2.

Manfred Peters

Sechzehnjährig im Gulag

1945 deportiert von Danzig nach Kasachstan

 

Autobiographische Erzählung

(Vollständige, ergänzte Fassung;

Redaktionsschluss 17. März 2005)

 

Schwierigkeiten mit der Wahrheit

Weißenfels im Januar 1987

Ich sitze im Direktorzimmer des Instituts für Lehrerbildung, mir gegenüber der Direktor und die Parteisekretärin. Auf dem Tisch liegt vor mir ein für die „Kaderakte“ wichtiges Formular, eine Personal-Karte. Ich bin seit 1959 in diesem Hause als Fachlehrer für deutsche Sprache und Literatur tätig, doch zum ersten Mal bedarf jeder Lehrer dieses Instituts, und sei er noch so qualifiziert, beim Ausfüllen seines Formulars der Anwesenheit des Direktors und der Parteisekretärin. Denn im nahen Polen ist die Solidarnosz im Vormarsch, und in der Sowjetunion hat Gorbatschow die Perestroika eingeläutet. Da darf nichts in der DDR, erst recht nicht in diesem Hause, sich selbst überlassen bleiben, schon gar nicht das Ausfüllen einer für „kaderpolitische“ Entscheidungen wichtigen Personal-Karte! Möglicherweise ergeben sich dabei „Anhaltspunkte“, die für die zukünftige Weichenstellung von Bedeutung sind. Noch ahnen diese beiden, auch ich, nicht, dass schon drei Jahre später die DDR aus den Geleisen geraten und Deutschland bald darauf wieder eins ist.

Geburtsdatum: 3. Januar 1929 – damit gehöre ich inzwischen zu den ältesten Lehrern dieses Hauses, und die Weiche eines fast Sechzigjährigen braucht normalerweise nicht mehr umgestellt zu werden. Geburtsort: Danzig... Schließlich stoßen wir auf der zweiten Seite der Personalkarte auf ein Feld mit der Bezeichnung „Kriegsgefangenschaft“, und ich sage: “In Gefangenschaft war ich, das wisst ihr, und zwar in Kasachstan, zwei ein halb Jahre. Aber da ich nicht Soldat war, handelte es sich nicht um Kriegsgefangenschaft.“ „Am besten ist“, meint der Direktor, und die Parteisekretärin stimmt ihm zu, „du füllst dieses Feld einfach nicht aus. Denn wer weiß, welche Fragen sich daraus für dich ergeben könnten.“– Mir ist sofort klar: Hier soll ein wesentlicher Bestandteil meiner Biographie unter den Teppich gekehrt werden nach dem Grundsatz, dass nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf. Mit meiner Deportation sind in der DDR, anders als mit einer Inhaftierung in einem Nazikonzentrationslager, keine Pluspunkte zu sammeln. Eher ist man daran interessiert, mein Gedächtnis in dieser Beziehung zu paralysieren, um mich, mit dem kirgisischen Schriftsteller Tschingis Aitmatow gesprochen, zu mankurtisieren. Das hier ist ein Anschlag auf mein Gedächtnis!

Und ich antwortete: „Das kommt für mich nicht in Frage, denn diese Zeit hat mich für mein ganzes weiteres Leben geprägt. Wer Fragen hat, der soll in meiner Personalakte nachlesen, dort findet er in allen von mir geschriebenen Lebensläufen die Antwort. Und wenn das nicht genügt, dann soll er mich selbst fragen.“ Ich streiche das Wort „Kriegsgefangenschaft“ durch und schreibe darunter “Zivilgefangenschaft1 Kasachstan 1945 bis 1947“... Was war damals geschehen?

1 Eigentlich hätte ich „Deportation“ schreiben müssen. Das jedoch hätte zu Risiken geführt, denen ich im „Rechts“system der DDR schutzlos ausgeliefert gewesen wäre. Denn es konnte in der Sowjetunion praktisch nichts gegeben haben, was es theoretisch nicht geben durfte. Siehe dazu „Meyers Universal/Lexikon, VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1980, Bd, I, S. 480: „Deportation: Das von Ausbeuterregimes praktizierte, meist massenhafte Verschicken von Menschen in entlegene Gebiete zur Ausschaltung polit. Gegner u.a. Mißliebiger. S.a. Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ 

Danzig am ersten September 1939

Der Krieg war in dieser einst wunderschönen Stadt, oft das Venedig des Nordens genannt, am ersten September 1939 von Hitlerdeutschland begonnen worden. Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Tag, obwohl ich damals erst zehn Jahre alt war. In der Frühe dieses Morgens wurde ich durch ein lautes Grollen aus dem Schlaf gerissen. Ich stürzte gemeinsam mit meinen Eltern ans Fenster unserer Wohnung, Wallgasse Nr. 5. Wir sahen an diesem sonnenüberstrahlten Morgen über die Gasanstalt und die Werftanlagen hinweg in Richtung des Hafens Neufahrwasser, woher dieses Grollen offenbar kam. Mein Vater sagte nur: „Es ist Krieg!“, und damit sollte er recht behalten. Denn was wir hörten, waren die Geschützsalven der „Schleswig–Holstein“ auf die polnische Festung Westerplatte. Unmittelbar darauf hörten wir Schüsse bei der nahe unserer Wohnung gelegenen Polnischen Post, und wir beobachteten das Geschehen dort von dem Fenster unserer im vierten Stock gelegenen Wohnung.

Im Radio hörten wir die Stimme Hitlers. Trotz aller gegenteiligen Behauptungen wusste mein Vater: Hitlerdeutschland hatte diesen Krieg gegen Polen begonnen. Doch wussten wir an diesem Tage noch nicht, dass in unserer Heimatstadt Danzig der zweite Weltkrieg begonnen hatte, und niemand ahnte, was uns im März 1945 bevorstehen sollte.

Der Kriegsbeginn hatte unsere Stadt in ihrer Schönheit so gut wie gar nicht berührt. Wir und die meisten in der Freien Stadt Danzig Lebenden waren über Nacht Reichsdeutsche geworden. Doch schrecklich war schon damals der Naziterror gegen viele Polen, mit denen wir zuvor in unserer Stadt gelebt hatten. Meine Eltern konnten unseren Nachbarn Franz Schulz und seine Familie, die einst für Polen votiert hatten, vor schlimmerer Verfolgung bewahren. Mein Vater selbst jedoch gehörte für einige Wochen zu den ersten Lagerinsassen des bald danach geschaffenen KZ Stutthof.

„Dawai!“

Danzig hatte den Krieg bis Mitte März 1945 nahezu unbeschädigt überstanden. Doch nun war er mit unvergleichlicher Wucht in unsere Stadt zurückgekehrt.

Am 28 März hatte die Rote Armee unser Stadtgebiet Am Milchpeter erobert. Die meisten Häuser hatten den Bombardements und Einschlägen von Artilleriegeschossen, wenn auch stark beschädigt, standhalten können. Wir hatten im Luftschutzkeller unseres Hauses erfolgreich Zuflucht gesucht. Die ersten Rotarmisten, denen ich in unserer Straße begegnete, beachteten mich nicht, denn sie waren an Kampfhandlungen gegen Soldaten der Wehrmacht beteiligt. Mein Vater schien recht zu behalten: Alles, was die Nazis über die Russen sagten, wäre Gräuelpropaganda! Das hatte ihn auch dazu bewogen, alle Warnungen und das Angebot eines U-Boot-Kommandanten, dessen Boot er auf der Danziger Werft wieder flott gemacht hatte und der ihn mit Familie aus dem eingekesselten Danzig retten wollte, in den Wind zu schlagen.

Doch sollte sich das sehr schnell ändern. Ich war wieder in den Luftschutzkeller zurückgekehrt, und es dauerte nicht lange, da standen auch schon die ersten Rotarmisten im Schutzraum. Sie richteten ihre Maschinenpistolen und Pistolen auf uns. Einer fragte unmissverständlich: „Wer Deutscher?“ Uns allen stockte der Atem. Einige kramten mit zitternden Händen ihren Freistadt-Ausweis hervor und sagten: „Wir nicht Deutsche, wir Danziger!“ „Jup twoju match ‘Danziger’ – Zwei Minut Uhr, oder ich dies Bunker machen kaputt!“ Wir waren über diese Wendung etwas erleichtert, und zahlreiche Armband- und Taschenuhren wechselten ihren Besitzer.

Ein Offizier kam bald darauf in unseren Keller und holte alle Männer heraus. Wir ahnten zwangsläufig nichts Gutes. Auf der Straße standen bereits Männer aus den nahe gelegenen Häusern. Wir mussten mehrere Eisenstangen aus der gegenüberliegenden Schmiede an ihren Enden zu Haken biegen und diese auf Länge miteinander verbinden. So ausgerüstet, mussten wir uns unter Deckung an den Häusern entlang bis kurz vor die Stelle bewegen, wo die Wallgasse durch die Mottlau begrenzt wird. Dort, unmittelbar neben dem Fährhäuschen der Pfennigfähre, das als kleinstes Haus Danzigs bekannt war, stand in vorderster Linie ein Feldgeschütz der Roten Armee. Einer von uns erhielt den Befehl, ein Ende der miteinander verbundenen Eisenstangen daran zu befestigen. Das gelang ihm auch, da jedoch wurde er vom nahen gegenüberliegenden Mottlauufer durch eine deutsche Kugel schwer getroffen. Nun waren wir an der Reihe und mussten das Geschütz, aus dem Schutz der Häuserwände hervortretend, an der Eisenstange ziehend, in Sicherheit bringen. Da jedoch geschah das Unerwartete: Vom anderen Ufer fiel nicht ein einziger Schuss! Der Offizier bedankte sich bei uns überschwänglich, den Getroffenen jedoch überließ er seinem Schicksal.

Die darauf folgende Nacht erwarteten wir voller Ängste. Es quartierten sich zwei höhere Offiziere der Roten Armee in einer Parterrewohnung unseres Hauses ein und versprachen, die Frauen in unserem Keller zu schützen, aber nur unter einer Bedingung: Zwei junge Frauen sollten sich bereit erklären, mit ihnen gemeinsam die Nacht zu verbringen. Das Problem, vor dem die Frauen unseres Hauses standen, war eigentlich unlösbar: Entweder erklärten sich zwei von ihnen „freiwillig“ bereit ..., oder alle Frauen waren schutzlos ausgeliefert. Unter diesem Gewissensdruck ergaben sich schließlich zwei von ihnen, noch unverheiratet, ihrem Schicksal. Jedes Mal, wenn Rotarmisten mit ihrem unzweideutigen Verlangen in unseren Keller eindrangen, gaben wir das verabredete Zeichen, klopften mit einem Besenstiel an die entsprechende Stelle der Kellerdecke, und das Versprechen wurde in dieser ersten Nacht eingelöst. Andere Nächte sollte ich in diesem Hause nicht mehr erleben.

Danzig am 29. März 1945: Es sollte der Tag Null in meiner Biographie werden. Ein schrecklicher Tag und eine noch schrecklichere Nacht lagen hinter uns. Mein Vater und ich fassten den Entschluss, den Keller zu verlassen und in unsere Wohnung im vierten Stock zu gehen, um zu sehen, was davon noch übrig geblieben war. Doch wir sollten nicht weit kommen. Im unteren Hausflur stand ein Offizier mit einer Gruppe Uniformierter, nach meinem heutigen Wissen Angehörige des NKWD2. Neben ihnen unser Nachbar Franz Schulz - er musste dolmetschen. Doch es gab nicht viel zu dolmetschen. Der Offizier fragte uns nur nach unserem Alter, ohne dass ich an seinem Gesichtsausdruck etwas ablesen konnte. Ich war gerade erst sechzehn, mein Vater achtunddreißig Jahre alt. 

Da sagte der Offizier ein Wort, das ich hier zum ersten Mal hörte, das mir aber die nächsten Jahre ständig in den Ohren klingen sollte: „Dawai!“ Die Situation war so unmissverständlich, dass dieses Wort der Übersetzung nicht mehr bedurfte. Wir beruhigten meine Mutter, die inzwischen hinzugekommen war. Es konnte sich nach unserem Dafürhalten um nichts anderes handeln, als dass wir für ein paar Stunden irgendwo arbeiten mussten, vielleicht Trümmer forträumen, so dass wir bis zum Abend sicher wieder zu Hause wären. Die Gruppe Bewaffneter graste einige weitere Häuser der Wallgasse und der Bäckergasse ab, bis sie es auf etwa zwanzig deutsche Männer gebracht hatte. Dann wurden wir unter Bewachung bis zum entgegengesetzten Teil unserer Stadt gebracht. Schließlich befanden wir uns in unmittelbarer Nähe eines großen, weitgehend unversehrt gebliebenen Gebäudekomplexes, den wir bisher nur von außen kannten, in den wir nun jedoch hineingeführt wurden. Wir waren in nichts anderem angekommen als im Danziger Zuchthaus, bekannt unter dem Namen „Schießstange“.

  

2 Bis 1946 Bezeichnung für den Staatssicherheitsdienst in der Sowjetunion. Er war auch zuständig für die Deportation Deutscher in den von der Roten Armee besetzten Gebieten.

Meinem Vater und mir wurde klar: Mit einem kurzfristigen Arbeitseinsatz hatte das alles hier nichts zu tun. Aber was sollte es dann bedeuten? Wir hatten nichts verbrochen, waren nicht einmal Nazis, im Gegenteil. Mein Vater war Mitglied der KPD bis zu ihrem Verbot 1933 gewesen und hatte im KZ gesessen. Ich war zwar Mitglied der HJ, aber das waren fast alle Jugendlichen auch. Gerade erst, im Januar dieses Jahres, war ich von HJlern zusammengeschlagen worden, weil ich ihre Fahne nicht mehr gegrüßt hatte. Das alles hier konnte nur ein Irrtum sein und musste sich umgehend aufklären.

Mein Vater und ich kamen zunächst gemeinsam in eine größere Zelle, die wir mit etlichen anderen teilen mussten. Keiner wusste, warum er hierher geraten war. Doch viel wurde auch nicht mehr gesprochen. Am nächsten Vormittag wurden wir zum Verhör geholt, jeder einzeln. Nun musste sich eigentlich alles aufklären. Ich wurde nur nach meinem Namen und nach meinem Alter gefragt - Ausweise hatte ich nicht bei mir - und danach, ob ich in der Streifen-HJ3· gewesen wäre, was natürlich auf mich nicht zutraf. Eigentlich hätte ich hier schon erkennen müssen, dass es für unsere Gefangennahme der Gründe nicht bedurfte. Das Verhör war demzufolge sehr kurz. Ich wurde bald hinausgeführt und dachte in meiner jugendlichen Naivität, dass ich nun nach Hause gehen dürfte. Doch es öffnete sich eine andere Zellentür für mich. Ich stellte fest, dass es sich um eine Einzelzelle handelte. Für diesen Raum hatte ich schon gar keine Erklärung mehr. Das erste Mal in meinem Leben dachte ich: ‘Das war’s also, hier kommst du lebend nicht mehr raus.’—  

3 HJ-Formation mit politisch-polizeilicher Funktion.

Es dauerte jedoch nicht lange, und die Zellentür öffnete sich für den nächsten, der ebenso wenig wie ich wusste, aus welchem Grunde er hier hereingekommen war. Schließlich waren wir in dieser Einzelzelle zwölf (!) Mann, einer so ratlos wie der andere. Ich war von allen hier der Jüngste. Das gab mir zumindest die Hoffnung, dass die Russen mit mir nichts Besonderes vorhätten und ich früher oder später hier auch wieder lebend hinauskommen würde.

Von meinem Vater fehlte jede Spur. Tage später wurde ich über einen Gang geführt, und ich sah unten auf dem Gefängnishof meinen Vater in einer Gefangenenkolonne stehen. Ich ahnte nicht, dass ich ihn hier zum letzten Mal gesehen hatte.  

Mein Vater Bernhard Peters.

Ende 1939, drei Wochen nach der "Beurlaubung" aus dem im Herbst 1939 aufgebauten KZ Stutthof. 

 

So brachte ich mehr als eine Woche zu, ohne dass irgendetwas mit mir geschah. Der Umstand, dass wir für zwölf Mann nur ein Klosettbecken in einer Ecke der Zelle hatten, wurde dadurch erleichtert, dass wir kaum etwas zu essen bekamen. Einzelne von uns wurden schließlich aus der Zelle geholt und kamen nicht wieder, ohne dass wir etwas über sie erfuhren. Sie konnten, davon waren wir überzeugt, nur nach Hause geschickt worden sein, und als nächster würde man dieses Glück auch haben. Endlich wurde auch ich aufgerufen und durfte diese Zelle verlassen. Ich wurde auf eine Straße außerhalb des Zuchthauses gebracht. Da jedoch stand bereits eine lange Kolonne von deutschen Männern, sechs in einer Reihe, und ich musste mich an ihr Ende stellen, doch war ich bald nicht mehr der Letzte. Das sah nicht so aus, als würden sich meine Hoffnungen erfüllen. Im Gegenteil, nach stundenlangem Warten, begleitet vom Dawai-Dawai-Schreien etlicher mit Maschinenpistolen oder Schnellfeuergewehren mit Zielfernrohr für Scharfschützen Bewaffneter, setzte sich diese Kolonne schließlich in Marsch. Das Ziel war uns unbekannt.

Der Leidensmarsch

Unsere Kolonne verließ Danzig in südlicher Richtung, über Ohra, Praust, und entfernte sich immer mehr von dem Dröhnen der weitab gelegenen Front, ohne dass wir Grund hatten, darüber erleichtert zu sein. Links an uns vorbei in Richtung Danzig rollten schier endlos die motorisierten Kolonnen der Roten Armee. Ich fühlte mich so trostlos, dass ich dachte: ‘Einen Sprung nach links unter einen Panzer, und alle Ungewissheit hat für dich ein Ende!’ Doch letztlich fehlte es mir an Mut dazu, und ein Fünkchen Hoffnung schien mir trotz allem noch verblieben zu sein. Auf einem der Panzer bemerkte ich einen Kameramann, der unsere Kolonne und auch mich filmte. Während der seitdem vergangenen Jahrzehnte habe ich in den bisher gezeigten Dokumentarfilmen kaum ein Zeugnis der Deportation Deutscher aus den von der Sowjetarmee eroberten Gebieten wahrgenommen. Wann wird die Zeit gekommen sein, in der auch diese Dokumente aus den Archiven freigegeben werden?

Die Aprilsonne schien an diesen Tagen schon sommerlich warm, so dass wir bald umso mehr Durst verspürten. Als wir hinter Dirschau durch polnisches Gebiet marschierten, gab es Dörfer, in denen polnische Frauen versuchten, uns Wasser zu reichen. Unsere Bewacher ließen sie weitgehend gewähren. Als Gefäße dienten uns leere Konservenbüchsen, die wir von der Straße aufgelesen und notdürftig gesäubert hatten. Einmal täglich empfingen wir darin auch unsere Kelle Suppe, die diesen Namen eigentlich nicht verdient hatte. Mir geschah jedoch ein kleines Wunder: Einer unserer Bewacher suchte täglich einmal die Reihen unserer langen Kolonne ab, bis er mich gefunden hatte, und reichte mir ganz offen ein Stück Brot! —

Doch war das die Ausnahme, die Regeln waren ganz andere. Hatten wir einen Tagesmarsch von ca. zwanzig Kilometern hinter uns, dann wurden wir zum Übernachten auf ein Gehöft getrieben. Die Posten bildeten um uns eine Kette und prügelten so lange auf uns ein, bis der letzte in dem Stall bzw. der Scheune verschwunden war. Niemand durfte bis zum Morgen dieses „Quartier“ verlassen, dafür sorgte eine Bewachung, deren Hinweis auf die Schusswaffe unbedingt ernst zu nehmen war. Wie wir uns darin „einrichteten“, das war unser Problem. Nach der Erfahrung der ersten Nacht hatte ich herausbekommen, dass ich die Nähe der in der Mitte stehenden Tonne möglichst zu meiden hatte, denn darin musste jeder seine Notdurft verrichten. Diesen Strapazen waren einige von uns, vor allem Ältere, Fünfzig- und Sechzigjährige, bald nicht mehr gewachsen. Sie wurden von uns einige Kilometer solange mitgeschleppt, bis sie die letzte Reihe der Kolonne erreicht hatten und danach kraftlos zusammensanken. Ein Postenkommando am Ende dieser Kolonne versuchte zunächst mit Schlägen, diese armseligen Kreaturen wieder aufzurichten. Soweit ich, der ich im letzten Drittel der Kolonne marschierte, das beobachte, ist das bei keinem gelungen. Die darauf folgenden Pistolenschüsse signalisierten das Ende eines solchen Kameraden, für das sich bis heute keiner dieser Mörder verantworten musste. Einer von uns hatte seinen Durst dadurch lindern wollen, dass er die Reihe verließ, an die Böschung eines Dorfteichs sprang, um daraus mit seiner Konservenbüchse Wasser zu schöpfen. Dabei war er abgerutscht und bemühte sich, aus dem Teich wieder herauszukommen. Doch ein für die Kolonne offensichtlich verantwortlicher Major erschoss ihn mit einer Salve aus seiner Maschinenpistole, während wir unseren Leidensmarsch ohne Unterbrechung fortsetzen mussten.

Nach fünf Tagen und Nächten waren wir am linken Weichselufer angekommen, uns gegenüber lag das etwa einhundert Kilometer von Danzig entfernte Graudenz, dessen Festung weithin sichtbar ist. Immer noch wusste niemand von uns, wo unser Leidensmarsch enden sollte. Um an das andere Weichselufer zu gelangen, musste eine Pontonbrücke überquert werden, da die eigentliche Brücke zerstört war. Wir wurden aufgefordert, uns gegenseitig einzuhaken und im Dauerlauf die Brücke zu überqueren. Der Sinn dieser Maßnahme war mir zunächst nicht klar. Vom „Dawai-Dawai“-Schreien der Posten angetrieben, liefen wir los. Doch einzelne von uns hatten diese Chance dazu benutzt, um über das niedrige Brückengeländer in die kalte Weichsel und damit in die Freiheit oder in den Tod zu springen. Aber keiner von ihnen überlebte diesen Sprung: Bei ihrem Auftauchen wurden sie von den unsere Kolonne begleitenden Scharfschützen mit dem Zielfernrohr anvisiert und erschossen. Ihr Blut färbte die Fluten rot.

Über das Ziel unseres Leidensmarsches waren wir uns bald darauf im Klaren: Es war die Festung Graudenz! Die jedoch war durch unseresgleichen total überfüllt, so dass wir diesen Ort nach kurzem Aufenthalt wieder verlassen und umkehren mussten. Wir überquerten die Weichsel ein zweites Mal, diesmal in entgegen gesetzter Richtung. Die Art und Weise wiederholte sich. Diesmal wagte jedoch nur einer den Sprung. Die Scharfschützen gingen abermals sofort in den Anschlag, aber unser Todesmutiger war ein kühner Schwimmer. Er tauchte immer nur kurz auf und ließ ihnen keine Zeit zum sicheren Schuss. Inzwischen schleppten wir uns bereits entlang der Straße, die wir schon einmal in der Gegenrichtung betreten hatten. Doch wurde immer noch geschossen – außer den Schüssen aus den Schnellfeuergewehren war leichtes Geschützfeuer zu hören. Trotz alledem war eine Hoffnung für uns dazugekommen. —

Wir verbrachten eine weitere Nacht auf dieser Seite der Weichsel. Am darauf folgenden Tag überquerten wir abermals die Brücke über den Fluss, und unser Marsch fand in der Festung sein Ende. Die war immer noch total überfüllt. Deshalb blieb für uns nur der kopfsteingepflasterte Innenhof, auf dem wir mehrere Tage und Nächte kampieren mussten.

Ohne dass sich jemand für mich interessiert hatte oder dass Besonderes geschehen war, gehörte ich zu denjenigen, die am 20. April („Führers Geburtstag“) wie Namenlose aufgefordert wurden, mitzukommen. Auf einem freigelegenen Eisenbahngelände erwartete uns ein langer Zug mit leeren ringsum geschlossenen Güterwaggons. In einen von ihnen musste ich hinein. Schließlich waren wir fünfundachtzig Männer und fünf Jungen, die dort zusammengedrängt liegen mussten, die eine Hälfte auf dem Boden, die andere auf einer etwa ein ein halb Meter hoch angebrachten Bretterreihe. Für mich unerwartet, wurden auch viele Frauen und Mädchen in einen Teil des Transportzuges verladen. Wir konnten später feststellen, dass zu diesem Transport eintausendsechshundert männliche und achthundert weibliche Deportierte gehörten, der jüngste vierzehn, der älteste 70 Jahre alt.

Nachdem eine Schiebetür, einen Spalt breit geöffnet, verriegelt war, setzte sich unser Transport in Bewegung. Keiner von uns wusste, wohin diese „Reise“ gehen sollte und ob es für uns irgendwann auch wieder eine Heimkehr geben würde. Heute wissen wir, dass nur weit weniger als die Hälfte von uns überleben konnten.

Endstation: Kimpersai

Wir fuhren in östlicher Richtung über die polnische Grenze in die Sowjetunion und waren uns darüber im Klaren, dass irgendwo in diesem riesigen Land ein Lager auf uns wartete. Hoffentlich brachte uns der Transportzug wenigstens nicht nach Sibirien! An der geschätzten Tageszeit, denn eine Uhr hatte inzwischen keiner mehr, und am Sonnenstand ermittelten wir die Fahrtrichtung. Fuhr der Zug gen Süden, keimte Hoffnung in uns auf: ‘Vielleicht endet unser Transport auf der Krim!’ Aber dann ging es wieder in nördliche Richtung und vor allem gen Osten! Bahnstationen musste unser Transport zumeist ohne Halt durchfahren. Die Ortsnamen in kyrillischer Schrift versuchten wir zu entziffern. Menschen, die auf den Bahnsteigen standen, blickten uns zumeist traurig hinterher. Ich erinnere mich an eine alte Frau, die weinte.

