sowjetunion befinden sich im Ort „Nirgendwo“.
Niemandem ist es erlaubt, sie aus ihrer Anonymität zu befreien. ‘Versuche ich
es einmal mit der Lagernummer: 1902.’ Ich glaubte nicht an einen Erfolg, doch
versuchen musste ich es. Ein Weißenfelser Straßenfotograf hatte mich im Sommer
1947 zum ersten Mal seit meiner Entlassung fotografiert. Dieses Foto schickte
ich mit meinem Brief auf die lange ungewisse Reise. Adressat war Erich Wangler.
Der würde schon dafür sorgen, dass mein Brief, käme er denn bei ihm an, im
Lager die Runde machte.
Die geringe Hoffnung auf eine Antwort hatte ich bereits aufgegeben. Da, mein größtes Weihnachtsgeschenk: Seine Antwort vom 13. November 1948 erreichte mich noch rechtzeitig kurz vor dem Fest.
Ihr Inhalt ist
bezeichnend für die innere Situation, in der sich alle dort nach wie vor
befanden: Für jeden von ihnen gab es vor allem die Sorge um die Angehörigen
und damit auch um die eigene Zukunft.

Erich Wangler, Lager Nickel - Orsk, Mai 1949
Die
Wahrheit über die Zustände im Lager zu berichten hätte den Brief praktisch
ungeschrieben gemacht und dem Schreiber ernsthafte Probleme bereitet. Lügen
wollte Erich nicht, also schwieg er sich zu diesem Thema aus. Ich wusste ja
ohnehin Bescheid. Auch durfte man damals nur über sich selbst schreiben, einen
anderen nicht erwähnen.
Sofort,
nachdem ich von Erich Wangler die ersten Informationen über seine Angehörigen
erhalten hatte, wandte ich mich an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes,
informierte ihn über den Verbleib Erichs und ließ seine Verwandten suchen.
Doch war das gar nicht so einfach, die erforderlichen Suchdaten zu liefern.
Erich und ich überwanden schließlich auch diese Hürde.
Der
Kontakt zwischen Harald Leitner und seiner Mutter wurde schneller hergestellt,
denn deren Adresse hatte ich in meinem Gedächtnis gespeichert, so dass der
Suchdienst nicht bemüht werden musste.
Auch
von anderen Freunden im Gulag erhielt ich Post, natürlich in dem für ein
solches Lager üblichen Format. Wenn es mich auch bedrückte, dass sie immer
noch im Gulag gefangen gehalten wurden, so war ich doch froh darüber, dass sie
noch am Leben waren und irgendwann heimkehren konnten
Seit
meinem letzten Tag Null waren inzwischen zwei ein halb Jahre vergangen. Bereits
am 2. Mai 1949 hatte ich als frischgebackener Lehramtsbewerber meine erste
Schulstunde in einer zweiklassigen Dorfschule gehalten. Mein damaliger Schulrat
Heinz Hanisch hatte mir, freundlich entgegenkommend, die Wahl zwischen einem
Schulort nahe Leipzig und einem am Wasser, dem an der Saale gelegenen Dörfchen
Kleinkorbetha, gelassen. Wenn es die Ostsee schon nicht mehr sein konnte, so
sollte es wenigstens die Saale sein! Mein einziger Kollege, Karl Hocher,
unterrichtete die Klassen 5 bis 8, ich die Klassen 1 bis 4. Er war der „große“,
ich der „kleene Kanter“.

‚Wenn
das meine Kameraden im Lager sehen könnten, was aus mir in so kurzer Zeit
geworden ist! Ob sie immer noch dort sind?’ Im nächsten Brief trat dieses
Foto die Reise nach Kasachstan an. „Der Manfred als Lehrer! Könnt ihr euch
das vorstellen? Das gibt’s nicht!“ Es sollte zum Glück mein letzter Brief
nach Kasachstan bleiben.
Im
Oktober war es für meine Freunde in Nickel endlich so weit: Die Heimkehrstunde
war auch für sie gekommen. Meiner Briefe, die ich ihnen geschrieben hatte,
wurden sie auf ihrem letzten Lagerappell immer noch auf dieselbe gemeine Weise
entledigt wie ich der ihren an ihre Angehörigen in Deutschland zwei ein halb
Jahre zuvor, so dass sie leider nicht mehr erhalten geblieben sind. Ihre Karten
aus dem Gulag habe ich bis heute sorgfältig aufbewahrt.
Ob
ich diese lange Zeit durchgestanden hätte?
Von den zweitausendvierhundert Mädchen und Frauen, Jungen und Männern,
die im April/Mai 1945 nach Kimpersai deportiert worden waren,
hatten bis zum Tag meines
Heimtransportes weit weniger als die Hälfte überlebt.
Danach
starben in den Lagern Kimpersai und vor allem Nickel noch viele von ihnen.
Etwa einhundertfünfzig waren in andere Lager abtransportiert worden.
Ihr Schicksal
blieb uns verborgen.
Wie viele körperlich und seelisch beschädigt wurden oder später an den Folgeschäden verstarben,
hat niemand gezählt.
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