Unwillkürlich musste ich an einen Transport jüdischer Frauen aus Ungarn denken, den ich vor anderthalb Jahren auf der Kleinbahnstrecke in Steegen bei Danzig, wo meine Großeltern lebten, gesehen hatte und die auch mir damals unendlich leid taten, ohne dass ich ihnen helfen konnte. In Steegen hatte ich, immer in den Sommerferien, den schönsten Teil meiner Kindheit verbracht. An jenem Tage regnete es, und einige dieser bedauernswerten Geschöpfe reckten ihre Arme durch die geöffneten Fensterluken der Güterwaggons. In ihren Händen hielten sie Gefäße, um mit dem so eingefangenen Regen ihren erbärmlichen Durst ein wenig zu lindern. Ich wusste genau so wie andere Vorübergehende, welchem schweren Schicksal diese Frauen entgegenfuhren. Denn in östlicher Richtung, nur wenige Kilometer entfernt, lag das KZ Stutthof. Sein Krematorium entsandte ununterbrochen untrügliche Rauchschwaden. Bei Ostwind hatte die Steegener Luft einen etwas süßlichen Geruch. —

Auch wir in unseren Waggons hatten einen für uns bis dahin nicht vorstellbaren Durst. Zu trinken gab es nur spärlich Wasser aus dem Tender unserer Lokomotive, zu essen ein wenig Trockenbrot aus amerikanischen Hilfslieferungen und eine Kelle undefinierbarer Suppe. Der Durst hatte unseren Speichel eintrocknen lassen, so dass wir uns an dem trockenen und harten Brot unsere Gaumen wund rissen. Einmal, als es bei langsamer Fahrt regnete, banden wir eine Konservenbüchse an eine Schnur, die jemand von uns noch besaß. Die Büchse ließen wir aus der nur einen schmalen Spalt geöffneten Waggontür fallen, so dass sie am regennassen Bahndamm entlang schlidderte, und zogen sie behutsam wieder zu uns herauf. Den so gewonnenen Schlamm filterten wir durch ein sauberes Taschentuch und verteilten dieses „Wasser“ dann löffelweise unter uns neunzig Durstigen.

Doch ging es in unserem Waggon nicht nur kameradschaftlich zu. Die Suppe wurde uns täglich einmal in einem Kübel verabreicht, und sie musste von uns Gefangenen selbst verteilt werden. Das in dieser Situation entscheidende Amt des Essenausgebers rissen nach dem Prinzip der Stärke zwei von den Erwachsenen an sich. Bei der mit hungriger Gier erwarteten Essenausgabe sollte es möglichst gerecht zugehen, und es war in unserer Lage von entscheidender Bedeutung, ob jemandem das Dünne oder das Dicke aus dem Kübel in seine Konservenbüchse verabreicht wurde. Das wiederum hing trotz Rührens mit einer Holzlatte im Wesentlichen davon ab, wer zu den ersten und wer zu den letzten Essenempfängern gehörte. Deshalb fertigten wir um der Gerechtigkeit willen für jeden aus Papier eine Marke mit einer Zahl zwischen Eins und Neunzig an, wir fünf Jungen erhielten die Sechsundachtzig bis Neunzig. Mal wurde mit der Eins, mal mit der Neunzig begonnen. Sicher war es kein Zufall, wenn wiederholt bei mäßig gefülltem Kübel mit der Eins begonnen wurde und das Essen dann gerade bis zur Fünfundachtzig reichte. Der entgegengesetzte Fall trat dagegen nicht ein. Wir Jungen vermochten unser Recht mit eigener Kraft nicht durchzusetzen, und an die beiden Essenausgeber traute sich von den Erwachsenen niemand heran. Außerdem waren sie bereits darauf konzentriert, den geringen Inhalt ihrer Konservendose mit hungriger Gier in sich hineinzuschlürfen.

Nachdem wir das fünfte Mal ohne Essen geblieben waren, riefen wir einen Posten an unseren Waggon heran und machten ihm unsere Lage verständlich. Das Ergebnis war: Die Latte, die den beiden bis jetzt machtbewusst zum Umrühren unserer Suppe gedient hatte, verwandelte sich in der Hand des Postens in einen Knüppel aus dem Sack gegen sie. Wir Jungen mussten mitkommen bis zum Küchenwaggon. Dort erhielten wir einen großen Kübel randvoll Suppe mit der Auflage, das alles allein aufzuessen. Wir hätten das natürlich nicht überlebt, und so hatten auch unsere übrigen Waggoninsassen einen „Feiertag“, bis auf zwei Ausnahmen, über die wir Jungen zu entscheiden hatten.— Außerdem legten wir fest, dass jedes Mal zwei andere das Essen auszugeben hatten. Fortan ging es so gerecht zu, wie das unter unseren Bedingungen möglich war. Diese Episode entbehrt heute, da ich sie niederschreibe, nicht einer gewissen Komik. Damals jedoch war uns anders zumute.

Auf einem Vorortbahnhof von Moskau hatten wir Aufenthalt. Hier liefen Kinder an unserem Transport entlang und riefen uns entgegen: „Chitler kaput! Gebbels kaput!.“ Es muss also um den ersten Mai herum gewesen sein. Ich war darüber weder traurig noch froh, denn meine Gedanken und Gefühle waren ganz auf mich und meine Lage bezogen. Vielmehr bedauerte ich, nachdem wir in einer Banja endlich duschen durften und unsere Kleidung dort entlaust wurde, den Verlust meiner Lederhandschuhe so sehr, dass ich mich daran noch erinnerte, als ich vierzig Jahre später als Tourist wieder in Moskau war. —

Unser Transport jedoch setzte sich wieder in Bewegung, weiter auf unserer Fahrt ins Ungewisse. Bei Kuibyschew überfuhren wir auf einer kilometerlangen Eisenbahnbrücke die Wolga. Die Lage in unserem Waggon wurde immer unerträglicher, unser Zustand immer kritischer. Nicht nur die Verpflegung, auch die hygienischen Bedingungen waren katastrophal: Neunzig Mann in einem Güterwaggon ohne Waschmöglichkeit. Unsere Notdurft verrichteten wir auf ein Blech, das durch eine Öffnung an einer sonst verschlossenen Schiebetür nach außen gerichtet war. Ich dachte: ‘Nur nicht krank werden!’ Einer von den Erwachsenen starb. Noch im Sterben hatten andere von uns ihm die Kleidung abgenommen. So führen unmenschliche Lebensbedingungen zu unmenschlichem Verhalten, zum Glück nicht bei jedem. Die Leiche wurde unterwegs ausgeladen und neben unserem Transport abgelegt. Der Transport fuhr weiter.

Die Landschaft um uns veränderte sich allmählich, bis kein Baum mehr zu sehen war und außer uns weit und breit keine Menschenseele. Das sah nicht gerade nach Sibirien aus, sondern noch trostloser. Scheinbar aus dem Nichts kommend, wurde trockenes Gesträuch durch einen unablässigen Wind zu ballförmigen Gebilden geformt und über Wellen von wogendem Gras in eine scheinbare Unendlichkeit getrieben.  

                                                  ( Foto H, Littig)

Am Morgen des 6. Mai, nach sechzehn Tagen Fahrt ins Ungewisse, kamen wir an einer Industrieanlage vorbei. Danach fuhren wir noch stundenlang weiter durch dieses eintönige Land. Dann zweigte unsere Bahnstrecke an einem ärmlichen Haus ab. Unser Transport blieb am Rande einer Siedlung stehen, deren flache Häuser links und rechts einer einzigen unbefestigten Straße gebaut waren. Die Geleise mündeten in ein unweit sichtbares Tagebaugebiet und endeten dort.

Mit „Dawai-Dawai!“ angetrieben, mussten wir die Güterwaggons verlassen. Wir entdeckten Kamele, die vor Wagen gespannt waren. Zivilisten kamen auf uns zu und sprachen uns an, für uns völlig unerwartet in einem schwäbischen Dialekt. „Wo kommt ihr denn her?“ fragten wir sie. „Aus der Ukraine, wir sind Wolgadeutsche.“ „Und wo sind wir jetzt?“ „In Kimpersai.“ „Und wo liegt das?“ „In der Steppe von Kasachstan.“

Ankunft im Lager

In etwa ein Kilometer Entfernung, abseits der Siedlung, erblickten wir ein stacheldrahtumzäuntes, mit Wachtürmen umgebenes Barackenlager, flach in die Steppe geduckt. Dorthin schleppte sich unser langer Zug, Frauen und Männer, Mädchen und Jungen. Das Lagertor war wie der Rachen eines Molochs, der uns allmählich verschlang. Unsere Lage schien mir ausweglos: ‚In dieser Steppeneinsamkeit sind wir von aller Welt verlassen; was hier mit uns geschieht, bleibt aller Welt verborgen!’ Ich war verzweifelt...

Wir mussten erfahren, dass das Lager für unsere Vielzahl Gefangener viel zu klein war. Ich kam mit etlichen Gefangenen in einen Bau, der eigentlich als Bade-, Wasch- und Entlausungsstelle, Banja genannt, zu dienen hatte. Wir waren froh darüber, denn in den Waschkesseln befand sich Wasser, wenn auch abgestandenes, mit dem einige von uns, darunter auch ich, ihren Durst stillten. Das war jedoch das Unvernünftigste, was wir tun konnten, und hatte für viele die schlimmsten Folgen. Doch wo sollte in unserer Lebenslage Vernunft herkommen?

Noch am gleichen Tag kam auch ich in eine der Baracken, die zur Gefangenenunterkunft bestimmt waren. Ihre außen wie innen weißgetünchten dicken Wände bestanden aus Lehm. Mir fiel auf, dass sie innen mit unzähligen roten Flecken übersät waren, die ich mir, das sie offensichtlich nicht zur Dekoration dienten, nicht erklären konnte. Die kleinen Doppelfenster an den Längsseiten waren nicht zu öffnen. Eine dicke Schicht Erde, bedeckt mit getrocknetem Lehm, bildete das Dach. An den Giebelseiten führte eine kleine Tür zunächst in einen Vorraum und eine zweite Tür in einen lang gestreckten Raum, der sowohl zum Aufenthalt als auch zum Schlafen diente. Zu beiden Seiten eines schmalen Mittelgangs befanden sich Doppelstockpritschen aus bloßen Brettern ohne eine Auflage und ohne eine Decke oder etwas anderem, mit dem wir uns nachts hätten zudecken können. An einem Ende dieses Raumes stand ein ziegelsteinerner Herd, zunächst, Anfang Mai, außer Funktion. Der Vorraum an der einen Seite diente als Waschraum. Über einen langen Trog war ein Wasserrohr montiert. Er war unterhalb für jeweils zwei sich Gegenüberstehende mit einer Bohrung versehen, durch welche das Waschwasser allmählich floss, reguliert durch ein Stoßventil. Glück hatte, wer bei der morgendlichen gemeinsamen „Toilette“ einen Waschplatz am Anfang des Rohres ergattern konnte, denn bis zum Rohrende gelangte das Wasser kaum noch. Alles um uns ließ erkennen, dass vor uns bereits andere hier gehaust haben mussten.

Die Baracke war zunächst total überbelegt. Wir standen dicht bei dicht ratlos im Gang, bis wir uns nach und nach für unseren Pritschenplatz entschieden, wir Jungen zunächst in Abhängigkeit von unserem Lebensalter. Jeder musste sich in dieser äußerst schweren Lebenssituation zurechtfinden.

Schon am ersten Tag im Lager hatte ich ein mich besonders erschütterndes Erlebnis. Ein Posten des Wachkommandos stand plötzlich in unserer Baracke und fragte, an alle gewandt: „Wer Brot holen?“ Wie viele andere riss auch ich erwartungsvoll meine Hand nach oben und rief: „Ich, ich!“ Ich traute meinen Augen und Ohren kaum, als der Posten auf mich wies und befahl: „Dawai!“ Außer mir hatte ein zweiter dieses unerwartete Glück. Doch was uns bevorstand, war zwar unerwartet, aber von Glück konnte keine Rede mehr sein. Wir mussten zunächst in den vom Lagertor aus vorderen Teil des Lagers gehen, wo unsere Frauen und Mädchen untergekommen waren. Dort führte uns der Posten durch eine ebenso überbelegte Baracke, zeigte im Halbdunkel auf einen Pritschenplatz und sagte unmissverständlich: „Dawai!“ Doch was mussten wir wahrnehmen? Dort lag eine Tote! — Wir schleppten sie durch die Baracke, begleitet von den trostlosen Blicken der Frauen dort, und luden sie auf einen davor bereitstehenden Karren. Diesen mussten wir mit unserer traurigen Last aus dem Lager hinaus in die Steppe transportieren, gefolgt von dem mit Karabiner und aufgepflanztem Bajonett bewaffneten Posten, bis wir schließlich zu einer Grube kamen, die andere vor uns bereits ausgeschachtet hatten. Dort hinein legten wir diese Frau, für die alles nun ein Ende hatte. — Wir nahmen den mitgeführten Spaten und warfen dieses Grab mit der ringsum aufgeschütteten Erde zu. Der Posten führte uns in das Lager zurück und, zu unserer Verwunderung, in dieselbe Frauenbaracke. Dort erfüllte er auf seine Weise das uns zu Beginn gegebene Versprechen: Am Fußende des Pritschenplatzes, auf einem dort befestigten Ablagebrett, lag die Brotration der Toten. Die durften wir zwei uns teilen! — Danach wurden wir von dem Posten in unsere Baracke zurückgeführt.

Die Nacht verbrachte ich auf meinem Pritschenplatz, wie eine Sardine in einer Büchse dicht bei dicht zwischen meine beiden Pritschennachbarn eingezwängt, so dass wir uns zwar gegenseitig wärmten, aber uns nicht zu bewegen wagten. Kaum jedoch war die einzige von der Decke herabhängende Glühbirne erloschen, spürte ich ein Kribbeln und starken Juckreiz erzeugendes Stechen auf meinem Körper. Ich musste mich bewegen, ob ich wollte oder nicht, und es gelang mir, einige der Urheber zu zerquetschen, was wiederum einen üblen, beißenden Geruch zur Folge hatte. Dennoch schlief ich vor Erschöpfung schließlich ein. Wie sich am Morgen herausstellte, war es allen anderen genau so ergangen. Ich musste mir sagen lassen, dass es Wanzen waren, die uns in der Dunkelheit gepeinigt hatten, und war in dieser Nacht um eine weitere Erfahrung „reicher“ geworden. Denn bis dahin hatte ich von diesen Tierchen zwar gehört, aber sie nie selbst erlebt. Das hatte sich von nun an gründlich geändert. Auf diese Weise konnte ich mir auch die unzähligen roten Flecken auf der weißgetünchten Wand erklären. Sie zeugten von dem zwar erfolgreichen, aber dennoch aussichtslosen Kampf unserer Vorgänger gegen diese Plagegeister.

Leben und sterben in Kimpersai

Das Lager  war im Rechteck von einem Stacheldrahtzaun umgeben. An den vier Ecken befanden sich Wachtürme, jeweils besetzt von einem maschinenpistolenbewaffneten Posten. Ein weiterer Posten stand am Lagertor, in der Mitte des Zaunes an der einen Kimpersai zugewandten langen Seite. Das Tor wurde von einem Sowjetstern „geziert“. Der Flachbau daneben diente den Offizieren der Lagerleitung und den Soldaten der Lagerwache. Dahinter standen auf der linken Lagerseite, nebeneinander gereiht, die Baracken der Gefangenen, zunächst die der Frauen, dahinter die der Männer, beides von einem weiteren Stacheldrahtzaun mit einem kleinen Tor getrennt. Auf der rechten Seite im Frauenlager befand sich das Lagergefängnis, der Karzer, der sich bedrohlich in die Steppenerde kauerte und, nur ganz flach lauernd, darüber hinausragte. Der Hauptweg des Lagers führte vom Lagertor bis ins Männerlager, wo sich rechts des Weges das flache Gebäude mit Küche und Speiseraum, dahinter ein Bau für Verpflegung mit einem Keller für Leichen und links daneben die Krankenbaracke mit Lagerambulanz befanden. Hinter den Männerbaracken, auf der linken Lagerseite, war der Ort, auf dem wir Männer unsere Notdurft verrichten mussten, in der Seuchenzeit ständig überfüllt und umlagert. Weiter links davon befand sich die Banja.  

Das Lager 1090 bei Kimpersai. 

Die meisten von uns kamen aus der Stadt Danzig und den sie umgebenden Orten, wie Langfuhr, Oliva, Zoppot, Ohra, Schidlitz, Praust, und aus umliegenden Dörfern. Viele jedoch waren aus Ostpreußen vor der Sowjetarmee gen Westen geflohen, mit ihrem Treck über das eisbedeckte Frische Haff, in Danzig von der Front überrollt und dann deportiert worden. Frauen waren darunter, denen ihre Kinder von dem Greifkommando des NKWD aus den Händen gerissen und die zum Mitkommen gezwungen wurden, ohne, wie bekanntlich auch ich, zu wissen, was mit ihnen geschehen sollte.

Am 8. Mai, zwei Tage nach unserer Ankunft in Kimpersai, hatten wir unseren ersten Lagerappell. Da standen wir in einem großen Kreis, Frauen und Mädchen, Jungen und Männer, trost- und hoffnungslos, nach dem Geschlecht und den Baracken, in die wir eingewiesen worden waren, geordnet, von Posten bewacht. Was hatten wir bisher Schreckliches erleben müssen! Was stand uns nun bevor? –—

Der Lagerkommandant, ein Major, sprach zu uns, der Dolmetscher übersetzte: Das Unvermeidliche war gerade erst geschehen: Hitlerdeutschland hatte endlich, gewissermaßen „fünf Minuten nach Zwölf“, kapituliert! Die Faschisten hatten diesen Krieg begonnen (Wir Danziger hatten es unmittelbar erlebt - wie lange war das her!), sie hatten auch die Sowjetunion überfallen, das Land verwüstet und unermessliches Leid über die Menschen gebracht. Nun wären wir hier in Kasachstan angekommen und müssten einen Teil davon mit unserer Arbeit wiedergutmachen...

Das war eine Logik nach dem Prinzip „Sieger und Besiegte“, der wir uns unter unseren Bedingungen nicht entziehen konnten. Ich dachte damals: ‘Deutsche hatten damit begonnen, unschuldige Zivilisten zur Zwangsarbeit nach Deutschland zu deportieren, dieses Unrecht konnte keinem von uns verborgen geblieben sein. Und nun sind wir an der Reihe, so ist das Leben!’–

Fast zwei Jahrzehnte später jedoch erkannte ich, in der DDR lebend, dass trotz allem, was Hitlerdeutschland und Deutsche der Welt angetan hatten, uns dieses Schicksal nicht hätte widerfahren dürfen! Dazu bedurfte es meiner kritischen Aneignung einer Ideologie, als deren Garant sich die Sowjetunion ausgab und wogegen die DDR-Ideologen keinen Widerspruch duldeten. Ich konnte nicht anders, als das, was ich in jugendlichen Jahren auf dem Weg nach und in Kasachstan selbst erleben musste, in Beziehung zu setzen zu dem hohen humanistischen Anspruch kommunistischer Ideologie und ihrem Ziel: der Beseitigung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. An die Stelle einer geforderten und behaupteten Übereinstimmung zwischen Theorie und Praxis, Anspruch und Wirklichkeit tat sich mir ein unüberbrückbarer Abgrund auf. Sklavenarbeit, Willkür, Mord und Tod , dafür kann es keinerlei Rechtfertigung geben, schon gar nicht im Namen des Sozialismus, zumal nicht nur wir, sondern das eigene sowjetische Volk darunter zu leiden hatte, nach meinen Beobachtungen oft mehr als wir.

Nun, am 8. Mai 1945, standen wir da auf dem Appellplatz des Gulags 1090, in unserer Verzweiflung. Noch war es nicht in Mode gekommen, diesen Tag als „Tag der Befreiung“ zu bezeichnen. Natürlich, die Nazis waren wir los, doch waren wir alles andere als frei.

Doch durften wir den Appellplatz noch nicht verlassen. Schließlich wurden zwei unserer Männer vorgeführt, bewacht von zwei Posten mit aufgepflanztem Bajonett auf ihrem Karabiner. Jeder der beiden Männer trug einen zum Teil mit Fleisch gefüllten Eimer in seiner Hand. Was sollte das bedeuten?

Der Kommandant ließ übersetzen: Beide waren zum Küchendienst abkommandiert und dabei ertappt worden, wie sie von dem wenigen Fleisch aßen, das für alle Gefangenen bestimmt war.

Diese beiden Unglücklichen wurden zunächst dem Urteil ihrer Mitgefangenen übergeben. Einige vorn Stehende spieen die beiden an und schlugen auf sie ein. Dann tönte es gnadenlos über den Appellplatz: „Aufhängen! Totschlagen!“ Es hätte nicht viel gefehlt, und dieses Urteil wäre an Ort und Stelle vollzogen worden. Da jedoch griff der Lagerkommandant ein: „In der Sowjetunion wird keiner aufgehängt und totgeschlagen. Wir sind keine Faschisten. Die beiden werden anders bestraft. Sie kommen in den Karzer!“ Die Posten führten die Männer ab – in den Karzer. Die Menge beruhigte sich wieder.

Keiner von uns sah die beiden je wieder. Nach einiger Zeit sprach es sich im Lager herum: Beide sind aus dem Karzer tot heraus getragen und in der Steppe verscharrt worden. Das war wahrhaftig die Stalinsche Methode, „Recht“ zu sprechen, wie sie in den zahllosen Gulags im ganzen Land immer wieder praktiziert wurde ...Die „Menschlichkeit“ des Lagerkommandanten enttarnte sich als pure Heuchelei!

Vor uns lag zunächst eine dreiwöchige Quarantänezeit, während der wir in der Regel das Lager nicht verließen, sondern es, so gut das möglich war, in Ordnung zu bringen hatten. Allmählich entstanden vor den Eingängen kleine Gärten mit schmuckvoll gefertigten Bildern aus Steinen, die in verschiedener Färbung und Größe im Lager zu finden waren. Auch wurden wir in Bewegung gehalten, indem wir in langer Kette kleinere Steine mit bloßen Händen von der einen Stelle des Lagers zur anderen zu tragen hatten, was mir damals sinnlos erschien, aber als Bewegungstherapie wohl doch seinen Sinn hatte. Dabei quälte uns die in dieser Steppe um diese Jahreszeit bereits herrschende Sonnenglut. Bei Reparaturen an Wasserleitungsrohren ahnten wir schon ein wenig, was uns dagegen im Winter erwarten würde. Die Rohre waren in zwei Meter Tiefe verlegt, wo wir Ende Mai immer noch auf Eis stießen! — Zum Schlafen legten wir uns vor die Baracken – dort ließen uns wenigstens die Wanzen einigermaßen in Ruhe. Zu essen gab es morgens, mittags und abends einen halben Liter wässrige Suppe mit einem kleinen Stück Brot, zu Mittag meist ein wenig Grütze oder Hirsebrei, Kascha genannt. Unser starkes, quälendes Hungergefühl war damit nicht zu stillen. Wir mussten diese Mahlzeiten im größten Gebäude unseres Lagers an einem Essenschalter in Empfang nehmen. Über dem Schalter prangte wie zum Hohn eine Stalinsche Grundweisheit: „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen.“ Das hatte Marx doch wohl etwas anders gemeint, oder? — Noch war der große Raum davor mit Gefangenen belegt, voll wie die Baracken auch. Einige Zeit war ich ebenfalls dort untergebracht. An der dem Lagertor zugewandten Giebelseite prangte ein Stalinzitat, das mir bereits am ersten Tag aufgefallen war: „Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt.“ (Diese Losung hat ihren Wahrheitsgehalt nach fast fünf Jahrzehnten endlich bestätigt, wenn auch ganz anders, als der Josef Wissarionowitsch sich das damals gedacht haben mag!)

Die hygienischen Bedingungen blieben katastrophal! Da war es im Männerlager schon eine Errungenschaft, wenn in der Mitte eine Grube ausgehoben wurde und wir an der einen Seite einen „Donnerbalken“ befestigten, so dass wir unser „Geschäft“ zwar im Freien, aber wenigstens nach deutscher Manier sitzend verrichten konnten. Später wurde eine überdachte Einrichtung gebaut, wo die „russische Methode“ wieder praktiziert werden musste.

Es dauerte nicht lange, bis das geschah, was in krassem Gegensatz zur Quarantäne stand, was jedoch unter diesen Bedingungen der physischen Belastung, der Verpflegung, der hygienischen Bedingungen, der medizinischen „Versorgung“, der klimatischen Gegebenheiten und vor allem des psychischen Zustandes der Frauen und Männer ,wir Jungen wurden besser damit fertig, geschehen musste: In zunehmendem Maße wurden Seuchen zur Geißel unseres Lagers! Überhaupt waren wir alle so geschwächt, dass eine Krankheit, hatte sie den Organismus einmal gepackt, kaum mehr umzukehren war.

Ärzte, die unter uns Gefangenen waren, so Dr. Dowig und Dr. Dübbers, taten gemeinsam mit den Männern und Frauen, die sich für die risikovolle Arbeit in der Krankenbaracke voller Seuchenkranker aufopferungsvoll zur Verfügung gestellt hatten, das unter diesen Bedingungen Mögliche. Später waren es auch der aus einem Stalingrad-Kriegsgefangenenlager zu uns abkommandierte Militärarzt Dr. Hein sowie eine sowjetische Ärztin, die den schweren Kampf vor allem gegen die grassierenden Seuchen Ruhr, Typhus und Gesichtsrose aufnahmen - viel zu oft vergebens. Medikamente und Verbandsmaterial gab es so gut wie gar nicht. Die sommerlichen Temperaturen, bis zu 50 Grad Hitze, und die mangelhafte Hygiene, zahllose Wanzen und schließlich auch Läuse taten ihr Übriges. Daran konnte auch das wöchentliche Duschbad in der Banja mit Entlausung der Kleidung nichts ändern. Trotz der Seuchenerkrankungen war die Zeit der Quarantäne nach den verordneten drei Wochen beendet, und die Zeit der Sklavenarbeit begann. Im August 1945 hatten die Todesfälle ihren Höchststand erreicht. Täglich gingen dann über einen längeren Zeitraum in unserem Lager zwanzig, dreißig und mehr Menschen elend zugrunde. Jeder von uns musste fürchten, zu den nächsten zu gehören. Viele von denen, die in die Krankenbaracke eingeliefert wurden, mussten nach wenigen Tagen tot hinausgetragen werden.

Ich dachte: ‘Nur nicht in diese Baracke hineinkommen!’ Doch einmal, Ende August 1945, hatte es auch mich erwischt: Ich wurde mit Fieber eingeliefert, gemessen wurden 39,6 Grad Celsius. Um mich herum lagen Seuchenkranke, meine Ängste kann sich der Leser vielleicht vorstellen. Doch nach sechs Tagen ging das Fieber zurück, und es gelang mir, so schnell wie möglich aus dieser Baracke wieder hinauszukommen. Sofort musste ich auch wieder zur Arbeit gehen. Doch nahm ich das in Kauf und hatte bei allem doch ein Glück, wie man es unter solchen Bedingungen noch haben kann. Diese sechs Tage waren die einzigen, während denen ich in meiner fast zweieinhalbjährigen Gefangenschaft nicht arbeiten gehen musste. Auch wenn es mir an manchen Tagen elend zumute war und ich auch Fieber hatte, nahm ich lieber die Arbeit in Kauf, als mich dem Risiko einer Krankmeldung auszusetzen. –—

Die so Umgekommenen wurden nach der Arbeitszeit von einem „Leichenkommando“ in der Steppe abseits vom Lager, in der Gegend, wo ich gleich am ersten Lagertag eine Tote vergraben musste, gemeinsam in eine Grube geworfen, die danach mit Erde zugeschüttet wurde. Zum Leichenkommando wurden Jungen und Männer abkommandiert, die auf irgendeine Weise gegen die Lagerordnung verstoßen hatten. Auch ich war mit meinen sechzehn Jahren einige Male dabei, sei es, weil ich erfolglos versucht hatte, mich vor dem allmorgendlich peinigenden Frühsport zu drücken, oder weil ich nicht die Geduld aufbrachte, mein nächtliches Wasser dort, in einiger Entfernung, abzuladen, wo es die Lagerordnung vorschrieb, und dabei erwischt worden war.

Zuerst mussten wir die Toten, die unbekleidet waren, in dem fensterlosen finsteren Kellerraum des Verpflegungsbaus ertasten und dann über eine Holztreppe hoch schleppen, wobei die Köpfe der Toten dumpf und gespenstisch gegen die Stufen schlugen. Dann wurde diese schwere Last von uns auf einen Wagen geladen, der tagsüber für den Brottransport benutzt wurde. Die Ladefläche war mit einem „weißen“ Tuch bedeckt. Wenn wir die vom Posten genannte Anzahl beisammen hatten, wurden wir zu der in der Steppe entfernt liegenden Grube geführt, wo wir auf den von einem Kamel gezogenen Wagen warten mussten. In der schlimmsten Zeit musste der Wagen zweimal herangefahren werden  Wer kann sich dieses Bild vorstellen? Wir warten schweigend. Über der Steppenlandschaft strahlt der in diesen Breiten übergroße Mond, während aus der Ferne zuerst das Knarren der Wagenräder hörbar wird. Dann treten, allmählich immer deutlicher, Kamel und Wagen hervor, schließlich auch die schaurige Last, bis schließlich der Rest der Arbeit wieder von uns getan werden muss. War dieses Strafmaß abgegolten, hatte das Leichenkommando das „Privileg“, sich außerhalb der Reihe in der Banja zu duschen, mit einem kleinen, zurechtgeschnittenen Stück Seife ausgestattet, das dann auch noch zwei drei Tage für die Morgenwäsche ausreichte!  

 

                                            (G. Dürksen)      Gräberfeld in Batamscha (Kimpersai). Hier ruhen über eintausend Opfer.
                                                                                 G. Dürksen hat bei der Gestaltung des Gräberfeldes mitgewirkt.

Der in der zweiten Septemberhälfte eigentlich ohne einen Herbst hereinbrechende Winter, beginnend mit minus 10 Grad und sich schließlich bis unter minus 40 Grad steigernd, war, so eigenartig das jetzt scheinen mag, die wirkungsvollste Medizin. Seine Gefahren waren anderer Art. – Die Seuchen klangen endlich ab, es starb kaum noch jemand. Wir, die wir überlebt hatten, waren ein weiteres Mal davongekommen. Das ganze Ausmaß des Todes wurde uns nicht zuletzt dadurch bewusst, dass unsere Baracken nunmehr „normal“ belegt waren und der Raum in dem größten Gebäude mit der Essenausgabe nur noch als Speiseraum genutzt wurde.

Von Zeit zu Zeit fanden Zählappelle statt. Die Lageroffiziere hatten vor sich Listen aus Packpapier, wo auf handgezogenen Linien unsere Namen geschrieben waren. Formulare dafür gab es nicht. Sie wurden einer nach dem anderen vorgelesen, nach russischer Art: Familienname, Vorname, Vatersname. Wir bestätigten entweder mit „hier“ oder mit „tot“ - dann wurde der Name durchgestrichen. So konnten auch wir erfahren, wie viel umgekommen und wie viel übrig geblieben waren, denn einige von uns waren so klug und zählten still mit. Schließlich waren bis zu der Zeit, als das Lager aufgelöst wurde, Ende 1949, von ursprünglich zweitausendvierhundert nur noch weit weniger als die Hälfte am Leben geblieben!

Manche Historiker wehren sich heute gegen einen, um es vereinfacht zu sagen, Hitler-Stalin-Vergleich. Nun, gleichsetzen lässt sich beides sicher nicht, aber vergleichen: Hitlers Lager waren von vornherein im Wesentlichen zur Vernichtung seiner Insassen, vor allem der jüdischen, bestimmt. Dieses Ziel wurde mit letzter Konsequenz durch eine speziell dazu bestimmte Vernichtungsmaschinerie angestrebt und zum Glück nur dadurch nicht erreicht, dass Hitlerdeutschland eine vernichtende militärische Niederlage erlitt.

Stalins Lager waren wie die Hitlers sowohl Ausdruck perverser Phantasien eines einzelnen zur politischen Macht gelangten paranoischen Politikers als auch einer auf uneingeschränkter Machtausübung basierenden Ideologie, was Machtmissbrauch zwangsläufig zur Folge hat. Ihre Insassen waren ebenfalls zumeist zu Schuldigen deklarierte Unschuldige und keine Verbrecher, oft nicht einmal „Feinde“, in Stalins Gulags sogar die eigenen Genossen. Auf beiden Seiten waren diese Lager staatlich sanktioniert. Ein Unterschied Stalinscher Lager zu Hitlers Lagern: Sie waren nicht bis zur letzten Konsequenz zur Vernichtung bestimmt, sondern ihre Insassen hatten die „Chance“, nach verbüßter „Strafe“ für Nichtbegangenes mit dem Leben davonzukommen. Doch für die meisten von ihnen existierte diese „Chance“ nicht. Sie gingen an der schweren Arbeit unter verheerenden Lebensbedingungen und an Seuchen zugrunde. Ihr Tod war vorhersehbar und wurde billigend in Kauf genommen. Für sie ist jeder „Unterschied“ bedeutungslos! — Wer überlebte, behielt traumatische Erinnerungen und meist lebenslange gesundheitliche Schädigungen.

Wir Deportierten des Kimpersaier Lagers waren willkürlich gefangen genommen worden. Demzufolge waren in unserem Lager nahezu alle Bevölkerungsschichten, Berufe, ideologische Orientierungen vertreten, wie sie für die Gesellschaft Hitlerdeutschlands charakteristisch waren: Arbeiter, Bauern, Hausfrauen, Angestellte, Gewerbetreibende, Handwerker, Lehrer und Schüler, Beamte, Ärzte und Apotheker, Künstler usw.; Mitglieder und Funktionäre der Nazipartei ebenso wie ehemalige Sozialdemokraten und Kommunisten (z. B. M. S., ein Freund meines Vaters), eine KZ-Ärztin neben politischen Häftlingen aus dem KZ, auch Angehörige der Wehrmacht und der Kriegsmarine, die ihre Uniform aus- und Zivilkleidung angezogen hatten, um den sicher verlorenen Krieg für sich zu beenden und der Gefangenschaft zu entgehen - vergebens!– Müttern waren die Kinder entrissen worden, nun erwartete sie in der Sorge um die Zurückgelassenen ein ungewisses Schicksal hier in Kasachstan. Ich selbst war bis zu meiner Gefangennahme Schüler der sechsten Klasse der Mittelschule St. Katharina in Danzig gewesen.

Die meisten von uns wurden Arbeitsbrigaden zugeordnet. Zu diesen gehörte auch ich. Frühmorgens mussten wir in Kolonnen das Lager verlassen, in der ersten Zeit von bewaffneten Posten flankiert. Auch unsere Arbeit mussten wir unter Bewachung verrichten. Ihr „Dawai!“, „Bistro!“ und ihre obszönen Flüche, an denen die russische Sprache reich ist, begleiteten uns den ganzen Tag. Zwar erfuhren wir, dass derartige Flüche in der Sowjetunion verboten wären, doch sie gehören zur Alltagssprache, ihr Verbot war sinnlos, dieser Widerspruch zwischen Theorie und Praxis einer der geringsten.

Unsere Arbeiten waren verschiedener Art. Jede Brigade wurde dort eingesetzt, wo sie gerade gebraucht wurde, und das erfuhren wir zumeist erst an Ort und Stelle.

Hauptarbeitsstätte war die Nickelgrube, ein Tagebau unweit des Lagers. Auf den Nickelreichtum in diesem Gebiet war 1941 zuerst das Lager der Russlanddeutschen und danach der Ort Kimpersai gegründet worden. Wie wir erfuhren, bestand hier die Erde bis zu sieben Prozent aus dem entsprechenden Mineral. An manchen Stellen blinkte es uns unter dem Steppengras entgegen. Schicht für Schicht wurde die Nickelerde von großen Schaufelbaggern amerikanischer Herkunft auf Spezialwaggons geladen, deren Boden beiderseits abklappbar war. Diese Erde wurde in der entfernt gelegene Stadt Nickel, die wir am letzten Tag unseres Transports durchfahren hatten, verhüttet. Wir hatten das Gelände zu planieren und die Geleise mittels Brechstangen so zu verlegen, dass die Waggons immer wieder in Reichweite an den Schaufelbagger und an den Haldenrand herangefahren werden konnten. Das rhythmisch-melodische „jescho ras - jescho pidnalli - ras dwa wsalli“ konnten wir bald selbst rufen. Es vereinte unsere Kräfte und half uns, die schwere Arbeit zu bewältigen. Damit die Geleise von der Waggonlast befahren werden konnten, mussten sie von uns mit einem hölzernen Werkzeug gestopft werden. Dazu benutzten wir Nickelschlacke, schwarz glänzend und grobkörnig, die wiederum aus dem Hüttenwerk in Nickel mit den gleichen Waggons zurück zu uns gelangt war. Ihre schwebenden Bestandteile glitzerten in der bis über vierzig Grad auf uns herabstrahlenden Sonnenglut und drangen in alle Poren unserer Haut.

Oft wurden wir auch eingesetzt, um Waggons zu entladen – Steinkohle aus dem Steinkohlengebiet um Karaganda für die Grubenlokomotiven und das Kraftwerk. Grudekoks war, wie wir bald erfahren sollten, auch für unsere Baracken im Winter bestimmt. Eisenbahnschwellen aus schwerem Holz. Ziegelsteine , die von so schlechter Qualität waren, dass sie oft bei bloßer Berührung zerbrachen, usw.

Auch zu Streckenarbeiten wurden wir immer wieder herangezogen: Schienen wieder ausrichten - die Strecke glich auch im Normalfall zwei oft bis ins Unendliche nebeneinander herlaufenden Schlangen – oder Schienen und Schwellen auswechseln – sie waren mit Schienennägeln, ebenfalls amerikanischer Herkunft, vernagelt. Geleise mussten von uns auch völlig neu verlegt werden. Unsere körperliche Beschaffenheit spielte dabei keine Rolle. Unsere Mädchen und Frauen mussten die gleichen schweren Arbeiten verrichten, denn sie waren ja nach dem sowjetischen Verständnis „gleichberechtigt“. Ich muss feststellen: Sie taten das keineswegs mit einem geringeren Ergebnis, im Gegenteil!

Besonders gefragt waren unsere „Spezialisten“, so wurden diejenigen genannt, die ein praktisches Handwerk gelernt hatten: Maurer Schlosser, Dreher, Schweißer, Elektriker u. ä. Zwei von uns waren, wie wir heute sagen würden, die Kings. Sie waren Gießer, und die gab es außer ihnen in ganz Kimpersai nicht. Es schien, als hätte man auf sie besonders gewartet. Sie waren unter jenen Bedingungen geradezu unersetzbar. Denn ein zerstörtes Maschinenteil hätte ohne sie meist dazu geführt, dass die ganze Maschine unbenutzbar geblieben wäre. Sie waren demzufolge in Kimpersai hoch geachtete Leute und die ersten, die für ihre Arbeit Rubel ausgezahlt bekamen. Dafür konnten sie sich auf dem Basar in Kimpersai einige Lebensmittel kaufen. Auch durften sie sich freier bewegen. Andere Spezialisten arbeiteten ebenfalls in einzelnen Werkstätten und wurden bald ausgezahlt. Ihr Sklavendasein war auf diese Weise etwas reduziert. Der weitaus größere Teil von uns, diejenigen, die in den oben genannten Brigaden arbeiteten, bekam für seine Arbeit, solange ich in Kasachstan war, nicht eine einzige Kopeke. Wir waren den Lagerbedingungen uneingeschränkt ausgesetzt. Als ich im Frühsommer 1947 endlich heimkehren durfte, musste ich unterschreiben, dass ich eintausendneunhundert Rubel Schulden hinterlasse. (Zur Erinnerung für den Leser: Außer jenen sechs Tagen in der Krankenbaracke habe ich keinen einzigen Arbeitstag versäumt! —) Allen anderen, die mit mir heimkehren durften, erging es ebenso. Unsere Heimkehr wollten wir nicht riskieren, wir waren froh, dass wir überlebt hatten – also unterschrieben wir. Ob es sich hier nur um einen formalen Akt handelte oder ob diese Schuld jemals eingelöst werden musste, von der DDR oder der Bundesrepublik, ich weiß es nicht. Das ließe sich mit dem Begriff „Ausbeutung“ nicht mehr bezeichnen, dafür gibt es noch kein Wort, zumindest nicht im Deutschen!

Als „Internierte“ hatten wir Anspruch auf den Achtstundentag, doch dieser Anspruch stand meist nur auf dem Papier. Oft war es so, dass kurz vor dem uns eigentlich zustehenden „Feierabend“ ein neuer Arbeitsabschnitt begonnen wurde. Der musste dann zum Abschluss geführt werden, auch wenn die acht Stunden längst vorüber waren. Arbeitspausen wurden weitgehend eingehalten.

Gearbeitet wurde nach einer Norm. Sie war jedoch so hoch angesetzt, dass wir ausgemergelten Gestalten dieses Ziel meist nicht erreichten. Bei Normübererfüllung stand uns ein so genannter „Stachanow4-Talon“ zu. Das bedeutete, dass dieser Brigade am nächsten Morgen eine etwas höhere Brotration zugeteilt wurde. Um das zu erreichen, arbeiteten wir oft bis über unsere Kräfte, so dass wir uns mehr ruinierten, als wenn wir auf diese geringe Rationserhöhung verzichtet hätten.  

4 Stachanow war ein russischer Bergmann, der 1935 in einer Schicht seine Norm vierzehnfach übererfüllt haben soll. Danach gehörte er zur Nomenklatura und brauchte nie wieder einen Bohrhammer zu berühren. Ihm war die Aufgabe zugedacht, alle Arbeiter in der Sowjetunion zu erhöhten Arbeitsleistungen zu bewegen, und das oft nur für ein Stück trockenes Brot.

Den 1. Mai 1946 erlebte ich noch in Kimpersai. Am „Internationalen Kampf- und Feiertag aller Werktätigen“ ruhte auch für uns die Arbeit. Feierlich war für uns, dass unsere Brotration in Weißbrot ausgewogen wurde, wir den ausgewogenen Teil eines Apfels (die Hauptstadt von Kasachstan heißt „Alma Ata“, auf Deutsch „Mutter des Apfels“) und einen Bonbon erhielten. Bestarbeiter, dazu gehörten ein paar unserer „Spezialisten“ und Brigadiers, wurden als „Prämie“ zu einem „Festessen“ in den Speiseraum „geladen“.

Angeleitet bei unseren Arbeiten wurden wir von Russlanddeutschen, wie wir sie bereits am Tage unserer Ankunft kennen gelernt hatten. Nach ihrer Herkunft nannten wir sie Ukrainer. Wir hatten zueinander im Allgemeinen ein sehr gutes Verhältnis, nicht nur wegen der gemeinsamen Sprache und Nationalität, sondern auch weil wir Schicksalsgefährten waren. Sie waren nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion bereits im Jahre 1941 nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion auf der Grundlage eines Stalinschen Dekrets generell als „Volksverräter“ angeschuldigt und ohne den Nachweis einer Schuld unter unmenschlichen Bedingungen deportiert worden, nach Sibirien und die meisten nach Kasachstan, so auch in dieses Steppengebiet. In einer Nacht- und Nebelaktion hatten sie Haus und Hof im Wolgagebiet verlassen müssen, die meisten Familien wurden mit brutaler Willkür auseinander gerissen. Zu unserer Zeit waren sie immer noch auf der Suche nacheinander.

Von Rotarmisten waren sie nach langen Leidensmärschen auf Sammelstellen und dort in Güterwaggons getrieben worden, in denen sie nach langer Fahrt, schwer bewacht, zu diesem auch ihnen unbekannten Ziel gebracht wurden, mit einem wesentlichen Unterschied: Sie waren zu Beginn des harten Winters der bloßen Steppe ausgesetzt worden und mussten sich erst einmal im Schnee eingraben und sich mit Stacheldraht selbst umzäunen. Auch das Lager, zunächst waren es bei bis zu minus 40 Grad Celsius bloße Zelte, mussten sie danach selbst errichten. Parallel dazu mussten sie mit Spaten, Spitzhacken und Schaufeln die Nickelförderung beginnen. Die kleinen Kinder und die Alten überlebten den ersten Winter nicht.

In den folgenden Jahren hatten sie unter schwierigsten Bedingungen mit dem Aufbau Kimpersais begonnen und waren vor unserer Ankunft in die von ihnen errichteten Lehmhäuser umgezogen. Ihr Deportationsgebiet durften sie erst seit Mitte der fünfziger Jahre verlassen. Von ihnen überlebte nur etwa ein Drittel. So löste sich für uns das Rätsel nach unseren Vorgängern. —

Russen gab es zunächst kaum in diesem Gebiet. Die wenigen jedoch hatten die höchsten Kommandostellen besetzt. Auch Ukrainer gab es in Kimpersai, die als Wirtschaftsleiter, Natschalniks genannt, eingesetzt worden waren. Als ab 1946 demobilisierte Rotarmisten nach Kimpersai kamen, mussten die meisten von ihnen ihren Posten an völlig unqualifizierte Leute abtreten.

In gebührender Entfernung von uns bemerkten wir oft Arbeitskolonnen schwarzbärtiger Männer, mit orientalischer Kopfbedeckung und Kleidung, und auch orientalisch gekleidete Frauen. Es waren Tschetschenen, die wie viele Tausende ihresgleichen am 23. Februar 1941 aus ihrer kaukasischen Heimat deportiert worden waren. Als sich die Spitzen der deutschen Wehrmacht ihrem Kaukasusgebiet näherten, verdächtigte Stalin sie der Kollaboration. Nachdem Berijas Schergen in ihre Dörfer eingefallen waren, gaben sie den Tschetschenen, Männer, Frauen und Kinder, drei Stunden Zeit bis zum Abtransport. Sie wurden nach Sibirien, die meisten nach Kasachstan deportiert. Ein Drittel von ihnen ging bereits auf dem Transport in der Eiseskälte zugrunde Sie hatten abseits von Kimpersai, unweit unseres Lagers, ihre Hütten errichten müssen, nachdem sie wie die Ukrainer in der Steppe ausgesetzt worden waren. Wir nannten diese Siedlung das Tschetschenendorf. Arbeiten mussten sie wie wir in Kolonnen, aber zu unserer Zeit schon ohne Bewachung. Doch unsere Posten sorgten nach Möglichkeit dafür, dass wir zueinander keinen Kontakt hatten. — Sie waren strenggläubige Mohammedaner und führten ein isoliertes, völlig unterprivilegiertes Dasein ohne die geringste Perspektive.

Wir waren etwa ein halbes Jahr in Kimpersai, da mussten wir wieder einmal zu einem Appell antreten. Dort verkündete der Lagerkommandant, dass wir auf der Grundlage eines Dekrets der Sowjetregierung Internierte wären. Demzufolge bekämen wir neben der militärischen auch eine zivile Lagerleitung aus unseren Reihen.

Das war eine Lüge, was ich erst Jahrzehnte später erkannte.5 In Wirklichkeit waren wir aus unserem Heimatgebiet Danzig zur Zwangsarbeit nach Kasachstan Deportierte, deutsche Zivilisten.  

5 Das war eine Lüge. Denn dazu heißt es in "Meyers Universallexikon", VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1982, Bd. 2, S. 379:"Internierung: Freiheitsbeschränkung, die ein kriegführender Staat zu seinem Schutze gegen die auf seinem Gebiet verbleibenden Angehörigen des gegn. Staates (Zivil-Int.) ... meist in besonderen Lagern in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht durchführt."

Wir nahmen diese Verkündung erfahrungsgemäß äußerst misstrauisch auf und sollten damit auch Recht behalten. An unserer Lage änderte sich praktisch nichts, wir lebten im Lager nach wie vor streng bewacht hinter Stacheldraht und verschlossenem Tor. Zur zivilen „Lagerleitung“ wurden drei Männer aus unseren Reihen administrativ bestimmt. Von nun an gab es eine hierarchische Spitze von privilegierten „Internierten“. Es waren forsche Leute, Kommunisten schienen sie mir nicht zu sein. Sie mussten nicht mehr mit uns zur Arbeit in der Kolonne hinausmarschieren, stolzierten bald, gut und nach russischer Manier gekleidet, im Lager herum. Bei den Appellen durften sie neben dem Kommandanten stehen und zu uns sprechen, zu sagen hatten sie trotzdem nichts. Ihr eigentliches Wirken blieb uns verborgen.

Eine gewisse Erleichterung brachte uns dieser neue Status dennoch: Wir waren fortan während der Arbeitszeit ohne militärische Bewachung, die Verantwortung für uns trugen dort Brigadiere, ebenfalls aus unseren Reihen und administrativ bestimmt. Sie waren nicht zu beneiden. Zwar brauchten sie nicht mitzuarbeiten, doch die meisten taten es trotzdem. Privilegiert lebten sie nicht, im Gegenteil. Sie hatten die Verantwortung für unsere Arbeitsleistung und unser Verhalten zu tragen. Für sie war es eine Gratwanderung. Die Arbeitsnorm zu erfüllen, das war mit uns, die wir ausgezehrt und total unmotiviert waren, keine leichte Aufgabe. Wie sie mit uns zurechtkamen und wir mit ihnen, das hing im Wesentlichen davon ab, auf welche Seite sie sich praktisch stellten.

Einmal gehörte ich zu einer Brigade, die in Kimpersai auf einem Freigelände große, für den Hausbau bestimmte Ziegel herzustellen hatten. Die in einem Mischer erzeugte Masse aus Sand, Wasser, Kalk und Zement musste in Holzformen gepresst und auf das Gelände getragen werden, wo sie, aus ihrer Form befreit, Reihe in Reihe von der Sonne getrocknet wurde. In der Nähe stand ein Ziegelsteinrohbau, wegen Baumängel nicht fertig gestellt. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt. Mit dem Spürsinn unter großem Hunger Leidender entdeckten wir bald, dass dahinter Getreide gelagert war. Wenn es dem Arbeitsende zuging, meldete sich einer nach dem anderen bei unserem Brigadier, Dr. Schmidt, ab, angeblich einer gewissen „Entledigung“ wegen. Der ließ uns gehen und schaute ins Leere... Wir taten das Gegenteil dessen, weshalb wir uns eigentlich abgemeldet hatten, sondern füllten nach und nach unsere Hemden und Hosen mit dem kostbaren Gut. Mit dieser Last gelangten wir, einige Tage unbemerkt, durch die Lagerwache und genossen abends unser köstliches Mahl aus Wasser und Mehl. Gemahlen hatten wir die Körner auf „Mühlen“, wie sie einige „Spezialisten“ gefertigt hatten: Eine mittels Nägeln durchlöcherte Konservenbüchse war, den Grat nach außen, auf einen pyramidenförmigen Holzkern gepresst und auf ein Brett befestigt worden. Darüber gestülpt war eine zweite, ebenfalls durchlöcherte Konservenbüchse, den Grat nach innen. Daran war ein Stiel befestigt. Zwischen beide Büchsen schütteten wir unsere Getreidekörner, und so, wie wir den Stiel drehten, rieselten unten unsere zerquetschten Getreidekörner kochfertig heraus. Natürlich bekamen unser Brigadier und die Mühlenbesitzer ihren Teil ab. Endlich einmal konnten wir unseren Hunger stillen. Das war ein Leben!

Es fand sein jähes Ende. So sehr wir unsere Hosen oben und unten auch zugeschnürt hatten: Der Weg unserer Kolonne ins Lager war unübersehbar durch eine verräterische Getreidespur markiert. Eines Tages kamen wir ans Lagertor und wurden von den Posten gefilzt. Ich hatte trotzdem Glück, denn ich hatte mich nur des Hemdeninhalts zu entledigen, den Hoseninhalt übersah der Posten. Dr. Schmidt und zwei weitere Brigademitglieder mussten für uns drei Tage lang in den Karzer. Doch so schwer uns das auch fiel, jeder von uns spendete jeden Morgen eine Scheibe seiner spärlichen Brotration, und wir fanden Wege, dieses kostbare Gut unseren Karzerinsassen zukommen zu lassen. Dr. Schmidt wurde leider abgesetzt, und uns alle hatte der Hunger wieder eingeholt.

Es war um die gleiche Zeit, in der ich Ziegel in Kimpersai produzieren musste, als eines Tages wieder einmal ein Lagerappell stattfand und der Lagerkommandant, wir nannten ihn den „Glatzenmajor“, uns eine Botschaft verkündete, auf die wir vom ersten Tage an sehnsüchtig gewartet hatten: Wir würden in den nächsten Tagen nach Hause fahren. Die Güterwaggons für unseren Abtransport stünden schon in Kimpersai bereit. Zuvor hätten wir jedoch folgendes zu tun: Wir müssten zum Duschen in die Banja gehen und alles, was wir besäßen, aus den Baracken dorthin zur Entlausung mitnehmen. Die Baracken würden kontrolliert, und wer dort etwas versteckt hätte, dürfte nicht nach Hause fahren! Wer noch deutsches Geld bei sich hätte, müsste dieses abgeben. Denn wegen der Hakenkreuze darauf wäre dieses Geld streng verboten. Wer deutsches Geld versteckte, müsste hier bleiben und würde sogar bestraft. Ich hatte mit diesen Bedingungen keine Probleme. Die Art meiner Gefangennahme hatte von vornherein dafür gesorgt, dass ich nur das besaß, was ich auf dem Körper trug. Auch an Geld hatte ich keinen Pfennig bei mir. Von meinen Lederhandschuhen hatte man mir bekanntlich in Moskau „befreit“. Doch andere, vor allem solche, die aus Ostpreußen geflüchtet waren, hatten einen gewisse „Habe“, auch wenn diese bei allen bisherigen Filzungen bis zu unserer Ankunft im Lager auf ein Minimum zusammengeschrumpft war. ‘Doch was soll’s! Wir werden doch nicht unsere Heimfahrt riskieren. Die Hauptsache ist, wir kommen endlich nach Hause!’

Als wir geduscht hatten und die Kleidung entlaust worden war, fand unerwartet jeder von uns nur soviel auf seinem Kleiderring vor, wie er unbedingt benötigte, um sich anzukleiden. Gute Sachen waren durch weniger gute ausgetauscht. Wehren konnten wir uns nicht.

Der Banjaleiter war ein gewisser Lewanzyk. Er hatte im KZ Stutthof gesessen und, wie es hieß, aus diesem Grund seinen Posten in der Banja erhalten. Wie es sich jedoch herumgesprochen hatte, war er wegen eines Wirtschaftsvergehens dorthin gekommen: Er war Fahrer des Danziger Milchhofs gewesen und hatte vor der Auslieferung der Milch den Rahm abgeschöpft. Ihm trauten wir sowieso nicht. Als angeblich von den Nazis Verfolgter schikanierte er uns, wo er nur konnte.

Das alles konnte jedoch unsere Freude auf die Heimfahrt nicht ernsthaft schmälern. Das Gerücht wurde im Lager verbreitet, einige von uns hätten die für uns bestimmten Waggons schon in Kimpersai gesehen. Also konnte nichts mehr schief gehen, wenn jeder sich nur ruhig verhielt.

Zwar hielten wir auf dem Weg zur Arbeit vergebens nach den für uns angeblich bereitstehenden Güterwaggons Ausschau, doch unseren Glauben an die baldige Heimfahrt ließen wir uns nicht nehmen. Bei der Arbeit konnte uns nichts mehr erschüttern. ‘Ihr könnt uns mal alle den Buckel herunterrutschen, wir fahren sowieso in den nächsten Tagen nach Hause!’

Plötzlich tauchte ein Major aus dem Lager, schwarzhaarig, in unserer „Ziegelei“ auf. Der Ukrainer dort fragte ihn, was denn mit den Deutschen los wäre? Sie behaupteten alle, sie würden nach Hause fahren. Der Major wandte sich in gebrochenem Deutsch an uns, ich höre ihn, als wäre es erst geschehen: „Was, nach Chause? Ihr zwei Jahre arbeiten, dann nach Chause!“ Wir alle waren geschockt und verstummten.

Diese Hiobsbotschaft verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Lager. Keiner wollte das wahrhaben. Doch auf unsere Heimfahrt warteten wir vergebens, und schließlich mussten wir erkennen: Der Major auf der Baustelle hatte uns die Wahrheit gesagt, der Glatzenmajor und Lewanzyk hatten uns belogen und betrogen. Sie hatten mit uns ein ganz böses Spiel getrieben, um sich zu bereichern und, was Lewanzyk anbetrifft, sich Privilegien und Macht über uns im Lager zu verschaffen. Wir Jungen steckten das allmählich weg, doch Ältere gab es unter uns, die darüber den Verstand verloren und für die es das Ende war.

Bald darauf kam wieder einmal eine Kommission aus Moskau ins Lager. Derartige Kommissionen hatten zwei Seiten: Einerseits verbreiteten sie Furcht unter uns, andererseits gab es an einem solchen Tag besseres Essen. Es waren hohe Offiziere und Zivilisten, männlich und weiblich — Vertreter des NKWD. Sie kontrollierten das Lager und verhörten uns, auch ich wurde verhört und wurde immer wieder nach meinem Namen und meiner Adresse in Danzig gefragt, ebenso nach meinen Eltern und meiner und deren Tätigkeit. Mich ließen sie, im Unterschied zu einigen anderen, jedoch bald in Ruhe. Ich weiß von ehemaligen Wehrmachtangehörigen unter uns, dass sie zusammengeschlagen wurden, bis sie sagten, was sie verheimlicht hatten. Das Spitzelsystem des NKWD in der Sowjetunion hat es allem Anschein nach im Lager auch gegeben. So erinnere ich mich an Fritz Mischewski, angeblich aus Danzig, der zugeben musste, dass er Sepp Eichinger heiße, aus Bayern stamme und bei den Gebirgsjägern gewesen sei. Er erzählte uns von seinem Schicksal. Zehn Jahre später wurde ein solches System bekanntlich nach sowjetischem „Vorbild“ in der DDR auch aufgebaut

Jeder von uns Kimpersaiern kennt den lustigen Matrosen Hein, den wir alle sehr mochten und dem es im Herbst 1946 ähnlich erging. Heinz Daniel – Er war bei der Kriegsmarine gewesen und offensichtlich von einem „Kameraden“ verraten worden.

Nach dem Besuch dieser Kommission geschah folgendes: Etwa einhundert Lagerinsassen, zu ihnen gehörten die KZ-Ärztin und ehemalige Soldaten, wurden unter strengster Bewachung, wie wir sie bis dahin nicht erlebt hatten, aus dem Lager abgeführt. Unter diesen Gefangenen befand sich auch Lewanzyk! — Sie wurden nach Kimpersai zu dort diesmal tatsächlich bereitstehenden Waggons gebracht. Dieser Gefangenentransport verließ mitsamt seinen Bewachern Kimpersai. Sein Ziel blieb uns unbekannt, ebenso das Schicksal der Betroffenen.

Der Glatzenmajor verschwand ebenfalls aus dem Lager. Er war degradiert worden. Einige von uns hatten ihn in Kimpersai als einfachen Arbeiter entdeckt.

Die Hoffnung auf eine baldige Heimkehr hatten wir trotz dieser schweren Enttäuschung nicht aufgegeben. Die geringste Veränderung wurde von uns in dieser Richtung interpretiert. ‘Warum hat man diejenigen von uns, die, aus welchem Grunde auch immer, in Gefangenschaft bleiben sollen, in ein anderes Lager transportiert? Doch nur, weil wir, die keinerlei Schuld auf uns geladen haben, bald nach Hause dürfen! Die Wirren des Kriegsendes sind vorüber, und die Kommission hat in Moskau berichtet, dass wir in Kimpersai Gebliebenen unschuldig sind. Alles Bisherige ist ein Irrtum gewesen. Das kann so nicht weitergehen.’ Mit solchen und ähnlichen Gedanken machten wir uns Mut, obwohl es auch Zweifler gab. Ich jedoch gehörte nicht dazu.

An den langen Abenden, wenn wir unsere Tagesarbeit hinter uns hatten, ließen wir unseren Gedanken freien Lauf – die einzige Freiheit, die wir uns leisten konnten. Eines Abends hörte ich aus unmittelbarer Lagernähe Klänge! Nach einem Radio hörte sich das nicht an, auch gab es so etwas wie ein Radio im ganzen Lager nicht

Ich ging diesen Klängen nach und fand des Rätsels Lösung: Einer unserer Spezialisten hatte sich eine Teufelsgeige gebaut und musizierte darauf. So wie diese Musik auf uns wirkte, konnte das keinesfalls mit dem Teufel zugehen. Unsere Gesichter hellten sich für kurze Zeit auf. Bald danach holten einige ihren Kamm und beendeten sein funktionsloses Dasein bei uns Kahlgeschorenen, indem sie ihn mit einem Stück Papier umwickelten, darauf bliesen und so gemeinsam mit dem Teufelsgeiger fast ein kleines Orchester bildeten. Das geschah zu unser aller Freude von nun an öfter, vor allem an Sonntagen. Den Lageroffizieren blieb das nicht verborgen, auch sie hatten ihre Freude daran, denn die meisten Russen lieben bekanntlich die Musik sehr.

Kurze Zeit danach wurden diese „Instrumente“ ergänzt durch eine richtige Violine! Es war unser Kamerad Oskar Fröse, der aus ihr oft wunderbare Musik zauberte. Wir standen um ihn herum und vergaßen fast, dass wir in Kimpersai waren. — Als wir erfuhren, dass es eine deutsche Geige war, erklang sie uns noch schöner. Ihre Herkunft ließ sich schnell aufklären: Als auch die Lageroffiziere das Teufelsgeigenorchester erlebt hatten, schafften sie aus sicher reichlich vorhandenem Beutegut diese richtige Geige herbei, und unser Oskar Fröse entzauberte sie für uns!

Einige Zeit verging, da kamen die Lageroffiziere auf eine Idee: ‘Die Deutschen hier könnten doch auch an Sonnabend Abenden für uns und sich spielen und singen!’ Während eines Appells trugen sie diese Idee an uns heran. Wir waren zunächst darüber alles andere als erfreut. ‘Sollen sie uns endlich nach Hause lassen, vorher spielen und singen wir nicht!’ Befehlen konnten sie uns das nicht, was hätte daraus werden sollen? Aber sie ließen auch nicht nach.

Uns Männer lockten sie mit einem Privileg: Wer mitmacht, der darf sich wieder seine Haare auf dem Kopf wachsen lassen! Vor allem uns Jüngeren war eine gewisse Eitelkeit nicht völlig abhanden gekommen, hatten wir doch unsere Frisuren schon in Deutschland vor der geforderten „Streichholzlänge“ verteidigen müssen. ‘Wie sehen wir aus, wenn wir mit einer Glatze nach Hause kommen. Und vielleicht bekommen wir als Anerkennung hin und wieder auch einmal einen Essensnachschlag.’ Es war also in dieser Lage, das muss der Wahrheit zuliebe zugegeben werden, nicht nur ein Bedürfnis nach Kultur, was mich und sicher auch die meisten anderen zunächst dazu bewog, den Widerstand aufzugeben.

Ich hatte in der Schule eine Eins in Musik und war eifriges Mitglied des Schulchores gewesen. Mein Klassenlehrer, Herr Heusmann, Leiter der Danziger Rundfunkspielschar, war unser Chorleiter gewesen. Dann hatte ich im Danziger Stadttheater als Statist mitwirken dürfen, und zwar als Fischerjunge in der Oper „Enoch Arden“ und als Page in dem Schauspiel „Die Infanten“. Daran erinnerte ich mich wieder, und so meldete auch ich mich, um mitzumachen.

Wir waren mehrere Jungen, die sich zu einer Gruppe zusammenfanden und Schlager mehrstimmig sangen, welche wir noch aus der Heimat kannten. Dazu gehörte auch Harald Leitner, etwas jünger noch als ich. Wir kannten uns schon aus Danzig, denn er wohnte auf Brabank, einer Parallelstraße der Wallgasse. Auch unser lustiger schmucker Matrose Hein gehörte dazu. Er brachte uns u.a. diesen Schlager bei, den wir besonders gern sangen und für den wir viel Beifall erhielten:  

Still liegt die Steppe, kein Mensch ist zu sehn, einsam und verlassen liegt die Farm,

nur auf der Treppe, wen kann man dort sehn? Pedro, die Gitarre im Arm.

Und der Wind pfeift die Bitten Johannas ihm vor und flüstert ihm leise ins Ohr:

Pedro, lass die Gitarre erklingen, Johanna sie wartet auf dich.

Sollst ihr noch einmal ihr Liebeslied singen, dann hört sie dich sicherlich.

Sing ihr das Lied, das sie gerne gehört, das ja schon immer ihr Herz so betört,

sing ihr das Lied von Liebe und Treu, leg deine Sehnsucht hinein!

Pedro, lass die Gitarre erklingen, und sie wird glücklich sein.

(Summen ...) und sie wird glücklich sein.“

Wen wundert es, dass Hein eine unter unseren Mädchen im Lager fand, die ihn von ganzem Herzen liebte. Die Liebe währte länger als ein Jahr, bis er eines Tages sie und uns verlassen musste. Sie blieb untröstlich zurück. —

Wir wurden von unseren Kameradinnen und Kameraden liebevoll die „Zieselmäuse“ genannt, dementsprechend nannten uns die Ukrainer und Russen „Zusliks“. – Die Zieselmaus ist eine in der kasachischen Steppe lebende Hamsterart. Einmal durfte ich den Männerpart im Duett „Wer uns getraut“ singen. Das führte zu einem Spaß, wie er in Text und Melodie nicht gerade angelegt ist. Denn ich war sechzehn Jahre alt, und meine Partnerin war die damals zwar junge, aber im Verhältnis zu mir doch einige Jahre ältere Lotti Heuthe, die wir ihrer schönen Stimme wegen die „Kimpersaier Nachtigall“ nannten.

Später durfte dieses Duett in unserem Lager nicht mehr gesungen werden. Der Grund: Darin sei von Sklaven und Königen die Rede, und die gäbe es in der Sowjetunion nicht mehr. —

Unter uns befanden sich auch Berufskünstler, so der Konzertmeister des Danziger Stadttheaters Werner Creutzburg. Er war der Leiter unseres kleinen Ensembles, komponierte und textete. So war er es, der das „Bataillonslied des Lagers 1090 Kimpersai“ schuf:

                      Wir vom Arbeitsbataillon, Bruder, Schwester, Vater, Sohn,

treten morgens pünktlich an, und zur Arbeit geht es dann.

1090 ist die Zahl unsres Lagers weit vom Tal.

Auf der Steppe windgen Höhn wir zur Nickelgrube gehn

 

Alle arbeiten mit Fleiß, Tag und Nacht, ob’s kalt, ob’s heiß.

Es wird wieder gut gemacht, was der Krieg an Schaden bracht.

Unsre Arbeit ehrt uns hier, und die Pflicht heißt für und für

ihr zu dienen mit der Tat, bis die Heimkehrstunde naht.

 

Natürlich durfte ein solches Lied damals und an diesem Ort unsere Stimmung nicht adäquat zum Ausdruck bringen. Kritik an dem auch uns gegenüber schuldig gewordenen Stalin und seinem Sowjetsystem, wäre sie auch noch so versteckt worden, hätte für seinen Schöpfer und seine Interpreten schlimme Folgen gebracht. Dieses Lied jedoch durften wir singen. Werner Creutzburg hatte es uns geschenkt, und wir nahmen es dankbar an. Er hatte sich, anständig und klug, nicht dazu hergegeben, uns zu Schuldigen abzustempeln! Schon dazu gehörte Mut. Das Wort „Abschiedsstunde“ hatte er klug vermieden, sondern treffend „Heimkehrstunde“ geschrieben. –

Unsere Programme entwickelten eine ungeahnte Qualität. Aus dem Anfang mit der Teufelsgeige hatte sich ein professionelles Orchester entwickelt: Zu der Violine gesellten sich Klavier, Saxophon, Akkordeon, Schlagzeug, alles aus derselben bereits genannten Quelle. Sogar ein Fagott hatten wir, mit dem leider niemand etwas anzufangen wusste und das traurig in einer Ecke herumstand. Auch mein Versuch, ihm einen Ton zu entlocken, scheiterte kläglich. Wir hatten im Lager einen guten Frauenchor. Selbst schufen wir lustige Sketche, in denen ich ob meiner grandiosen „Bühnenerfahrung“ natürlich auch mitwirkte. Paul Warczinski, genannt Paulchen, war unser Bühnenclown. Sein Enthusiasmus ging so weit, dass er sich von dem trennte, was eigentlich unser Privileg war, und sich eine Glatze rasieren ließ, weil Haare nicht in seine Rolle passten. Er brachte uns auch außerhalb der Bühne oft zum Lachen. Wenn er einen Russen auf die Schippe nehmen konnte, so dass nur wir das merkten, dann ließ er sich diesen Spaß nicht entgehen. Ich erinnere mich noch an das Spiel, dass er mit seiner Brille und einem von ihnen in einer Wärmebude veranstaltete. Der Russe verstand absolut nicht, warum ausgerechnet er damit nichts sehen konnte. Diesem Umstand hatte es Paulchen zu verdanken, dass er seine Brille zurückbekam.

Der anfangs größte Schlafraum des Lagers, der durch die Vielzahl Toter unser aller Speiseraum geworden war, wurde am Sonnabendabend in einen Kulturraum mit einer kleinen Bühne umfunktioniert. Die Offiziere „organisierten“ einen Vorhang, unsere Spezialisten bauten die elektrische Anlage dazu, so dass er sich wie in einem richtigen Theater langsam öffnen und schließen ließ. Auch das Licht im Zuschauerraum ließ sich langsam verdunkeln und wieder erhellen, während die Bühne erleuchtet bleiben konnte. Wir „Artisten“ hatten die ganze Woche über nach getaner Arbeit fleißig geprobt – danach, spät abends, war oft der Nachschlag nicht nur ein Wunschtraum geblieben. Das Tor, das Frauen- und Männerlager sonst voneinander trennte, öffnete sich, und hinein in den Raum strömten Mädchen, Jungen, Frauen, Männer und durften sich nebeneinander auf die Holzbänke setzen. In der vordersten Reihe saß die Prominenz: Lageroffiziere und Funktionäre aus Kimpersai. Die Reaktionen sowie der Applaus vereinten alle mit uns, die wir Musik, Gesang und Spiel mit großem Eifer zum Erfolg geführt hatten. Schließlich konnte nach den Klängen unseres Orchesters auch noch getanzt werden. Für einen Abend in der Woche hatten alle Kameradinnen und Kameraden die Chance, dem unbarmherzigen Lageralltag und den schweren Gefühlen und Gedanken ein wenig zu entrinnen. Doch am Ende musste jeder wieder in seine Baracke zurück, wo die Wanzen ihn schon wieder erwarteten und das Leben und Sterben in Kimpersai seinen Lauf nahm. Für uns Akteure jedoch begannen am Sonntag und an den Abenden der Wochentage schon wieder die Gedanken und Proben für die nächsten Bunten Abende, und das war bestimmt das Wertvollste: In unserem Kopf bewegte sich manches, das unsere Chance erhöhte, normal und, wenn man großes Glück hatte, gesund zu überleben. Es war jedoch nur eine Chance, Garantien dafür gab es in Kimpersai nicht.

Ich bin mir jedoch auch im Klaren darüber, dass wir als Vorzeigeobjekt von der Lagerleitung benutzt wurden. Kam eine Kommission ins Lager, dann mussten wir die Arbeit verlassen, damit wir am Abend einen Bunten Abend gestalten konnten. Da das in einigen Fällen gar nicht möglich war, wurden wir bald zu einer Brigade, der so genannten „Artistenbrigade“, zusammengefasst. Manches wurde uns dadurch erleichtert, doch hatten wir ja auch Aufgaben zu lösen, die über das Arbeitspensum außerhalb des Lagers sehr hinausgingen. Wir sahen das nicht als eine Last an, sondern taten es freiwillig und gern. Ob das von allen anderen Kameradinnen und Kameraden im Lager auch so gesehen wurde, ist fraglich. Schon dass wir mit unserer Haarpracht damals herumlaufen durften, war für manchen, dem das versagt bleiben musste, verständlicherweise ein Problem. So ist das nun einmal mit Privilegien im Leben, ganz gleich wo und welcher Art. Je tiefer unten man im Leben angekommen ist, desto eher ist etwas eigentlich total Normales bereits ein Privileg.

Zur gleichen Zeit, das soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, starben immer noch viele unserer Kameradinnen und Kameraden, und die Leichentransporte gingen weiter. Kunst gehört zweifellos zum Leben eines Menschen, aber von Kunst alleine kann er nicht leben.

Dem Kontinentalklima entsprechend, war es Ende September in Kimpersai nahezu ohne Herbst Winter geworden. Über Nacht waren die Temperaturen auf Minus zehn Grad gesunken, und weiter ging es sprunghaft abwärts, so dass wir bald minus vierzig Grad und oft genug darunter ertragen mussten. Uns wurde aus gutem Grund untersagt, allein ins Freie zu gehen. Mindestens einer musste dabei sein, so dass wir uns gegenseitig beobachten konnten, um sofort festzustellen, ob sich beim anderen die Nase, das Kinn oder die Stirn weiß färbte. Das nämlich war das erste Anzeichen einer Erfrierung, die durch kein Gefühl signalisiert wurde. Dann musste die betroffene Stelle mit Schnee gerieben werden, bis eine Rötung und das zurückkehrende Gefühl, ein Schmerzgefühl, wieder anzeigten, dass die Erfrierung abgewehrt worden war. Füße und Hände jedoch konnten nicht beobachtet werden. Erfrierungen verschiedenen Grades waren an der Tagesordnung.

Bis dahin hatten wir unsere Kleidung tragen müssen, die wir aus der Heimat mitgebracht hatten und die uns Lewanzyk übrig gelassen hatte, abgesehen von leinener Unterwäsche, die uns inzwischen zur Verfügung gestellt worden war. Damit hätte keiner von uns den kasachischen Winter überleben können. Wir waren aber doch nach Kasachstan deportiert worden, um zu arbeiten. Also mussten wir Kleidung erhalten, die unser Überleben ermöglichte. Viele bekamen eine Wattehose, eine Wattejacke, eine wollene Gesichtsmaske und ein Schapka sowie Fußlappen und alle ein Paar Filzstiefel. Bis auf die Gesichtsmaske und die Fußlappen war alles bereits gebraucht und geflickt. Den Empfang mussten wir mit unserer Unterschrift auf einer Liste der üblichen Art (Packpapier) quittieren. Wir bekamen aber heraus, dass ursprünglich neue Kleidung für uns nach Kimpersai geliefert worden war. Die Offiziere der Lagerleitung hatten diese jedoch verkauft, wobei jeder Käufer ein entsprechendes gebrauchtes und schadhaftes Kleidungsstück abliefern musste. Das war in unseren Lagerwerkstätten geflickt und repariert, dann an uns ausgeliefert worden. Wir hatten den Empfang neuer Kleidung quittieren müssen. Sie wurde uns später vor unserer Heimkehr noch einmal in Rechnung gestellt. — So lernten wir in Kimpersai nie aus.

Einmal jedoch geschah zu meiner Betroffenheit folgendes: Wir wurden alle in den Speiseraum beordert. Dort wurden wir darüber informiert, dass kapitalistische Banditen unter uns gestohlene Kleidung aus dem Lager in Kimpersai illegal verkauft hätten und einer dabei erwischt worden wäre. Er wurde in den überfüllten Raum hineingeführt, –eine mit Unterwäsche behängte armselige Gestalt. Es war der mit meinem Vater befreundete M. S. Wir wurden gefragt, was mit

ihm geschehen solle. „Aufhängen...aufhängen!“ grölten einige von uns, wie damals bei unserem ersten Lagerappell. Sie mussten sich von den Offizieren auch diesmal beschämen lassen: „Nein, die Sowjetunion ist nicht Hitlerdeutschland. Er bleibt am Leben, aber er kommt in den Karzer!“ Ob M. seinen Buckel für diese Offiziere hatte hinhalten müssen, die unsere Winterkleidung massenhaft in Kimpersai verschoben hatten? Ich weiß es nicht. Tatsache war, dass er aus dem Lager gestohlene Unterwäsche verkauft hatte. Er gehörte zu den Spezialisten und hatte in der Werkstatt, in welcher er arbeitete, dieses krumme Geschäft gemacht, nicht um sich zu bereichern, sondern um seine Lagerration etwas aufzubessern. Da ich ihn durch meinen Vater bereits kannte, hatten wir auch im Lager guten Kontakt zueinander. Hin und wieder steckte er mir etwas Essbares zu. Er musste in den Karzer. Tagsüber verrichtete er Arbeiten auf dem Gelände des Frauenlagers. Dort winkte ich ihn heimlich an den beide Lagerteile trennenden Zaun und gab ihm in meiner Konservenbüchse etwas Suppe, die ich ihm von meiner Ration übrig gelassen hatte. Er schlürfte sie gierig und, um nicht entdeckt zu werden, schnell in sich hinein. Wir blieben trotz unseres Altersunterschiedes die „alten“ Freunde. Nach der Karzerhaft kehrte er zu seiner Arbeit als „Spezialist“ zurück und war dann auch wieder mir gegenüber der Gebende.

Gleich zu Beginn des Winters tobten die für die kasachische Steppe charakteristischen Schneestürme, Buran genannt. Nicht nur, dass Schnee in Unmassen auf uns herab fiel, er wurde durch den unablässigen starken Wind über die Steppe getrieben, so dass man nur wenige Meter weit sehen konnte und um einen herum alles zu einer undurchdringlich weißen, dahinstürmenden Gewalt wurde. Meterhohe Wehen lagerten sich dort ab, wo sich etwas dem Schneesturm entgegenstellte, ein Haus, eine Baracke, ein Zaun und ähnliches. Bald war unser Lager vollkommen zugeschneit. Der das Lager umgebende Stacheldrahtzaun und die Barackendächer bildeten auf gleicher Höhe eine Ebene. Wir mussten Stufen schaufeln, um in den Barackeneingang hinab zu steigen. Wenn nachts der Buran tobte, stellten wir Wachen auf, welche die Barackeneingänge in den frühen Morgenstunden von draußen freizuschaufeln hatten. Der Schnee speicherte aber auch die spärliche Wärme unseres eisernen Grudekohleofens in der Baracke. Kohlearbeiten auf dem Grubenbahnhof waren eine begehrte Arbeit. Denn dann brachten wir golden glitzernde Karaganda-Steinkohlenstücke mit, was von den Posten toleriert wurde.

Dieser für uns erste sehr strenge kasachische Winter war besonders hart. Der Zugtransport mit der Winter-Lebensmittelversorgung für ganz Kimpersai war in weiter Entfernung im Schneesturm mitten in der Steppe stecken geblieben. Die Vorräte zu bergen war unmöglich. Ebenso unmöglich war es, auf anderem Wege Lebensmittel heranzuschaffen. Bis zum April waren wir von der Außenwelt abgeschlossen. So mussten wir, aber auch viele andere in Kimpersai von dem leben, was da war, und das war total unzureichend, so dass sich die ohnehin besorgniserregende Versorgungslage noch mehr zuspitzte. Die Suppe bestand bald nur noch aus sauer eingelegten Tomaten, Pomidore genannt, und Wasser. Hatte sich ein kleines Stück Kartoffel darin verloren, dann war es zuvor gefroren gewesen. Fleisch, schon vorher mit bloßem Auge selten wahrzunehmen, hatte sich als Nahrungsmittel für uns verabschiedet. Die Suppe war völlig erblindet, denn Fettaugen besaß sie nicht. Die Bestandteile des Brotes ließen sich nicht mehr definieren. Es war wie ein nasser Schwamm, zusammengedrückt bildete es nur noch einen kleinen feuchten Klumpen grünlicher Färbung. Schlimm war es nicht nur für uns Gefangene. Auch in Kimpersai herrschte der Hunger, außer bei den Offizieren und Natschalniks. Zum Glück gab es dort kaum Kinder.

Für uns bestand die Arbeit fast nur noch aus Schneeschaufeln. Die Halden der Nickelgrube mussten nach Möglichkeit so weit vom Schnee befreit werden, dass abgesprengter und verladener Abraum dort abgekippt werden und die Geleise weiter verlegt werden konnten. Nach einer knappen halben Stunde mussten wir eine der Wärmebuden aufsuchen, wo in der Mitte ein eiserner, mit Holz oder Steinkohle beheizter Ofen stand, der unsere Glieder wieder auftaute.

Dort trafen wir auch, das konnte unter diesen Bedingungen nicht mehr verhindert werden, auf Tschetschenen, die uns freundlich auf mohammedanische Art begrüßten. Wir jedoch waren gewöhnt, uns mit den Ukrainern in unserer Muttersprache zu verständigen, so dass wir es kaum gelernt hatten, Russisch zu sprechen. Auch sie waren des Russischen nicht besonders mächtig, so dass die sprachliche Verständigung schwierig war. Sie gaben uns jedoch mit Gebärden, Zeichen und den wenigen russischen Worten, auf die wir uns einigen konnten, zu verstehen, dass sie unsere Freunde seien. Mit den Sowjets hatten sie nichts im Sinn, wie sollten es bei ihnen auch anders sein?

Für etliche von uns, Frauen und Männer, zu ihnen gehörte auch ich, wäre ein Tag dieses Winters beinahe der letzte unseres Lebens gewesen. Als wir an diesem Morgen das Lager verließen, hatte sich bereits die Sonne über den Steppenhorizont klar sichtbar erhoben. Ihre Strahlen ließen fast erahnen, dass sie ja eigentlich Wärme zu spenden in der Lage waren. Der Höhepunkt dieses Winters war noch nicht überschritten. Der Schnee hatte die Steppe in dieser für uns nicht enden wollenden harten Zeit meterhoch überzogen, doch war er an der Oberfläche durch den ständig darüber hinweg streichenden eisigen Wind hart geworden. Obwohl uns Wolodja, ein Ukrainer, diesmal quer durch die Steppe zu unserer Arbeit führte, konnten wir in unseren Filzstiefeln die Schritte setzen, ohne im Schnee einzusinken. Wir alle mochten diesen Ukrainer wegen seiner menschlichen und freundlichen Art, die uns unser Los etwas erleichterte, besonders gern und nannten ihn liebevoll Wowa. Er packte bei der Arbeit stets mit zu und ermutigte uns dabei. Auch unsere Frauen mochten ihn sehr - er war ihnen gegenüber taktvoll, hatte sympathische Gesichtszüge und ein gepflegtes Äußeres. Dieser Tag schien so angenehm zu werden, wie das unter unseren Bedingungen überhaupt möglich war.

Die Steppenlandschaft lag in ihrer ganzen winterlichen Pracht ruhig vor uns, kaum dass der sonst scharfe, nicht enden wollende gleichmäßige Wind sanft darüber hinwegwehte. „Kinder, heute geht’s an die Bahnstrecke dort hinten, wieder einmal Schnee schaufeln“, klärte uns Wowa auf. Wir konnten sie vom Lager aus in der Ferne wahrnehmen. Sie führte in südwestlicher Richtung bis hin zum Kaspischen Meer nach Baku und nach Nordosten in die Weiten Sibiriens. Vor allem Öltransporte zogen auf diesen Geleisen ihre Bahn.

An dieser Strecke hatte ich schon einige Male Geleise warten müssen. Dabei fuhren auch Transportzüge an uns vorüber, wie wir sie aus eigner bitterer Erfahrung sehr gut kannten. Sie hatten Menschen geladen. Wir konnten an denen, die an den etwas zurückgezogenen Waggontüren standen, erkennen, dass sie in die erdigen Uniformen der Roten Armee gekleidet waren. Von den Ukrainern erfuhren wir, dass es ehemalige sowjetische Kriegsgefangene aus Deutschland waren, die dem Stalinschen Befehl zuwider gehandelt hatten, der ihnen unter allen Umständen verbot, sich den Deutschen zu ergeben. Sie fuhren in nordöstliche Richtung, in irgendeinen der vielen Gulags.

Die Schaufeln geschultert, so zog unsere graue Kolonne dem uns diesmal zugedachten Streckenabschnitt entgegen. Gesichtsmasken brauchten wir heute nicht überzustülpen, sie wären uns nur lästig gewesen. Außerhalb unmittelbarer Sichtweite des Lagers bildeten wir bald lockere kleine Gesprächsgruppen. Wen wundert es, wenn uns die Schönheit dieses Wintertages damals kaum bewusst wurde? So war auch diesmal Essen unser Thema Nummer eins.

So ist das nun einmal, wenn Hunger der ständige Begleiter ist. Selbst unsere Träume wurden von diesem Thema beherrscht. Im Traum aß man die herrlichsten Speisen. Wenn dann zum Wecken an das Stück Schiene geschlagen wurde, kehrte viel zu schnell das unser Bewusstsein beherrschende Hungergefühl zurück. Wie andere dachte auch ich über das nach, was mich zu Hause nie interessiert hatte: ‘Welche Zutaten gehörten zu dieser oder jener Mahlzeit, die von der Mutter zubereitet worden war?’ Die Ergebnisse dieser Gedanken tauschten wir dann aus. Heute weiß ich, dass wir das nicht hätten tun dürfen, denn unsere krankhafte psychische Situation wurde dadurch nur noch verschärft. Als damals kaum Siebzehnjähriger war ich zu solchen Einsichten und solch geistiger Disziplin nicht fähig Doch bin ich auch heute, nach fünfzig Jahren, davon überzeugt, dass in einer solchen Lebenslage Derartiges keine Frage des Lebensalters ist.

Schließlich hatten wir den für uns bestimmten Streckenabschnitt erreicht. Wir wussten bereits aus Erfahrung, was wir zu tun hatten: Die etwa ein einen halben Meter hohen Schneezaunsegmente, die sich, schräg gegeneinander gestellt, zu stützen hatten, waren ein weiteres Mal unter der Schneedecke verschwunden und hatten so ihre Funktion wieder eingebüßt. Der Schnee war über sie hinweggefegt und hatte sich auf den Geleisen Halt gesucht. Die Strecke musste vom Schnee befreit und die Zaunsegmente mussten ausgegraben und auf der Schneeoberfläche neu gegeneinander gesetzt werden. Sicher war es nicht das letzte Mal in diesem harten Winter, so dass diese Arbeit wie an Tagen zuvor mit Sicherheit wieder einmal sinnlos war. An besonders schneegefährdeten Stellen waren meterhohe Schneezäune in die Steppe gesetzt. Der Sturm hatte einzelne Latten gelöst. Wir mussten über die noch festen hinaufsteigen und die losen wieder an den Stangen links oder rechts befestigen mit „Nägeln“, die wir einzeln aus Draht gefertigt hatten. Da diese naturgemäß keinen Kopf hatten, wurden die Drahtenden einfach umgeschlagen. Richtige Nägel gab es nicht.

Einzelne ältere Kasachen, kleinwüchsig, sonnengegerbtes Gesicht, mandelförmige braune Augen, ein etwas längerer Spitzbart, hatten sich ebenfalls zur Arbeit eingefunden. Sie waren Viehzüchter und lebten im Sommer als Nomaden in ihren tierhäutigen Jurten. Im Winter zogen sich alle mit ihren Schaf- und Rinderherden sowie mit ihren kleinen Steppenpferden in die Dörfer zurück. Dann übernahmen einige von ihnen auch andere Arbeiten, um sich ein paar Rubel dazu zu verdienen. Dabei kamen wir mit ihnen in Kontakt und lernten sie als gutmütige, freundliche Menschen kennen.

Während des Sommerhalbjahres lebten in den weit voneinander entfernt liegenden Kasachendörfern nur Alte, kleine Kinder und Kranke. Ihre militärdiensttauglichen Söhne dienten noch in der Roten Armee und wurden nur allmählich demobilisiert.

Der sonnenüberstrahlte milde Wintertag ließ uns in unserer Arbeit gut vorankommen. Es war ein Tag, an dem selbst wir etwas ausgelassen waren. So erlaubten wir Jungen und Männer uns mit den Kasachen Späße besonderer Art. Dass sie an unserer für sie fremden Sprache interessiert waren, kam unserem Übermut entgegen. Wir winkten sie zu uns heran, rüsteten sie mit frivolen Sprüchen aus und schickten sie als nichts ahnende Überbringer dieser frechen Botschaft zu unseren Frauen und Mädchen. Die hatten so auch etwas zu lachen und revanchierten sich auf die gleiche Weise. Wowa teilte unsere Späße.

Es hätte nicht mehr all zu lange gedauert, und wir wären nach erledigter Arbeit mit Wowa wieder ins Lager zurückgekehrt. Da bemerkten wir, dass die Kasachen unruhig wurden. Sie zeigten auf den fernen Horizont in westlicher Richtung: „Buran…, Buran!“ Wir sahen in der ganzen Länge darüber einen dunkelgrauen schmalen Streifen, der allmählich breiter wurde. Die Kasachen verließen uns. Spätestens jetzt hätten auch wir eiligst aufbrechen müssen! Doch Wowa ließ uns weiterarbeiten, keiner von uns ahnte etwas vom Ernst unserer Lage. Der dunkelgraue Streifen, Wowa und wir ließen ihn dennoch nicht aus den Augen, wurde breiter und breiter.

Als Wowa uns die Arbeit abbrechen lässt und wir in die Richtung aufbrechen, in der wir das Lager vermuten, ist es auch schon zu spät. Wie auf ein Kommando bricht der Buran los und hüllt alles ringsum in ein einziges Weiß, in dem Himmel und Erde miteinander verschmelzen. Wir formieren uns zu einem langen Zug, in dem einer hinter dem anderen, die Schaufel gegen den Schnee vor dem Gesicht, Schutz sucht. ‘Hätte ich jetzt nur meine Gesichtsmaske dabei!’ So kämpfen wir uns Schritt für Schritt voran. Der Schnee haftet an unserer Kleidung, unsere Augenbrauen und Wimpern vereisen, wir müssen sie immer wieder von dieser Last befreien.

Die Reihenfolge jedes einzelnen in diesem Zug wird zunehmend von dessen Kondition bestimmt. Wowa an der Spitze sehe ich längst nicht mehr. Wieder und wieder bleibt er jedoch stehen, bis die Reihe aufgeschlossen ist. Kilometerweit kämpfen wir uns vor, längst müssten wir das Lager erreicht haben. Doch nichts dergleichen geschieht. Ich bekomme es mit der Angst zu tun, alle anderen gewiss auch. Denn offensichtlich wird: Wir haben in dieser Buran-Wüste die Richtung verfehlt und sind orientierungslos. Ein Buran kann tagelang währen, wir wissen das. In der weiten Steppe kann man selbst in der warmen Jahreszeit verloren gehen, wenn man sich nicht auskennt. Deswegen hat niemand aus unserem Lager je die Flucht gewagt.

Da hält Wowa inne, wir alle scharen uns um ihn. Seine Freundlichkeit sonst ist der Sorge um uns und auch sich gewichen. In welche Richtung müssen wir weitergehen? Selbst wenn wir es in entgegen gesetzte Richtung versuchen und auf die Strecke stoßen, ist uns kaum geholfen. –Wir waren vor einem knappen Jahr mit unserem Transport Tage unterwegs gewesen und hatten kaum eine andere Menschenseele in der Steppe wahrgenommen

Wir am Ende bemerken jedoch übereinstimmend, dass unsere Reihe, soweit wir sie auch nur überschauen können, eine Linkskrümmung hat. Das sagen wir Wowa, der an der Kolonnenspitze diese Wahrnehmung nicht haben kann. Aber: Wie weit gekrümmt, in welche Richtung nun weiter? Stehen bleiben dürfen wir nicht! Wir legen gemeinsam fest, welche Richtung wir nun einschlagen wollen, und entscheiden: Scharf nach rechts! Die Wahrscheinlichkeit einer Fehlentscheidung ist größer als alles andere. Unsere Hoffnung auf Rettung hat den Tiefpunkt erreicht. Fremde Hilfe ist unmöglich.

Plötzlich stoßen wir auf Holzmasten, die mit der Spitze aus dem Schnee ragen, zwischen ihnen Drähte. Es ist eine Stromleitung, die wir unter diesen Bedingungen gefahrlos übersteigen können. Sie kann unsere Rettung sein! Wir müssen uns nur von den Drähten leiten lassen. Irgendwann erreichen wir dann einen Punkt, auf dem wir entweder in die entgegen gesetzte Richtung umzukehren haben oder nach Kimpersai weitergeleitet werden. Hoffnung erfüllt uns, die unsere Kräfte mobilisiert.

Dunkelheit zieht schon herauf, da auf einmal tauchen Hütten schemenhaft vor uns auf! Im Näherkommen stellen wir fest: Es ist die Tschetschenensiedlung. Nun wissen wir: das Lager ist nicht mehr all zu weit entfernt. Auch die Richtung können wir nicht mehr verfehlen, wenn wir uns etwas links halten - nur nicht all zu sehr!

Als das Lagertor vor uns geöffnet und hinter uns verschlossen wurde, fühlten wir uns dadurch zum ersten Mal erlöst. Unsere Kameraden dort waren voller Sorge. Denn inzwischen war es Abend und dunkel geworden. Sie hatten zu Recht befürchtet, dass wir im Buran orientierungslos durch die Schneewüste irrten und schließlich dort zugrunde gehen müssten. Auch die Offiziere an der Wache waren sichtlich erleichtert, denn wären wir auf diese Weise umgekommen, hätten sie sich, anders als im Sommer, wo zwei Drittel von uns durch Seuchen dahingerafft worden waren, dafür verantworten müssen.

Ein weiteres Ereignis wäre mir in diesem Winter ebenfalls beinahe zum Verhängnis geworden. Unsere Brigade hatte zu dieser Zeit die Aufgabe, den Grubenbahnhof, von wo aus die kleinen Grubenlokomotiven mit Kohle und Wasser versorgt wurden, vom Schnee freizuhalten. Die Tagesarbeit hatten wir hinter uns gebracht. Bereits tagsüber war der Wind aufgefrischt, in den Abendstunden jedoch hatte er sich zum Buran entwickelt, so dass unsere Brigade wieder ausrücken musste, um die Gleisanlage bis hin zum Kohlenbunker und der Wasserversorgung möglichst befahrbar zu halten. Jeder von uns hatte eine Teilstrecke freizuschaufeln. Das war unter diesen Bedingungen ein sinnloses Unterfangen. Meine Strecke befand sich in Nähe des Kohlenbunkers.

Inzwischen war es dunkel geworden. Das trübe Licht des Grubenbahnhofs bemühte sich erfolglos, den Buran zu durchdringen, der mir von vorn ins Gesicht peitschte. Ich kämpfte mit der mir verbliebenen Kraft gegen diese Übermacht.

Plötzlich höre ich einen Schrei! Da fühle ich auch schon die Puffer der Grubenlokomotive in meinem Rücken! Im Sekundenbruchteil reagiere ich, renne nach vorn und wage instinktiv einen Sprung nach rechts. Jeden Moment müssen die Lokomotivenräder meine Beine überfahren!! Ich liege da im Schnee, jedoch nichts dergleichen geschieht!

Der Konduktor (Schaffner), der auf der kleinen Plattform vorn an der Lokomotive gestanden hatte, war abgesprungen und kümmerte sich um mich. Er war es auch, der im letzten Augenblick, vorher hatte er mich bei dem Buran nicht wahrnehmen können, den in diesem Gegensturm für mich kaum wahrnehmbaren Schrei ausgestoßen hatte. Ich wurde von ihm in die Wärmebude auf dem Grubenbahnhof geführt. Mich hatte ein Schock gepackt, so dass ich in dieser Nacht nicht noch einmal eingesetzt werden konnte. —

Zu meiner Rettung hatte auch beigetragen, dass ich mich in der Nähe des Kohlenbunkers befand, wo die Lokomotive ihr Tempo bereits herabgesetzt hatte. Vor allem: Ich muss einen Schutzengel gehabt haben!

Während des kasachischen Winters musste ich zwei Geburtstage erleben. An den siebzehnten erinnere ich mich noch heute, und das sogar auch angenehm. Nachdem die Arbeit in der Kälte beendet war, trat eine unserer Frauen an mich heran. Ich war ihr schon öfter in Banjanähe begegnet, denn sie arbeitete dort. Wenn sich Gelegenheit dazu bot, suchte sie immer wieder das Gespräch mit mir und schaute mich dabei gedankenvoll an. Vielleicht erinnerte ich sie, deren Namen ich nicht einmal wusste und weiß, an ihren Sohn, den sie möglicherweise in der Heimat hatte zurücklassen müssen. Ich fragte sie niemals danach, denn dann wäre sie gewiss traurig gewesen.

Dieser siebzehnte Geburtstag war fast vorbei, und ich war froh darüber, denn es war ein Tag weniger bis zu meiner erhofften Heimkehr, und ich wünschte mir besonders an diesem Tag, zum nächsten Geburtstag wieder zu Hause zu sein. Keiner hatte mir bisher gratuliert, denn wer sollte das auch wissen? Und zum Gratulieren gab es unter diesen Umständen wahrhaftig keinen Grund.

Da kam sie zu mir, schaute mich freundlich an, reichte mir ihre rechte Hand und sagte zu meiner Überraschung: „Lieber Manfred, ich wünsche dir alles Gute; bleibe gesund, und hoffentlich können wir alle bald heimkehren!“ In ihrer Linken hielt sie ein paar neue wollene Strümpfe: „Die schenke ich dir zu deinem Geburtstag!“ Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte, und weiß auch heute nicht mehr, was ich vor Aufregung gesagt habe. Hoffentlich habe ich mich wenigstens bei ihr bedankt! Woher wusste sie von meinem Geburtstag? Wir hatten uns einige Male unterhalten: wie ich heiße, wo ich in Danzig gewohnt habe, ob ich schon einmal eine Freundin gehabt habe..., und dabei hat sie mir wohl den dritten Januar als meinen Geburtstag entlockt. Die Strümpfe hatte sie aus Wollresten, an die sie bei ihrer Banjaarbeit herankam, selbst gestrickt. Ich bewahrte sie als eine Kostbarkeit, denn das waren sie für mich in einem doppelten Sinne: als unerwartetes Geschenk und wertvolles Kleidungsstück. Deshalb zog ich sie erst einmal nicht an. Für dieses Jahr hatte ich ja Fußlappen, und die waren noch ziemlich neu. Wer wusste, wie es mir im nächsten Winter erging. —

Sooft der Winter uns auch noch peinigte: So schnell, wie er am Ende des Sommers gekommen war, verabschiedete er sich an seinem eigenen Ende von uns. Die Temperaturen erreichten sprunghaft die Null-Grad-Grenze und eilten darüber hinaus. Tagelanger Regen erledigte den Rest. Die Nickelgrube versank in lehmigem Schlamm, der Geleisen keinen Halt mehr bot, so dass dort zu arbeiten zunächst unmöglich war. Ich war außerhalb von Kimpersai eingesetzt, wo eine neue Bahnstrecke abzweigte und von uns immer weiter in die Steppe hinausgebaut werden musste, keiner wusste wohin. So froh wir darüber waren, dass der Winter endlich vorbei war, doch nun quälte uns unablässiger Regen. Das schlimmste daran war, dass wir nur das besaßen, was wir auf dem Leib trugen, und dass wir uns mit den pitschnassen Kleidungsstücken nachts auch noch zudecken mussten. Kaum dass sie durch unsere Körperwärme getrocknet waren, ging es am nächsten Morgen wieder auf die Strecke hinaus.

Einige Tage konnten wir nicht aus dem Lager hinaus. Die Schneemassen hatten sich in Bäche und Flüsse verwandelt. Kimpersai war vom Lager aus kaum mehr erreichbar, so dass die Lebensmittelversorgung, ohnehin das größte Problem dieses Winters, noch schwieriger wurde.

Doch jedes Ding hat mindestens zwei Seiten. Und so war es auch diesmal. Viele Männer und Jungen unseres Lagers, so auch ich, wurden damit beauftragt, das Brot für die nächsten Tage aus der etwa zwei Kilometer entfernten Bäckerei in Kimpersai ins Lager zu tragen. Wir mussten im Gänsemarsch gehen und jeden aus dem Schlamm ragenden Halt nutzen. Sofort ahnten wir, dass sich uns eine einmalige Chance bot. Aber wie?

Die Bäckerei erreichten wir mit dem Geruchssinn eines Schäferhundes. Jedem wurden zwei noch backwarme Brote aufgeladen, und zurück ging es in Richtung Lager. Das war zuviel für unseren Hunger und unsere schwachen Nerven: ein rundes, hohes, frisch duftendes Brot nicht nur in jedem Arm, sondern zugleich auch unter der Nase und damit unmittelbar vor dem Mund!!! Dieser Versuchung waren wir in Kasachstan nicht gewachsen. Wir hatten es nicht eilig, ins Lager zurückzukehren. Einer beobachtete den anderen und jeder entwickelte seine Methode, ohne eine freie Hand die deckelförmige Brotkruste zu lösen, um zunächst nur ein einziges Mal von dem Brot im Innern zu naschen. Denn niemand im Lager durfte das bemerken! ‘Einmal ist keinmal.’ Das dachten wir immer wieder, und immer wieder handelten wir danach. Schließlich war uns alles egal. ‘Wenn es schon auffällt, dann kommt es auf mehr oder weniger auch nicht an!’

Als wir vor dem Lagertor ankamen, waren viele der Brote hohl, der „Deckel“ möglichst unauffällig draufgesetzt. Die Lagerwache blieb zu unserem Glück noch ahnungslos, weder dem Brot noch unseren unschuldig dreinschauenden Blicken war etwas anzumerken, denn sonst wären wir ja einzeln kontrolliert und zur Rechenschaft gezogen worden. Erst in der Küche, nachdem jeder seine „zwei Brote“ abgeliefert hatte, wurde der Fall ruchbar. Uns Brot“holern“ war es in der Magengegend wohl und unwohl zugleich. Aber keinem konnte seine „Schuld“ nachgewiesen werden, es war nicht einmal nachvollziehbar, wer alles bei dieser Aktion dabei gewesen war. Doch neues Brot hatte das Lager nicht zu beanspruchen. Die Folge war, allen im Lager, auch denen, die bei dieser Aktion nicht dabei gewesen waren und deshalb der Versuchung nicht hatten erliegen können, wurde die Brotration entsprechend gekürzt. Ich würde heucheln, schriebe ich heute, dass ich diese Ungerechtigkeit ob meines eigenen Verschuldens damals bereut hätte. Im Gegenteil, ich befürchtete, dass diese Gelegenheit sich niemals wiederholen würde, und damit sollte ich leider recht behalten.

Es war inzwischen Frühling geworden. Vor einem Jahr waren wir in Kimpersai verzweifelt angekommen. Dennoch hatten wir damals nicht geahnt, dass so viele, viel mehr als die Hälfte, dieses erste Jahr nicht überleben würden. Nun wuchs über sie die Steppe neu, bis in alle Ewigkeit, es sei denn, dass auch dort einmal Nickelvorkommen entdeckt würden.

Vorher hätte sich niemand von uns vorstellen können, was er alles aushalten kann. Wie dem auch war: Wir hatten dieses Jahr überlebt und mussten mit dem Kimpersaier Lagerleben mehr übel als wohl zurechtkommen. Würden wir in diesem Jahr endlich heimkehren dürfen?

Den Winter über waren wir durch die unüberwindlichen Schneemassen von der Außenwelt abgeschlossen gewesen. Wir hatten sogar Ruhe vor den Kommissionen. Irgendwo in der Steppe lag auf der Strecke unser Lebensmitteltransport.

Eines Tages Anfang April. Wir, Männer und Frauen, arbeiteten an der neuen Bahnstrecke, da hörten wir aus der Ferne das Brummen von Flugzeugmotoren. Es wurde immer lauter. Wir entdeckten bald mehrere einmotorige Propellermaschinen, die niederkamen und unweit von uns mitten in der Steppe landeten. Ihnen entstiegen einige Leute, uniformierte hohe Offiziere und Zivilisten, vermutlich hohe Natschalniks. Sie wurden von herbeieilenden Jeeps nach Kimpersai gebracht.

‘Die kommen bestimmt wegen uns, und wir dürfen bald nach Hause!’, so deuteten wir dieses Ereignis. Weshalb sie wirklich gekommen waren, das sagte uns niemand. Doch merkten wir in den nächsten Tagen, dass die Flugzeuge auch mit uns etwas zu tun hatten. Und zwar hatten sie Lebensmittel geladen, Fleisch, Wurst, Speiseöl, Körner- und Hülsenfrüchte, für den Ort Kimpersai und auch für das Lager. Seit September war das der erste Lebensmitteltransport, der uns erreichte.

Konservenbüchsen waren längst von verzinkten Essgefäßen abgelöst worden. Die Suppen darin änderten mit einem Schlag ihre Qualität. Die Pomidorisuppe war bisher ein wenn auch nicht sättigendes so doch wenigstens harmloses Getränk, das seine Temperatur dampfend offenbart hatte. Doch nun schwamm auf einmal auf der Suppe um einige Wurststücke herum heimtückisch ruhig eine dicke unverdächtig heiße Ölschicht, so dass ich mir erst einmal tüchtig den Mund verbrannte. Der jedoch beruhigte sich bald wieder, zumal ich diese Gefahr gleich erkannt hatte und mich danach verhielt. Doch mit einer geringen zeitlicher Verzögerung, dafür umso intensiver, machte sich mein Innenleben schmerzhaft und folgenreich bemerkbar, wie ich das von den Ruhrzeiten vor einem knappen Jahr noch in Erinnerung hatte. Vielen anderen von uns erging es genau so. Ich hatte so die Erfahrung gemacht, dass man einen langen Löffel benutzen muss, um einen langen, großen Hunger zu besänftigen. Bald war auch das kein Problem mehr für uns, denn der Fettgehalt der Suppe hatte nach einigen Tagen wieder ein Maß erreicht, bei dem sich nur ein Blinder den Mund verbrannt hätte und von dem auf das Innenleben kaum mehr eine Wirkung ausging. Die größte Not des Winters hatten wir jedoch überstanden. Eines Tages war auch der für die Winterversorgung bestimmte Lebensmitteltransport in Kimpersai eingetroffen. Wir konnten die Wölfe verstehen, die davon nichts mehr übriggelassen hatten. —

Die offiziers- und natschalnikbeladenen Flugzeuge hatten jedoch auch folgende darüber hinausgehende Bedeutung für mich und eine Reihe meiner Kameraden: Eines Morgens erwarteten uns vor dem Lager einige LKW. Wir, etwa achtzig Männer und Jungen, mussten das Wenige, was wir besaßen, – ich hatte inzwischen immerhin ein Paar neue Wollstrümpfe – mitnehmen und die für uns bestimmten LKW besteigen. Wir fuhren durch Kimpersai, entlang der Bahnstrecke, die auch wir erbaut hatten, etwa fünfunddreißig Kilometer weit. Nahe einer Nickelgrube und einem Verwaltungs-Rohbau, neben einer langen Baracke aus Sperrholz, mussten wir absteigen.

Frei und doch gefangen

Fast ebenso muss es 1941 den Ukrainern ergangen sein. Nur war jetzt der Krieg seit einem Jahr beendet, die Trennung von unseren Lieben und unserer Heimat, das große Sterben lagen hinter uns, und, auch ein bedeutender Unterschied zu ihnen, wir hatten den Sommer vor uns. Auch wenn das hier nicht gerade nach Heimkehr aussah, so gewannen wir doch neue Hoffnung. Irgendwann würde es für uns doch eine Heimkehr geben!

Außer uns gab es hier weit und breit kaum jemanden: einige Russen – zumeist Natschalniks, Mitarbeiter der Grubenverwaltung, Kraftfahrer der amerikanischen Abraumkipper, Baggerführer – und Ukrainer, die uns auch hier bei der Arbeit anleiteten. Am Abend verließen die meisten diesen einsamen Ort, und wir waren unter uns.

Dieser Ort in der Einsamkeit hatte sogar einen Namen, den ihm Kasachen einst gegeben hatten: Taikent, was soviel heißt wie entlaufenes Fohlen.

Ukrainer wiesen uns in die Baracke ein. Im Innern hatte sie ebensolche nackten Pritschenreihen, wie wir sie vom Kimpersaier Lager her gewöhnt waren. Im Mittelgang stand ein gusseiserner Ofen. Firmen- und Ortskennzeichnung darauf ließen erkennen, dass auch er die lange Reise aus Deutschland hinter sich hatte, was ihn uns von vornherein vertraut erscheinen ließ. Andererseits deutete seine Existenz in dieser Baracke auf den nächsten Winter hin, und da hatte ich nach den gerade erst hinter uns liegenden Erfahrungen ernste Bedenken: ‘Wie sollen wir das hinter diesen dünnen Sperrholzwänden dann aushalten? Da wird uns auch ein deutscher Ofen nicht helfen können!’

Zu dem stacheldrahtumzäunten Lager gehörten außer der Sperrholzbaracke auch ein Schuppen aus dem gleichen „Baumaterial“, er diente als Küche, und ein Motor mit Generator zur Stromerzeugung für die Beleuchtung. Die ortsübliche Waschanlage stand im Freien.

Die Wachmannschaft bestand aus uniformierten Frauen. Für sie war ein Zelt außerhalb des Lagers aufgebaut worden.

Hatten wir in Kimpersai gedacht, dass sich der Standard unseres Lebens auf der untersten Stufe befand, so stellte sich das unter den Umständen hier als ein Irrtum heraus. Jedoch war das „nur“ die äußere Seite unseres Lebens in Taikent.

Die innere Seite wurde wesentlich geprägt durch den Umstand, dass die weiblichen Posten nur nachts aufgestellt wurden, tagsüber jedoch nicht in Erscheinung traten. Wozu auch? Dieser Einsamkeit zu entfliehen war unmöglich, und um uns bei unserer Arbeit zu bewachen, waren sie nicht vonnöten. Außerhalb der Arbeitszeit hatten wir bis zum Einbruch der Dunkelheit eine gewisse Bewegungsfreiheit. Ich empfand diese „Freiheit“ im Vergleich mit der Situation im Kimpersaier Lager als positiv.

In der Nickelgrube sorgten amerikanische Bagger für das Freilegen der sehr mineralhaltigen Erdschicht und das Beladen der Kipper mit dem Abraum, der dann auf Halde abgekippt wurde. Auf dieser Stufe der Tagebauentwicklung konnten wir, anders als in Kimpersai, außer zu Planierungsarbeiten kaum verwendet werden. Wir hatten vor allem andere Aufgaben zu lösen.

Hauptsächlich wurden wir bei dem mit uns beginnenden Häuserbau eingesetzt, angefangen bei der baugerechten Fertigung der von Baggern zuvor ausgehobenen Baugruben bis hin zur Fertigstellung der Rohbauten. Kies für das Ausgießen der Fundamente holten wir aus dem Bett eines unweit gelegenen Flusses. Dabei blieb auch Zeit zum Krebse Fangen, womit wir unseren im Übrigen unverändert gebliebenen „Speiseplan“ gelegentlich bereicherten. Größeres Gestein brachen wir mit Brechstangen aus einem entfernter im Südural gelegenen Steinbruch. Die Mauern wurden aus Steinen hochgezogen, wie wir sie vor einem Jahr auf dem Freigelände in Kimpersai selbst gefertigt hatten. Für diese einstöckigen Häuser mussten wir sie und auch den Mörtel auf Tragen bzw. Behältern mit Griffen zu zweit über eine schiefe Ebene auf das Baugerüst schleppen, Aufzüge gab es nicht. Ortsübliche Nägel, ohne Köpfe, mussten wir auch hier aus Draht selbst herstellen. Dafür, dass alles, den Möglichkeiten entsprechend, fachgerecht und in dort unüblich hoher Qualität von uns ausgeführt wurde, sorgte ein Maurerpolier aus unseren Reihen. Er fand besondere Anerkennung dafür, dass er in deutscher Qualitätsarbeit einen Wasserturm in exakter Rundung durch uns errichten ließ.

Quer durch die Steppe bis zu uns nach Taikent wurden von uns auch Wasserleitungsrohre verlegt, die zuvor von unseren Schweißern fachgerecht verschweißt worden waren. Der Graben war von einem Bagger mit schmaler Schaufel, ebenfalls amerikanischer Herkunft, so tief wie möglich ausgeschachtet worden. Die hier erforderliche Tiefe von 2,30 Metern konnte jedoch wegen des felsigen Untergrundes über weite Strecken so nicht erreicht werden. Hier mussten wir mit Brechstangen und Spitzhacken nachhelfen und die erforderliche Tiefe auf gleicher Ebene herstellen.

Wenige Wochen nach unserer Ankunft in Taikent kam hoher Besuch – ein Kapitän6 aus dem Stammlager in Kimpersai. Ihm eilte der Ruf voraus, ein richtiger Kommunist zu sein. Ob er das wirklich war, konnte ich nicht beurteilen. Eines aber war er: gerecht bis zur letzten unmenschlichen Konsequenz. Einerseits sorgte er dafür, dass wir nicht nur hart arbeiten mussten, sondern dass sich auch der Kaloriengehalt unseres Essens zumindest kurzfristig etwas erhöhte, getreu der Umkehrung jenes Grundsatzes: Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen. Andererseits bemühte er sich auf seine spezifische Weise um die Überwindung unserer auf Grund deutscher Herkunft, wie er meinte, zwangsläufig noch vorhandenen Überreste bourgeoisen Bewusstseins. Jeder musste das, was er nicht am Leibe trug, sondern was sich in der Baracke auf seinem Pritschenplatz befand, draußen, wo wir in einem Kreis angetreten waren, vor sich hinlegen – Posten kontrollierten die exakte Ausführung seines Befehls. Dann entschied er darüber, ob das, was von einzelnen dort abgelegt worden war, Ausdruck von dessen bourgeoisem Eigentumsdenken war. Diesen Gegenstand, den dieses Urteil traf, musste der „Kapitalist“ in die Mitte des Kreises auf einen Haufen werfen. Wir alle erwarteten nun, dass er nach der Methode des Glatzenmajors vor einem knappen Jahr im Kimpersaier Lager verfahren und auch diese nur noch armselige Habe für sich beiseite schaffen würde. Etwas Unerwartetes geschah: Er ließ diesen Haufen vor unseren Augen anzünden und uns mit ansehen, wie sich diese Armseligkeit in ein Häuflein Asche verwandelte. Auch ich hatte einen Verlust bitter zu beklagen: das Paar wollene Strümpfe, das mir bekanntlich eine unserer Frauen im Kimpersaier Lager aus Wollresten liebevoll gestrickt und zu meinem siebzehnten Geburtstag geschenkt hatte. Sorgsam hatte ich es bisher aufbewahrt. Der Kapitän stellte fest, dass ich ja meine Füße bereits in Fußlappen gewickelt hatte. Unbenutzt aufbewahrte gestrickte Strümpfe waren für ihn bereits Ausdruck meiner immer noch nicht überwundenen Besitzermoral, von der er mich auf diese Weise „befreien“ wollte. – Auf die Idee, dass wir schlimmer als Sklaven ausgebeutet wurden und leben mussten, er als Kommunist doch eigentlich dagegen hätte kämpfen müssen, kam er in seiner Fanatisierung offensichtlich nicht. Sie hatte ihn gegenüber der Entartung dieser Ideologie blind werden lassen

6 Offiziersdienstgrad in der Sowjetarmee (Hauptmann)..  

Was brachte uns die „Freiheit“ in Taikent über das bloße Gefühl hinaus, weitgehend uneingeschränkt durch Stacheldraht und Posten leben zu dürfen? Wir Jungen nahmen die Steppe für uns in Besitz. Nach getaner Arbeit durchstreiften wir sie, oft kilometerweit von unserer Baracke entfernt. Dabei erlebten wir den Steppenfrühling: Weite Gebiete waren übersät mit duftenden Blüten, die niemand von uns zuvor gesehen hatte, darunter auch weite Flächen niedrig wachsender Steppentulpen. Nicht allzu weit entfernt, in einzelnen Senken, stießen wir zu unserer Verwunderung auch auf kleine Seen, in denen sogar Schildkröten und Hechte herumschwammen. Diese Seen waren offensichtlich aus der Zeit der Schneeschmelze übrig geblieben, in der Flüsse die Täler durchzogen hatten. In den wenigen Wochen seitdem waren die Temperaturen in diesem Steppengebiet so hoch gestiegen, dass wir Jungen, aus unserer Ostseeheimat deportiert, es uns nicht nehmen ließen, uns unserer Kleidung zu entledigen und in dieses bis auf den Grund glasklare Wasser hineinzuspringen. Da uns auch hier das Hungergefühl nicht verlassen hatte, tauchten wir den Schildkröten hinterher und fingen einige von ihnen. Einmal hatte ich großes Glück: Es war mir gelungen, einen Hecht an eine Stelle zwischen felsiges Gestein zu treiben, von der er mir nicht weiter ausweichen konnte. Ein wenig Furcht hatte ich schon vor diesem strammen Kerl. Doch mein Hunger half mir, sie zu überwinden. Plötzlich hatte ich ihn zwischen meinen Händen und warf ihn auf das nahe Ufer. Wen wundert es, dass unter diesen Bedingungen jeder, der bei seiner Jagd erfolgreich gewesen war, von den anderen beneidet wurde. An Tagen, wo ich erfolglos gejagt hatte, empfand ich genauso. Die Beute wurde auf freier Steppe über einem Feuer aus Baustellen-Holzresten gar gekocht, denn anderes Holz gab es in der Steppe weit und breit nicht. Einem guten Freund gab man von seiner Beute ein wenig ab, das meiste verschlang man jedoch gierig selbst, oder man ließ sich Zeit, um das Mahl länger zu genießen.

Doch wo nahmen wir das Feuer her, denn Streichhölzer gab es keine. Wir lösten dieses Problem auf die ortsübliche Weise: Jeder von uns hatte sich einen leichtfasrigen Docht und ein Stück Eisen „organisiert“, dazu einen geeigneten Stein in der Steppe gefunden. Der Docht wurde mit seinem verrußten Ende an die Steinkante gepresst, das Eisen so lange an den Stein geschlagen, bis sich ein Funke auf dem Docht eingenistet hatte. War das erreicht, musste solange darauf geblasen und das glühende Dochtende mit trockenem, feinem Steppengras verbunden werden, bis ein Flämmchen züngelte. An ihm entzündete sich schließlich das Holz. Hatte einer von uns diese Prozedur gemeistert, war er der Prometheus, der andere mit seinem Feuer versorgte.

Mit Docht, Stein und Eisen zündeten auch Raucher ihre Zigaretten an, die sie sich aus Machorka und den Überresten einer „Prawda“ oder gar dem Koran gedreht hatten. Wurde dieses von Kasachen bemerkt, dann fühlten sie sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt und reagierten heftig.

Leider gebot die unbarmherzig brennende Sonne dieser Pracht, diesen Bademöglichkeiten und Jagdzügen bald Einhalt. Die Blütenpracht versank darin, das Steppengras wurde hart, und die Seen trockneten aus.

Doch bot sich bald Jagdbeute anderer Art. Wir hatten Zieselmäuse, Zusliks, beobachtet, die aus ihren unterirdischen Höhlen hervor gekrochen waren und über die Steppe sprangen. Von den Ukrainern lernten wir, sie zu jagen, indem wir eimerweise Wasser in ihren unterirdischen Bau gossen, bis sie ihren Kopf, einen Augenblick benommen, herausstreckten. Diesen Augenblick mussten wir nutzen. Wir durften ihnen keine Zeit lassen, um sich zu beißen und die Flucht zu ergreifen. Das wurde, je weiter das Jahr fortgeschritten war, eine schöne fette Beute!

Auf unseren Streifzügen und bei Arbeiten an der Wasserleitung erreichten wir auch Steppengebiete, in denen die nomadisierenden Kasachen ihre Schafherden weiden ließen und Jurten aufgestellt hatten. Sie baten uns freundlich hinein. Wenn wir Glück hatten, bewirteten sie uns mit gerösteten Weizenkörnern und saurer Stutenmilch, die sie Arian nannten.

Auf ihren kleinen, flinken Pferden kamen sie auch bis nach Taikent, wo sie beides den Russen und Ukrainern verkauften. Unsere Kaufkraft war unserem Hunger proportional entgegengesetzt. — Doch einzelne überwanden auch dieses Hindernis: Sie hatten ein Jahr zuvor einzelne von ihren Scheinen Deutscher Reichsmark vor dem Zugriff durch den Glatzenmajor und Lewanzyk bewahrt, um sie als Andenken an die Heimat aufzubewahren. Für gerösteten Weizen oder Arian waren sie jedoch bereit, sich davon zu trennen. Doch dafür hätten die Kasachen alleine ihre Ware nicht hergegeben. Mit Unterstützung von Ukrainern gelang es den Unsrigen schließlich, die Kasachen glauben zu machen, dass es sich um neue Rubelscheine handelte, die Stalin gerade erst hätte drucken lassen.

Wenn wir, auf der Ladefläche eines LKW kauernd, über staubige unbefestigte Wege bis hinein in die Ausläufer des Südural zur Arbeit in den Steinbruch oder, was selten geschah, auf eine ferne Kolchose gefahren wurden, gelangten wir auch in die abseits gelegenen Kasachendörfer mit ihren flachen, weißgetünchten, dickwandigen und fast fensterlosen Lehmhütten. Die wenigen hier zurückgeblieben Kasachen bekamen wir kaum zu Gesicht, und wenn, dann beobachteten sie uns scheu. In jedem Dorf gab es eine Schule, die jedoch nur im Winterhalbjahr genutzt wurde. Kinder im Schulalter lebten und arbeiteten in der warmen Jahreszeit wie Erwachsene fernab als Nomaden in der weiten Steppe. Ältere Kasachen erlebten wir damals noch als Analphabeten. Sie alle waren jedoch mit den harten Anforderungen ihres Lebens inmitten dieser rauen Natur bestens vertraut. Dieses Leben hatte seine eigenen Gesetze. Zeit zählte für diese Kasachen nicht nach Minuten. Jeder trug seine eigene „Uhr“ ständig bei sich: Fragten wir einen von ihnen nach der Zeit, dann streckte er seinen Körper, fixierte seine Schattenlänge und schritt diese ab, einen Fuß vor den anderen setzend. Dann nannte er uns die Uhrzeit, wenn auch nicht auf die Minute genau. Doch das war für sein Leben auch nicht erforderlich. Diese Uhr wurde jedoch mit der Heimkehr demobilisierter Sowjetsoldaten, von denen die meisten den Siegeszug nach Deutschland mitgemacht hatten, durch eine Armband- bzw. Taschenuhr ausgetauscht. —

Die warme Zeit des Jahres neigte sich rasch dem Ende zu, so dass unsere Sorge darüber wuchs, wie wir in unserer Sperrholzbaracke den kasachischen Winter überleben würden. Diesmal hatten wir eigene Erfahrungen bereits hinter uns. Morgens, auf unseren nackten Pritschen liegend, nur mit unserer Kleidung vom Tage zugedeckt, glitzerten die mit Eiskristallen überzogenen Wände um uns. Der eiserne Ofen deutscher Herkunft gab sich die größte Mühe, doch waren ihm hier in dieser Sperrholzbaracke im fernen Taikent objektiv Grenzen gesetzt. Stand man in seiner Nähe, dann musste man darauf achten, dass die ihm zugewandte Kleidung nicht versengte, während die Rückenseite von seiner Hitze nahezu unberührt blieb. Die Nacht über musste ständig nachgelegt werden. Ich erinnere mich heute noch daran, dass einer von unseren Alten nachts, wenn er sich unbeobachtet wähnte, von seiner Pritsche aufstand, sich vor diesen Ofen aus Deutschland stellte und ihn als heimatliches Heiligtum regelrecht anbetete. Er tat uns leid. Taikent überlebte er zwar, doch ging er bald danach in Kimpersai zugrunde. Wie lange würde es dauern, bis auch unsere Psyche zerbrach?

Nichts deutete darauf hin, dass wir Taikent vor dem hereinbrechenden Winter verlassen würden, im Gegenteil: Wir mussten in einen der von uns inzwischen aufgebauten Rohbauten umziehen! Hier hatten wir ein festes Dach über dem Kopf und dicke Ziegelwände um uns herum. Der darin befindliche Ziegelofen war unter diesen Bedingungen seiner Aufgabe gewachsen, zumal es uns an Brennstoffen, Bauholz und Steinkohle, nicht mangelte.

Zur Nacht kam auch hier eine Rotarmistin, die sich, mit Karabiner und aufgepflanztem Bajonett bewaffnet, stumm aufstellte. Sie gab in dieser Aufmachung und in ihrer Unnahbarkeit eine komische Figur ab. Unser Leben führte aneinander vorbei, so dass sie für uns kein Problem darstellte.

Doch zunehmend wurde etwas anderes für uns zum Problem: Die Seen waren längst eingetrocknet, eine andere Möglichkeit zum Baden gab es nicht, denn Taikent hatte noch keine Banja. Somit kamen gewisse Tierchen immer stärker zur Wirkung: Läuse! So sehr wir nach getaner Arbeit nunmehr auf sie auch Jagd machten, unter diesen Bedingungen waren wir ihnen in keiner Weise gewachsen. Nicht wir hatten Läuse, sondern sie hatten uns. Kamerad Walke, einer von uns Jungen, betrachte ratlos die untere Seite des Kragens seiner Wattejacke und fragte mich, was das wäre: Dicht bei dicht hatten sich unzählige von ihnen dort angesiedelt.

Nicht nur sie hatten ihn nachts kaum ruhig schlafen lassen. Kamerad Walke stammte aus einem ostpreußischen Dorf. Er war mit der ganzen Familie im Treck vor der heranrückenden Sowjetarmee geflüchtet. So waren sie im Februar bis auf das Eis des Frischen Haff gekommen. Walke war von dem mit Eltern und Geschwistern sowie der letzten Habe voll beladenen Wagen gerade abgestiegen, um sich, nebenher gehend in dieser Eiseskälte, etwas warm zu laufen. Da plötzlich krachte das Eis neben ihm, und der Wagen mit seiner ganzen Last, auch menschlichen, sowie die beiden vorgespannten Pferden versanken im Bruchteil einer Sekunde unrettbar in der Tiefe. – Er lag hier in Taikent auf der Pritsche neben mir, und dieses traumatische Erlebnis plagte ihn vor allem in der Nacht.

Mitte September brach auch in diesem Jahr 1946 der Winter herein. Die Arbeit auf dem Bau nahm ihr jähes Ende. Es blieben bald nur noch die Arbeiten an der Wasserleitung. Die eisernen Rohre wurden in dieser Kälte zusammengeschweißt. Ich glaube kaum, dass diese Schweißnähte von Dauer gewesen sind. Wir mussten den Leitungsgraben vom Schnee freischaufeln und mittels eines Flaschenzuges die klirrend kalten Rohre darin verlegen, wobei wir natürlich jämmerlich froren. Wie kalt es war, dass konnten wir nur ahnen, denn ein Thermometer gab es hier nicht. So wurde die Lage für uns immer unerträglicher, unser Dasein in Taikent immer sinnloser.

Eines Tages jedoch, es muss Ende Oktober oder Anfang November 1946 gewesen sein, der Winter hatte seine volle Kraft bereits erreicht, bemerkten wir in der Ferne ein Pferdeschlittengespann. Als der Schlitten vor unserem Haus hielt, sich die Gestalt darin ihrer Pelzdecke entledigt hatte und ausgestiegen war, erkannten wir zu unserer Freude Wowa, „unseren“ Ukrainer.

 „Kinder“, sagte er, „die meisten von euch müssen zurück nach Kimpersai.“ Unter diesen war auch ich. Wie das? Auf dem Pferdeschlitten hatte außer Wowa nur noch einer von uns Platz. Die Steppe weit und breit war tief verschneit. Autos konnten längst nicht mehr fahren. Es herrschte wie immer zu dieser Jahreszeit eine grimmige Kälte. Und bis zum Lager in Kimpersai waren es immerhin ungefähr fünfunddreißig Kilometer.’ „Nun, konjeschna, wir müssen alle laufen, etwas anderes bleibt uns nicht übrig!“

Zu tragen hatten wir nichts, dem Kapitän sei Dank! Gemeinsam gingen wir am darauf folgenden Morgen los. Wowa vertraute auch uns seinen Pferdeschlitten an. Das war für niemanden mehr ein Problem, hatten wir es doch sogar gelernt, mit eigensinnigen Kamelen umzugehen. Die ersten Kilometer brachten wir ganz gut hinter uns. Doch tiefer Schnee, der beständige und eisige Steppenwind, dazu unsere armselige Bekleidung zehrten an unseren geringen Kräften. Unsere Gesichter konnten wir gegenseitig beobachten. Wurden die Nasenspitze, die Stirn. die Wangen, das Kinn weiß, dann war es so weit: Schnee gab es genug, um ihn darauf zu verreiben, bis sich diese Stelle rötete. Doch Hände und vor allem Füße waren für die meisten ein Problem, vor allem dann, wenn man die Kälte daran nicht mehr spürte und dadurch verleitet wurde, diesen Zustand zu billigen. Wowa, ließ sich zurückfallen, ging die Reihe entlang wieder nach vorn, beobachtete uns und gab uns Verhaltensmaßregeln: „Bewegt euch, lauft, schlagt eure Arme und Hände gegen euren Körper, passt auf, dass ihr eure Füße und Hände noch spürt.“ Das alles wussten wir bereits durch Erfahrung, doch sorgte er sich um uns, und das tat gut! — Er trug die Verantwortung dafür, dass jeder von uns im Kimpersaier Lager ankam. Ihr jedoch gerecht zu werden, wurde mit zunehmender Entfernung von Taikent immer schwieriger. Unsere Gruppe zog sich weiter und weiter in die Länge, bis schließlich trotz guter Sicht die Letzten nur noch wenige oder auch niemanden mehr vor sich sahen. Der Wind verwehte die Spuren zu schnell, als dass sich die Hinteren noch sicher daran orientieren konnten. Wowa fuhr mit seinem Schlitten die kilometerweit auseinander gezogene Reihe ab in der Hoffnung, dass derjenige, der sich als Letzter ausgab, auch wirklich der Letzte war. Die beiden am Ende packte er auf den Schlitten, warf ihnen die Pelzdecke über und fuhr sie an die Spitze der Kolonne. Dort setzte er sie ab, sie mussten weiter laufen, und Wowa fuhr wieder kilometerweit ans Ende, um wieder die beiden Letzten zu holen. Einmal war auch ich bei dieser „Schlittenpartie“ dabei.

Mittags kamen die ersten im Lager Kimpersai an. Ich erreichte es so gegen sechzehn Uhr. Die Letzten kamen noch vor Hereinbrechen der Dunkelheit an. Ein Glück: Keiner war auf der Strecke geblieben! Wir Taikenter wurden mit Sorge erwartet. Zuerst mussten wir in den Umkleideraum der Banja. Einer nach dem anderen fing an zu jammern, denn mit der Wärme dort schoss, wenn alles gut gegangen war, auch das Blut wieder schmerzhaft in unsere Hände und Füße. Und bei mir war alles gut gegangen. Einige wurden mit Erfrierungen in die Ambulanz eingeliefert. Kimpersai hatte uns wieder! Wie lange noch?—

Unter den in Taikent Zurückgebliebenen war auch Erich Wangler. Er schrieb mir Jahrzehnte später in einem Brief vom 5. Februar 1996: „Für uns in Taikent begann eine schöne Zeit. Kein Zaun, keine Posten, keine Arbeit und kaum etwas zu essen, dafür aber verlaust. Frühjahr 1947: Schneeschmelze, Sonnenschein; der Frühling ist da. Ein Offizier aus dem Hauptlager kommt zur Inspektion. An einem Wochenende hat uns dann ein LKW abgeholt und zum Baden, Entlausen, Glatzeschneiden und Sackrasieren (alles umsonst) nach Kimpersai gebracht. Nach dieser Prozedur ging es dann wieder zurück nach Taikent. Heinz Daniel (Er war in Taikent unser Brigadier. M.P.) durfte nicht mehr zurück. Er war bei der Kriegsmarine. Durch Verrat? — ist er dann angeblich in ein Kriegsgefangenenlager gekommen. Nun ging es mit der Arbeit richtig los. Was im Winter nicht gemacht werden konnte, musste jetzt nachgeholt werden. Dieses Arbeitstempo wurde konstant beibehalten. Im Herbst 1947 wurde das Lager Taikent aufgelöst.“

Hoffnung keimt auf

Es muss im Januar des Jahres 1947 gewesen sein, exakter kann ich nun, nach einundfünfzig Jahren, die Zeit nicht mehr bestimmen. Da verlautete durch den Lager-Buschfunk: Ein Teil von uns verlässt in den nächsten Tagen Kimpersai und wird nach Nickel verlegt. In Nickel befand sich das „Internierten“lager Nr. 1902. Es war das Hauptlager, das Lager 1090 in Kimpersai war das Nebenlager. Unser damaliger ziviler Lagerkommandant, ein Ukrainer namens Preuß, hatte uns immer wieder versichert, wie gut wir es doch in Kimpersai im Unterschied zum Lager in Nickel hätten. Einzelheiten erfuhren wir nicht. ‘Doch was kann dort schon schlechter sein? Und überhaupt: Der Buschfunk hat schon manches Gerücht verbreitet, und so wird es auch jetzt wieder sein.’

Doch es kam anders. Auf einem Appell wurden die Namen derjenigen verlesen, die an einem der nächsten Tage für den Transport nach Nickel bestimmt worden waren, Jungen, Männer, Mädchen, Frauen. Ich war dabei. Meine Sorge hielt sich in Grenzen.

In Güterwaggons, wie wir sie seit unserem Transport von Graudenz nach Kimpersai noch in schlechter Erinnerung hatten, ungeheizt, fuhren wir einige Stunden lang auf der derselben Strecke, auf der wir nach Kimpersai gekommen waren, diesmal in entgegen gesetzter Richtung und mitten im Winter. Trotz allem war ich irgendwie hoffnungsvoll, denn wenn es einmal eine Heimkehr aus Kimpersai geben würde, dann müsste sie ja auch auf dieser Strecke beginnen. — So fühlte ich mich der Heimkehr irgendwie näher gerückt. ‘Vielleicht geht es von dort aus bald weiter, zurück nach Deutschland!’ Mit Logik hatte das aus meiner heutigen Sicht kaum etwas zu tun, doch was konnte überhaupt in diesen beiden vergangenen Jahren meines jungen Lebens logischen Kriterien standhalten? Hoffnung musste her, und wenn sie aus dem Nichts geholt wurde!

Noch außerhalb von Nickel mussten wir die Waggons verlassen. In einer langen Kolonne wurden wir in Richtung Lager geführt. Vor uns tauchte eine kleine Gruppe auf, das mussten welche von dorther sein.

Doch was ist das? Ihre schleppende Art, sich fortzubewegen, lässt nichts Gutes erahnen. Im Näherkommen entdecke ich zu meinem Erschrecken: ein Leichenkommando! Mein erster Gedanke: ‘Geht das hier wieder von vorne los?’

Das hatte es in Kimpersai lange nicht mehr gegeben. Viel zu oft hatte ich dort selbst dazugehört. Schließlich war ich doch erleichtert gewesen, zu denen zu gehören, die überlebt hatten. Darauf war meine Hoffnung, doch einmal heimzukehren, gegründet. Und nun diese erste Begegnung mit dem Lager Nickel! Wir senkten die Blicke, wir hatten nichts zu fragen, und sie brauchten uns nichts zu sagen. 

So kamen wir im Lager an. Es hatte wesentlich größere Dimensionen als das Lager in Kimpersai. Eine Anzahl lang gestreckte hohe Baracken, Ziegelsteinbauten. Ein ähnlicher Küchenbau. Eine Ambulanz. Vor jeder Baracke eine Latrine. Ein großer Appellplatz. So habe ich dieses Lager noch in Erinnerung.

Wie viele „Internierte“ dort gefangen gehalten wurden, habe ich nicht erfahren. Alleine in einer solchen Baracke waren es mehrere hundert. Vier lange Pritschenreihen, unten und oben voll belegt, zwei ebenso lange Gänge jeweils in der Mitte. Ihre Insassen hatten eines gemeinsam, ihre deutsche Nationalität, nicht aber ihre Herkunft. Viele waren wie wir aus dem von der Sowjetarmee eroberten Osten Deutschlands hierher deportiert worden. Doch andere stammten aus Ungarn und Rumänien. Wegen ihrer deutschen Nationalität waren sie hier, ebenso wie wir. Untereinander hatten wir zu meiner Zeit kaum Kontakt. Wir waren zu viele. Doch war dieses Lager auch ein Durchgangslager. Aus dem fernen Sibirien kamen „Internierte“ hier an. Nach kurzer Zeit mussten sie das Lager wieder verlassen. Einmal waren es auch Frauen aus einem Lager im Fernen Osten, an der sowjetisch-chinesischen Grenze. Es waren, zu unserer Verwunderung, Berlinerinnen! —

In jeder Baracke gab es einen Lautsprecher. Aus ihm krächzte es tagsüber ununterbrochen. Sprechsendungen klangen nach agitatorischer Härte, wir konnten aus zweierlei Gründen nichts verstehen: einmal wegen der unzureichenden Übertragungsqualität, zum anderen aus Unkenntnis des Russischen. Musiksendungen hatten auf dem Weg bis in diese Baracke ihren ästhetischen Wert längst verloren. Diese Technik brachte uns also keinen Gewinn.

Jedoch wurden hier gelegentlich Zeitungen in deutscher Sprache verteilt, das „Freie Deutschland“, herausgegeben vom gleichnamigen Nationalkomitee, von dessen Existenz wir auf diese Weise erfuhren. Sie enthielten Beiträge über die Sowjetisch Besetzte Zone in Deutschland, dir wir jedoch mit erfahrungsgemäßem Zweifel zur Kenntnis nahmen, ebenso die Botschaften von der Überlegenheit sowjetischer Wissenschaft und Technik. Ich erinnere mich noch an einen Beitrag über ein Stereokino in Moskau – ein solches Kino, wie dort dargestellt, gibt es bis heute weder in Moskau noch sonst irgendwo auf der Welt. Der Glaube an den Wahrheitsgehalt der Beiträge konnte damals in uns kaum aufkeimen. Doch es waren Zeitungen in deutscher Sprache, und so las ich sie vom ersten bis zum letzten Wort.

Auf dem großen Appellplatz wurden uns, sobald der Winter vorbei war, abends Spielfilme gezeigt: sowjetische Propagandafilme, aber damals auch noch amerikanische Revuefilme, die ich mir gern ansah. Der Hunger blieb auch hier unser ständiger Begleiter.

Die meisten Arbeiten kannte ich schon aus Kimpersai, einschließlich des Einsatzes im Leichenkommando. — Die erste Begegnung in Nickel war also leider keine Ausnahme, sondern hier nach wie vor die Regel. Neu war für mich die Nickelfabrik, in die ich aber Einblick zu gewinnen kaum mehr die Möglichkeit hatte.

Kampf gegen Rechtlosigkeit und Hunger

Frühjahr 1947. Ich wurde auf einem von zwei LKW mit etwa 30 Kameradinnen und Kameraden in nordwestliche Richtung gefahren, durch den Schlamm der Straßen, durch Industriesiedlungen in ihrem grau in grau, ohne dass wir auch diesmal wussten wohin. Aus der Länge der Strecke ließ sich erkennen, dass wir nicht nur für einen Tag zur Arbeit gefahren wurden. Nachdem wir stundenlang auf der Ladefläche hin und her gerüttelt worden waren, kamen wir in einer Siedlung an, die unverkennbar durch den Nickeltagebau geprägt worden war. Größer jedoch als Kimpersai und auch älter - sie musste schon Jahre vor dem Krieg angelegt worden sein. Sie zog sich an einem langen Tal links und rechts entlang. In der Ferne konnten wir die Berge des Südural sehen. Wir waren in Ackermansk. Es hatte seinen Namen einem russischen Revolutionshelden deutscher Herkunft zu verdanken.

Die beiden LKW fuhren in ein Objekt hinein, das von einer hohen Mauer umgeben war und aus zwei lang gestreckten Gebäuden bestand, einem schon verfallenen höheren mit kleinen vergitterten Fenstern und einem noch bewohnbaren barackenähnlichen flachen. Wie sich herausstellte, waren wir in einem ehemaligen Zuchthaus angekommen. Doch, um es vorweg zu nehmen: Unser Leben in Akkermansk hatte mit dem unserer Vorgänger zum Glück wenig gemein.

Wir wurden in das barackenähnliche Gebäude eingewiesen. Es hatte Räume, die ursprünglich der Zuchthausverwaltung und der Wachmannschaft gedient hatten. Auch wir hatten aus dem Lager Nickel wenige Posten und einen für uns verantwortlichen Offizier dabei, doch mit einer Bewachung hatte das kaum etwas zu tun. Wir waren in Ackermansk so gut wie frei. —

Empfangen wurden wir vom Natschalnik der Nickelgrube, die hier unsere Arbeitsstätte sein sollte. Er war uns kein Unbekannter. Ich kannte ihn bereits von Kimpersai her, und auch in Taikent war er mir begegnet. Ein dem Range nach kleinerer Natschalnik war er auch dort schon gewesen. Ich hatte ihn in unangenehmer Erinnerung. Er kam gelegentlich auf unser Ziegelei-Freigelände, stellte sich breitbeinig in Positur und blickte von oben auf uns herab: ein rundes Gesicht, kleiner Mund, kleine Nase, kleine Augen, eitel-schnauzbärtig, solide gekleidet. Er sprach zu uns nur Russisch und ließ das von Ukrainern übersetzen. Wir wagten es, über ihn herzuziehen, denn er verstand uns ja nicht. Bis uns die Ukrainer offenbarten: „Er ist auch ein Ukrainer, versteht und spricht wie wir sehr gut Deutsch, hütet euch vor ihm, denn er ist ein falscher Hund!“ Er war mit ihnen nach Kasachstan deportiert worden, hatte sich jedoch als Karrierist von ihnen entfernt und versuchte, seine deutsche Nationalität zu verleugnen. Auch musste es ihm recht gewesen sein, dass er auf diese Weise erfuhr, wie wir über ihn dachten. Erst als er merkte, dass wir ihn durchschaut hatten, sprach er auf einmal auch Deutsch zu uns, wogegen er bei seinen Landsleuten grundsätzlich auf Russisch beharrte. Nun, mir geht es hier nicht um die Sprache, sondern um den Charakter eines Menschen, der zwar grundsätzlich von Sprache unabhängig ist, aber sich oft in seiner Sprache verrät.

Hier kam er uns ganz freundlich entgegen, stellte sich als Natschalnik unserer Arbeitsstätte, der Nickelgrube, vor, und versprach uns bessere Verpflegung, bessere Kleidung, Decken für die Nacht und eine gute Behandlung, wenn wir gut arbeiteten. Dazu waren wir nach unseren Kräften bereit, und wir waren in gewisser Weise froh, dass wir das Lager Nickel hinter uns gelassen hatten.

Wir hielten uns an unsere Zusage und arbeiteten gut, von einem seiner Leute, einem Brigadier, beaufsichtigt und angeleitet. Doch allmählich wurden wir stutzig. Täglich machten wir folgende Erfahrung: Wenn es dem Ende des uns zugesagten gesetzlichen Achtstundentag zuging und wir unsere Arbeit erledigt hatten, wies uns der Brigadier einen neuen Arbeitsabschnitt zu und gab uns zu verstehen: Das müsste unbedingt noch erledigt werden, damit der Bagger am nächsten Tag an die Nickelerde herankäme. Erst wenn wir damit fertig wären, dürften wir ins Lager zurückkehren! Zunächst waren wir bereit, das einzusehen, und folgten seinen Anweisungen. Genau so erging es der Brigade rumäniendeutscher Frauen, Deportierte wie wir, die dort auch arbeiten mussten. Zu ihnen hatten wir außerhalb der Arbeit keinen Kontakt - es hatte hier jeder genug mit sich zu tun. So kamen wir zu oft statt um siebzehn Uhr erst gegen einundzwanzig Uhr und später ins Lager zurück, völlig ausgepumpt! —

Außerdem: Der Hunger blieb uns erhalten, bessere Kleidung und Decken gab es nicht. Der Natschalnik hatte uns belogen und betrogen.

Eines Tages lief unser Maß über. Wir alle, außer den Rumäniendeutschen, waren uns einig: ‘Passiert uns das heute wieder, dann lassen wir uns das nicht mehr gefallen. Wir hauen dann einfach ab, zurück ins Lager. Das Recht ist auf unserer Seite. Der Natschalnik kann uns mal ...!’

Und so geschah es. Die Rumäniendeutschen blieben, wir aber schulterten Schaufel, Spaten, Brechstange Spitzhacke und zogen geschlossen von dannen. Der Brigadier bemühte sich vergebens, uns daran zu hindern, und bewaffnete Posten hatten wir hier nicht. Ich fühlte mich stark, zum ersten Mal seit zwei Jahren! Es war ein schönes Gefühl, fast so wie zur Wendezeit 1989 in der DDR.

Der Weg zurück ins Lager führte vorbei an dem großen Grubenverwaltungsgebäude. Dort jedoch wurden wir von einem Russen aufgehalten. Drei von uns, darunter auch mich, wählte er aus. Wir wurden in das Gebäude hinein zum Natschalnik beordert.

Wir kamen in einen großen, repräsentativen Raum, teppichbelegt, wie wir ihn hier in Ackermansk nicht vermutet hatten. Vor einer Wand gegenüber der großen Tür, durch die wir mussten, ein wuchtiger Schreibtisch. Dahinter, auf einem Sessel sitzend, „empfing“ uns der Natschalnik. Diesmal sprach er Deutsch mit uns. — „Warum habt ihr die Arbeit verlassen?“ Unser schönes Gefühl hatte sich jäh zurückge“wendet“, und wir schwiegen zunächst. ‘Was kommt jetzt auf uns zu?’

Einer von uns musste reden. Ich fasste mir ein Herz: „Von allem, was Sie uns versprochen haben, ist nichts eingetroffen. Wir haben trotzdem gut gearbeitet. Das werden wir auch weiter tun. Aber wir sind nicht mehr dazu bereit, Stunden länger zu arbeiten, als es die Gesetze hier vorschreiben und es unsere Kräfte zulassen!“ Jetzt war das Schweigen auf seiner Seite. Doch nur wenige Sekunden, dann war er wieder der, den ich schon in Kimpersai kennen gelernt hatte. „Ihr habt gestreikt, und Streik ist in der Sowjetunion verboten. Dafür werdet ihr bestraft!“ Wie, das verriet er uns hier nicht. In dieser Ungewissheit entließ er uns. Wir drei kehrten zu unserer Brigade vor dem Gebäude zurück, und während wir die nicht mehr weite Strecke bis ins Lager zurückgingen, berichteten wir über diesen „Dialog“ mit dem Natschalnik.

Dort erwartete uns bereits der Offizier, der über alles offensichtlich per Telefon informiert worden war. Er verlor uns gegenüber nur wenige Worte: dass drei von uns an Stelle aller anderen in den Karzer müssten. Uns allen sollte eine Lektion erteilt werden, doch auf den Rest der Brigade wollte der Natschalnik offenbar nicht verzichten. –

Einer von den dreien war ich, vermutlich weil ich gewagt hatte, den Mund aufzureißen und zu sagen, was der Obrigkeit, hier diesem Natschalnik, nicht passte. (Das hatte ich nicht das erste Mal in meinem Leben getan, und es sollte auch nicht das letzte Mal bleiben.) Ich hatte den Eindruck, dass der Offizier nicht ohne Verständnis für unser Verhalten war. In das Zuchthausgebäude sperrte man uns nicht. Das andere Gebäude hatte jedoch keinen Karzer. So wurden wir gemeinsam, ein Mädchen, ein Mann und ich, von einem Posten in einen kleinen, leeren, fensterlosen Raum gesperrt. Die Tür wurde hinter uns vernagelt, diesmal mit langen richtigen Nägeln. Nur unterhalb der Tür war ein schmaler Spalt, durch den frische Luft und tagsüber etwas Licht drangen und durch den wir mit Suppe, Tee und Brot versorgt wurden. Wir ertrugen das mit der Gelassenheit von Menschen, die das Gefühl haben, etwas Rechtes getan zu haben und dafür bestraft worden zu sein. Wir bereuten nichts!

So waren wir fast guter Dinge, auch wenn das heute kaum glaubhaft ist. Aber wir waren inzwischen an schwierige Situationen gewöhnt. Während die anderen draußen schwer arbeiten mussten, durften wir hier im Halbdunkel miteinander schwatzen, ohne zu arbeiten. Lange würde man uns hier hinter vernagelter Tür nicht eingesperrt lassen können. Einfach war es für uns dennoch nicht: Länge und Breite dieses Raumes boten uns kaum Möglichkeit zum Nachtschlaf. Auch sei hier vermerkt, dass es schwierig war, wenn wir unsere Notdurft verrichten mussten. Dafür stand uns nur der schmale Türspalt zur Verfügung, was uns beiden männlichen Wesen zweifellos einen Vorteil dem Mädchen gegenüber verschaffte. Unsere Menschenwürde bewahrten wir uns trotz dieser menschenunwürdigen Bedingungen, die wir ja nicht zu verantworten hatten. Am Morgen des dritten Tages kam der Posten, überwand das Rinnsal vor der Tür, zog die Nägel aus der Tür, und wir durften wieder zu unserer Brigade zurückkehren.

Dieser Einsatz hatte sich jedoch für uns alle gelohnt: Fortan blieben wir in der Nickelgrube von übermäßiger Verlängerung des Achtstundentages verschont. Das lehrte mich, dass man auch in einem „Arbeiter- und Bauern-Staat“ nach sowjetischem Muster nicht ganz rechtlos ist, selbst als Gefangener, und sich demzufolge nicht alles gefallen lassen muss, man muss nur den Mut haben, diesen eingeschränkten „Rechts“raum zu nutzen. Das Problem: Wo befindet sich die Grenze? Also ist das Leben in einer solchen Gesellschaft für jeden, der diesen engen Raum betritt, eine Gratwanderung. — Damals jedoch war ich zu solcher Erkenntnis noch nicht reif. Es bedurfte neben weiterer Reifejahre auch meiner Erfahrungen mit dem Leben in der DDR – allerdings wurden diese Erfahrungen hier auf einer ganz anderen Ebene gemacht, die sich mit meinem Leben in Kasachstan nicht ohne weiteres vergleichen lässt. Doch half mir Kasachstan später, dem Widerspruch zwischen Theorie und Wirklichkeit in dieser Gesellschaft auf die Spur zu kommen. Und auch dem Natschalnik–Typ des erfolgreichen Karrieristen und Funktionärs ohne menschliche Prinzipien bin ich in der DDR immer wieder begegnet, ebenso wie dem ideologisch-dogmatischen Taikenter Kapitänstyp.

Doch für Arbeit im Lager gab es offensichtlich keine arbeitsrechtliche Grundlage, so dass sie nach getaner Arbeit in der Nickelgrube sowie an Wochenenden ohne Bedenken angeordnet wurde. Wir erhielten den Auftrag, das marode Zuchthausgebäude in diesen Zeiten abzureißen. Bereits vorher waren wir hier eingedrungen und hatten es in Augenschein genommen. Unsere Phantasie reichte trotz all unserer Erfahrungen in den beiden vergangenen Jahren nicht aus, wollten wir uns in das Leben jener Strafgefangenen hineinversetzen, die vor uns in Ackermansk hier hausen mussten. Dabei beziehe ich in diese Bewertung nicht ein, in welchem maroden Zustand sich das Gebäude zu der Zeit befand, als wir es kennen gelernt hatten und es seiner Bestimmung entzogen worden war. In Ackermansk gab es zu unserer Zeit, in der die Zuchthausära hier beendet worden war, keine Strafgefangenen mehr. Doch hatte ich ihre Arbeitskolonnen in Nickel beobachtet, wenn wir außerhalb des Lagers eingesetzt waren. Es waren wahrhaft armselige Kreaturen, die uns scheuen Blickes begegneten, zerlumpt, von Schwerbewaffneten und Hunden streng bewacht. Wir, die wir damals unbewacht waren, riefen zu ihnen hinüber, doch die Posten verhinderten jede Reaktion und drohten auch uns. Wir mussten so entfernt voneinander arbeiten, dass eine Kontaktaufnahme unmöglich war. – Das erinnerte mich an Gefangene einer deutschen Strafkompanie, denen ich 1945 bei Danzig begegnet war und die in Richtung Front zum Einsatz gebracht wurden. —

Das Hungergefühl war uns in Ackermansk geblieben. Stalin hatte zwar gesagt: “Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen!“, doch er hatte nicht gesagt: „Wer arbeitet, der soll auch essen!“ So war, zumindest was dieses Stalinzitat anbetrifft, ein Widerspruch zwischen Theorie und Wirklichkeit für uns nicht erkennbar. Marx hatte vor Stalin geschrieben: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“, und Brecht schrieb in seiner „Dreigroschenoper: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Von beiden hatte ich damals noch nichts gehört, geschweige denn gelesen. Doch trotz Unkenntnis dieser Sätze handelten wir in Ackermansk bereits danach. Als ich Jahre später diese Sätze hörte und las, verstand ich sie sofort.

Wir nutzten unsere Freiheiten in Ackermansk dazu, mit dem Hunger auf die uns dort mögliche Weise fertig zu werden. Kaufen konnten wir uns nichts, denn Geld erhielten wir trotz unserer schweren Arbeit nach wie vor nicht. Wie in Taikent in der Steppe nach Schildkröten, Fischen und Zieselmäusen zu jagen, war ebenfalls unmöglich. Aber Ackermansk war eine größere Siedlung. Die Menschen dort, Russen, lebten in einzelnen Häusern, wie sie auch im übrigen Russland üblich waren - mit einem Vorbau gegen die Kälte und zur Aufbewahrung von Vorräten, z. B. Kartoffeln, und mit Ställen daneben für Kleinvieh. Das war dort unsere Chance, ebenso dass wir noch unbekannt. geblieben waren. Der Hunger quälte uns mehr als unsere Skrupel (siehe Brecht), und wir zogen nach hereinbrechender Dunkelheit auf Raub aus. Jeder hatte dabei seine Methode. Meine war es nicht, in Ställe einzubrechen, um dort eine Ziege oder etwas Ähnliches zu töten und zu rauben. Dafür war ich zu ungeübt, so dass mein Risiko zu groß gewesen wäre. Ich gehörte zu den Trickdieben. Und zwar zog ich mit noch einem Kameraden aus, der eine relativ gut erhaltene Wattejacke besaß. Der eine klopfte höflich an die Wohnungstür und verschaffte sich so Einlass. Drinnen beschäftigte er die Leute, indem er ihnen seine Wattejacke zum Kauf anbot. Die pries er mit seinem spärlichen Russisch mühsam und zeitaufwendig an, und nachdem sich dieses „Verkaufsgespräch“ erschöpft hatte, kam er endlich zum Preis. Der jedoch wurde so hoch angesetzt, dass gehandelt werden musste. In kleinen Schritten ging er mit seinem Preis nach unten, blieb jedoch damit zum Schluss so hoch, dass niemand dazu verleitet wurde, diese Jacke zu kaufen. So verabschiedeten sich beide Seiten schließlich mit dem Ausdruck des Bedauerns und höflich. Der andere hatte in der Zwischenzeit im Finstern den geringen Kartoffelvorrat ausgemacht, ihn um ein paar Kilo erleichtert und sich in die schützende Dunkelheit nach draußen davongemacht. Wenn der Verlust überhaupt bemerkt wurde, dann erst am nächsten Morgen. Im Lager wurde geteilt. Gerechterweise tauschten wir beim nächsten Mal unsere Rollen. Diese Methode war ziemlich sicher.

Eines Abends geschah jedoch folgendes: Mein Kamerad hatte das Verkaufsgespräch zu führen, ich hatte im Vorraum zu stehlen. Gerade hatte ich den Kartoffelsack entdeckt und einige wenige Kartoffeln in meinen Beutel gesteckt, da öffnete sich bereits die Tür. Ich nahm in dem aus der Wohnung hereindringenden spärlichen Licht im Sekundenbruchteil wahr, wie mein Kamerad von einer alten Frau, die eine leuchtende Kerze trug, wieder hinausbegleitet wurde. Was tun? Ich kauerte mich auf den Kartoffelsack so, dass ich in meiner armseligen Kleidung in diesem Halbdunkel kaum von diesem Sack zu unterscheiden war. Jeden Augenblick musste ich damit rechnen, dass die Frau Alarm schlug. Dann wäre es für mich wohl äußerst schwierig geworden. Doch nichts dergleichen geschah, ich war unentdeckt geblieben. Nachdem die Frau die Tür hinter sich geschlossen hatte und es um mich herum wieder dunkel geworden war, ergriff ich sofort die Flucht. Zum Teilen gab es dieses Mal kaum etwas. Mein Kamerad erzählte mir, dass sich die Leute von vornherein auf sein Angebot nicht eingelassen und ihn zum Hinausgehen aufgefordert hatten. Um dessen sicher zu sein, hatte ihm die Frau das Geleit gegeben, ohne jedoch zu ahnen, dass der eigentliche Dieb seine Aufgabe bereits zu lösen begonnen hatte.

Das konnte auf die Dauer nicht gut gehen. Wir wurden regelrecht gejagt, unsere Räume wurden durchsucht. Auf frischer Tat hatte man keinen von uns erwischen können, und gefunden wurde auch nichts. Doch bald standen wieder zwei LKW für uns bereit, die uns zurück ins Lager nach Nickel brachten.

„Dystrophie vier!“

Bald darauf erschien eine Ärztekommission im Lager. Sie wurde von einer schwarzhaarigen russischen Ärztin geleitet. Brigadeweise mussten wir in die Ambulanz und wurden untersucht. Die Untersuchung bestand darin, dass der unbekleidete Körper jedes einzelnen in Augenschein genommen und betastet wurde. Nach unserem so ermittelten körperlichen Zustand wurde jeder einer Gruppe der Dystrophie zugeordnet. Ich wusste von nun an, dass mein Körper der Gruppe vier, dem höchsten Grad der Unterernährung, entsprach. Das ließ mich ziemlich gleichgültig, zumal ich damals kein Bild von meinem Äußeren hatte, da es Spiegel dort nicht gab. Auch in den Tagen danach schien es so, als hätte diese Eingruppierung für mich keinerlei Bedeutung, denn arbeiten musste ich ebensoviel und zu essen bekam ich ebenso wenig wie zuvor. Doch hatte ich mich diesbezüglich grundlegend getäuscht.

Ich weiß heute nicht mehr, wie viel Tage seit unserer Körperschau vergangen waren, sie schrumpften danach in meinem Gedächtnis zu einem Nichts: Auf einem Appell wurden die Namen derjenigen verlesen, die nach Hause fahren sollten – und mein Name war dabei!! Doch wem konnte man hier vertrauen? Hatte man uns vor knapp zwei Jahren nicht schon einmal versprochen, wir würden nach Hause fahren? Welche Teufelei würde nun dahinter stecken, denn auszuplündern war von uns niemand mehr. Aber vielleicht war doch etwas Wahres dran? ‘Freu dich nur nicht zu sehr!’ So wurde ich hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Zweifel.

Doch die positiven Zeichen verdichteten sich. So wertete ich es als positiv, dass nur die Namen derer verlesen worden waren, die zur Dystrophie vier gehörten. Wir, deren körperlicher Zustand am erbärmlichsten war, sollten gerade deshalb auf einmal das größte Glück haben. So äußert sich manchmal die Dialektik des Lebens darin, dass sich ein Unglück letzten Endes als Glück erweist. Ich ließ dennoch die Euphorie nicht zu nahe an mich heran, damit ich bei betrogener Hoffnung den Verstand nicht verlor. Und ich hatte gut damit getan, denn beinahe wäre bei mir doch noch alles schief gegangen.

 

Die Heimkehr kündigt sich entgegen allen Zweifeln glaubwürdig an: Jeder von uns potentiellen Heimkehrern wird eingekleidet mit Unterhemd, Unterhose, Arbeitsschuhen, Wattejacke und Wattehose. Diesmal sind die Sachen im Unterschied zu Kimpersai neu im wahrsten Sinne des Wortes. Dann wird jeder von uns zum leitenden Offizier unserer Baracke beordert. Der überprüft die Personalien und verlangt zurück, was Eigentum des Lagers 1902 ist. In meinem Fall handelt es sich um ein schlichtes weißes Leinenlaken, eine Errungenschaft des Lagers Nickel. Wir brauchten dort nicht mehr wie in den Lagern zuvor auf bloßen Brettern zu schlafen, sondern konnten die Pritschenbretter mit diesem Laken bedecken oder, was wirksamer war, uns des Nachts damit zudecken. Doch als der Offizier dieses Laken von mir zurückfordert, muss ich ihm gestehen: „Ich habe kein Laken mehr.“— Und ich erkläre ihm, wie es dazu gekommen ist: Die Laken wurden regelmäßig durch frisch gewaschene ausgetauscht und mussten dabei einzeln in Empfang genommen werden. Als es jedoch vor einiger Zeit wieder einmal so weit war, fehlte mein Pritschennachbar an seinem Platz, so dass ich dessen Laken entgegennahm und es zusammengefaltet auf seine Pritsche legte. Als er wiederkam, informierte ich ihn darüber. Doch als er sich abends damit bedecken wollte, suchte er danach vergebens. Auch unser gemeinsames zunehmend hektischeres Suchen brachte keinen Erfolg. Es war klar: Das Laken war gestohlen worden! Ich jedoch hatte es entgegengenommen, also musste ich dafür aufkommen. Folglich gab ich meinem Kameraden schließlich mein Laken.

Das alles jedoch interessiert den Offizier nicht im Geringsten. „Du hast ein Laken bekommen, also musst du ein Laken jetzt wieder zurückgeben. Du kannst das Laken bezahlen, dann ist alles charascho.“ Doch womit sollte ich es bezahlen? Ich hatte zwar länger als zwei Jahre schwer gearbeitet. Dennoch wurde mir während meiner ganzen Gefangenschaft nicht eine einzige Kopeke dafür ausgezahlt. Auf diese Möglichkeit musste ich also verzichten. „Wenn du kein Laken hast und das Laken nicht bezahlst, dann muss ich das Laken bezahlen. Das werde ich nicht tun. Entweder du bringst ein Laken, oder du fährst nicht nach Hause!“— Wer kann sich in meine psychische Situation hineinversetzen?

Was tun? Mein Kamerad gab mir sein Laken, das ja eigentlich mir gehört hatte, verständlicherweise nicht. Denn beim nächsten Mal hätte er unter den Heimkehrern sein können, und dann hätte er vor dem gleichen Problem gestanden. Dieses Risiko wäre im umgekehrten Falle sicher auch ich nicht eingegangen. Also musste ich mir ein Laken auf andere Weise beschaffen. ‘Was tun, wenn nicht stehlen?’ Doch so trickreich ich in Ackermansk in dieser Beziehung auch gewesen war, ich konnte es nicht über mich bringen, einen Kameraden zu bestehlen.

Ich finde schließlich einen Ausweg: ‘Habe ich nicht gerade erst nagelneue Kleidung empfangen? Eine neue Wattehose ist viel mehr wert als ein Laken. – Aber ich brauche sie doch selbst für die Heimfahrt? –Eine neue Wattehose ist ungefähr soviel wert wie eine alte Wattehose und ein Laken.’ Gedacht - getan! Ich winke einen Ungarndeutschen aus der Baracke zu mir heran, der bringt im Handumdrehen eine alte Hose und ein Laken. Dann übergebe ich ihm meine neue Hose. Ich frage den Ungarndeutschen nicht, der Offizier fragt mich nicht, woher das Laken stammt. Er unterschreibt, das Lagereigentum von mir empfangen zu haben. Zu meiner Verwunderung soll ich unterschreiben, am Ende meiner „Internierung“ 1900 Rubel Schulden hinterlassen zu haben. – Ich wage die Frage nach dem Wofür, wo ich doch die ganze Zeit gearbeitet habe, ohne eine Kopeke dafür erhalten zu haben. „Für Unterkunft, Verpflegung Bekleidung.“ ‘Was soll’s, ich unterschreibe, und meine Heimkehr ist gerettet!’ Und meiner Mutter ist Wochen darauf der Zustand meiner Hose total uninteressant.

So groß meine Freude über die lang ersehnte und endlich bevorstehende Heimkehr auch war, Zweifel blieben, und es mischte sich das Mitleid für die Zurückbleibenden in die Freude. Erich Wangler, Harald Leitner und andere vertrauten mir Briefe für ihre Lieben in Deutschland an. Sie schrieben mir deren Adressen auf und baten mich, sie zu suchen und den Kontakt zu ihnen herzustellen. Das war das Geringste, was wir Heimkehrenden für die Zurückbleibenden tun konnten, und für sie erwuchs daraus eine große Hoffnung. Doch erwies sich diese menschliche Pflicht als unerwartetes Risiko.

Die Heimkehrstunde, mit der Werner Creutzburg in seinem Kimpersaier „Bataillonslied“ unsere Hoffnung genährt hatte, stand nun bevor. Bevor wir den Transportzug besteigen durften, mussten wir, etwa zweihundert Frauen und Männer, zu unserem letzten Lagerappell antreten. Der Lagerleiter, ein höherer Offizier, ließ übersetzen: Er verabschiedete uns nach Deutschland. Dann gab es noch ein paar organisatorische Hinweise. Dazu gehörte folgender: „Es ist jedem streng verboten, irgend etwas Geschriebenes oder Gedrucktes mit nach Deutschland zu nehmen. Wer etwas davon bei sich hat, muss es hier in der Mitte auf einen Haufen legen. Jeder wird anschließend kontrolliert. Wer etwas Geschriebenes oder Gedrucktes nicht abgegeben hat, fährt nicht nach Hause!“ Hatte ich gehofft, endlich alles hinter mir zu haben, dann hatte ich mich bis zur buchstäblich letzten Stunde geirrt. Wie sollte ich mich jetzt entscheiden? So schwer mir dieser Entschluss auch fiel: Ich trennte mich von den Briefen und Adressen und warf sie auf den Haufen, der sich beachtlich vergrößerte. Die Adresse von Harald Leitners Mutter in Starnberg am See prägte ich mir noch schnell ein. Fast jeder warf ein oder mehrere Blätter mit schwerer Hand dazu.

Dann wurden wir noch ein letztes Mal gefilzt: Wir mussten unsere Bekleidung ausziehen und vor uns ablegen, standen nur noch in leinenen Unterhemden und -hosen da, während Posten alles durchsuchten. Ich habe nicht in Erinnerung, dass irgendetwas bei uns gefunden werden konnte. Der Papierhaufen wurde an Ort und Stelle verbrannt. Wir durften in den Transportzug einsteigen. Seine Ausstattung war wie gehabt. Doch stiegen wir gern hinein. Auch waren wir nicht mehr zu neunzig Kameraden in einen Güterwaggon gepfercht, sondern wir waren nur noch etwa halb soviel. Die Lokomotive ruckte an, die Waggons setzten sich, einer nach dem anderen, langsam in Bewegung, wir fuhren heimwärts, wenn auch nicht heim nach Danzig, so doch nach Deutschland. Dass ich nicht wusste, wohin dort, empfand ich nicht als Problem.

Viele mussten wir in Nickel zurücklassen. Vielleicht würden auch sie bald die nächsten Heimkehrer sein!

Endstation: Frankfurt an der Oder

Wir fuhren in unserem Transportzug dieselbe Strecke wie vor knapp zwei ein halb Jahren. Diesmal jedoch gab es einen wesentlichen Unterschied: Es ging heimwärts - sofern man uns nicht hintergangen hatte!?— Mit diesem Zweifel schützte ich mich vor der Möglichkeit, dass alles ja auch noch schlimmer kommen könnte und ich auch dann den Verstand nicht verlieren dürfte.

Wir fuhren durch die weite kasachische Steppe, mit der wir in den knapp zwei ein halb Jahren der Deportation vertraut geworden waren. Im Südural, von der einen Spalt geöffneten Waggontür her, rief es plötzlich: „Mensch, schaut einmal dort: Bäume!“ In dieser ganzen zurückliegenden Zeit hatten wir nicht einen einzigen Baum zu sehen bekommen, geschweige denn einen ganzen Wald. Höchstens einmal ein niedriges Gehölz, wenn ich bei Taikent aus einem kleinen Fluss Kies laden musste. Wir drängten an den Türspalt und genossen schweigend das erste Waldgebiet. Bald sollten wir uns an diesen Anblick wieder gewöhnt haben, als wir die endlosen russischen Wälder durchfuhren.

Doch zunächst einmal kam unser kurzer Gefangenentransport auf einem Güterbahngelände bei Aktjubinsk, in den Ausläufern des Südurals gelegen, zum Stehen. Wir bemerkten in der Nähe eine Reihe anderer Waggons mit gefangenen Zivilisten, Deutsche wie wir, was nur noch an der Sprache zu erkennen war, nicht mehr an Bekleidung und „Frisur“. Es waren Deportierte aus anderen Lagern. Wir vermuteten zu unserer Beruhigung richtig: Hier werden wir zu einem Sammel-Heimkehrertransport zusammengestellt. Das jedoch dauerte für uns, die wir die Sowjetunion so schnell wie möglich hinter uns lassen wollten, viel zu lange. Offiziere kamen in unsere Waggons.

Zu uns kam einer, den wir von Kimpersai her bereits kannten, ein Major. Er war dort Politoffizier gewesen. Seine Vorträge in deutscher Sprache fand ich, jung und wissbegierig, nicht uninteressant. Zu dieser Wirkung mochte bei mir auch beigetragen haben, dass es nicht die Nazipropaganda war, der ich in den Jahren zuvor überdrüssig geworden war. Das hier war eine völlig neue Betrachtungsweise, deren Überdruss mir allerdings noch bevorstehen sollte. Dazu mögen dann, älter geworden, neben den DDR-Erfahrungen sicher auch meine Kasachstan-Erfahrungen nicht unwesentlich beigetragen haben. .‑ Von diesem Major waren wir im August 1945 auch darüber informiert worden, dass die Amerikaner in Nagasaki und Hiroshima die ersten Atombomben abgeworfen hatten.

Er gab uns Papier, Bleistift und bat uns freundlich, wir mögen doch für ihn aufschreiben, wie es uns im Lager in Kasachstan gefallen hätte. Dann entfernte er sich. Keiner von uns war zunächst bereit, diese Bitte zu erfüllen. Hätten wir das wahrheitsgemäß tun können, dann wäre sicher jedem von uns eine Menge dazu eingefallen, ist das doch auch nach knapp fünfzig Jahren bei mir immer noch der Fall. Obwohl wir den Major als einen uns gegenüber freundlichen Menschen in Kimpersai kennen gelernt hatten, so trauten wir ihm hier nicht. Wer garantierte demjenigen, der diesen Bericht schrieb, dass er, unter welchem Vorwand auch immer, zu guter Letzt nicht doch noch aus dem Waggon geholt wurde?

Die Bitte abzulehnen wäre für uns alle ebenfalls ein Risiko gewesen. Schließlich erklärte sich ein Erwachsener unter uns zum Schreiben bereit. Zum Schluss las er uns sein Ergebnis vor. Er hatte gelogen, dass sich die Balken bogen. Jeder von uns war trotzdem damit einverstanden. Der Major kam wieder, bedankte sich freundlich für das Geschriebene, wünschte uns alles Gute für die Zukunft in Deutschland und verabschiedete sich. Später, in der DDR, las ich Berichte deutscher Kriegsgefangener über ihre Gefangenschaft in der Sowjetunion und wusste Bescheid.

Wir waren ungefähr eine Woche lang denkbar guten Mutes unterwegs gewesen. Diesmal gab es kein Postengebrülle. Unser Begleitkommando versorgte uns mit Tee, Suppe, Kascha und Brot, den Umständen entsprechend so gut, wie wir es in der ganzen zurückliegenden Zeit nicht erlebt hatten. Wir fuhren in den Frühsommer hinein, durch endlose russische Wälder, an Dörfern mit blühenden Gärten vorbei. Über den Haustüren prangte das obligatorische umkränzte Stalin-Porträt ‑ Stalin in der Generalissimus-Uniform oder zivil in großväterlicher Pose mit kurzer Pfeife. Inmitten des Dorfes ein Stalin- oder Lenindenkmal. Ein Lautsprecher krächzte wie in der Baracke in Nickel über das ganze Dorf bis hin zu uns in den fahrenden Zug. In Städten gab es immer wieder einen nicht all zu lange währenden Halt. Vorbei fuhren wir auch an Lagern, erkennbar an ihren hölzernen Wachtürmen und der Stacheldrahtumzäunung. Deutsche Kriegsgefangene winkten uns aus der Ferne zu, wir winkten zurück. —

In Brest gab es einen längeren Aufenthalt. Die Lokomotive musste ausgetauscht, Waggons mussten umgespurt werden. Zu unserem Bedauern mussten wir auch beobachten, wie einzelne aus unserem Transport ausgeladen und in Krankenwagen abtransportiert wurden. Sie hatten die zwei ein halb Jahre ausgeharrt, doch für die nächsten Tage reichte ihre Kraft nicht mehr. Wir in unserem Waggon konnten alle durchhalten!

Die Sowjetunion lag hinter uns, wir fuhren bereits durch Polen und waren glücklich darüber. Da jedoch geschah etwas Unerwartetes. Bei einem kurzen Halt auf freier Strecke, nahe einem bei Warschau gelegenen Dorf, kamen Frauen an unsere Waggons heran, riefen: „Marki-Marki...?“ und hielten uns ihre Körbe mit Butter, Speck, Wurst und Brot entgegen. Zuerst hatten wir für ihr Rufen keine Erklärung, denn Schenken wollten sie uns offensichtlich nichts, und neue Deutsche Mark, wie wir vermuteten, konnten wir ja noch gar nicht haben. Bis wir mitbekamen: Die wollen uns all diese duftenden Sachen für alte Deutsche Reichsmark verkaufen. Hatten uns nicht der Glatzenmajor und Lewanzyk vor zwei Jahren in Kimpersai vor unserer angeblich kurz bevorstehenden Heimkehr erklärt: „Diese Mark ist wegen ihrer Hakenkreuze darauf verboten, sie ist ungültig“, und uns mit dieser Begründung das Geld abgefordert? Und nun sollte auch das nicht wahr gewesen sein? Einige hatten ihre scheinbar wertlosen Geldscheine damals doch nicht abgegeben und sie sogar für hinterlistige Zwecke benutzt. Denn dafür besaßen sie angeblich noch einen Wert, und anderes Papier gab es nicht. Doch unsere Laune kurz vor der deutschen Grenze konnten uns diese beiden Gauner nun nicht mehr verderben.

Aber einer von uns hatte sich fünfhundert Mark nur so zum Andenken, wie er sagte, aufbewahrt. Das war ein unerwarteter Reichtum, um den wir ihn trotz unserer Heimkehrlaune doch beneideten. Denn er saß nun in seiner Waggonecke und aß und aß: Brot mit Butteraufstrich, Wurst und Speck gleich aus der Faust. Unser Bitten, doch auch uns etwas davon abzugeben, lehnte er ab, so voller Gier auf das lang Entbehrte war er verständlicherweise. Dass wir ihn zu beneiden absolut keinen Grund hatten, sollte sich bald herausstellen.

Nachdem wir die Oderbrücke überfahren hatten, kam unser Transport bei Frankfurt in der Nähe eines Lagers zum Stehen. Wir durften die Waggons verlassen und wurden in das Lager hineingeführt. Es war unser Durchgangslager. Wir waren endlich wieder in Deutschland. Auf dem Appellplatz wurden wir von sowjetischen Offizieren und einigen Deutschen empfangen, die von oben herab, von einem Podest, zu uns unten sprachen. Die Offiziere dankten uns für unsere Arbeit.

Die Deutschen da oben beglückwünschten uns dafür, dass wir in der ruhmreichen Sowjetunion gewesen sein durften, priesen diesen Staat, dieses System und erklärten uns, wie schön es doch dort wäre und wie gut es uns gegangen sei, so, als würden sie uns um die vergangenen zwei ein halb Jahre beneiden.

Hätten die Uniformierten uns im März 1945 nur gefragt, wir hätten nichts lieber getan, als dankend auf alles das verzichtet, was man uns dann antat. Ich habe Verständnis dafür, dass Menschen angesichts der Massenarbeitslosigkeit und der kommunistischen Agitation in Deutschland Anfang der dreißiger Jahre sowie angesichts ihrer Erfahrungen mit dem Deutschland der Nazis und dem Krieg derartige Ideale in ihrem Bewusstsein entwickeln konnten. War es doch auch meinem eigenen Vater so ergangenen. Doch seit Kriegsende waren zwei ein halb Jahre vergangen. Sie selbst hatten neue, unerwartete Erfahrungen machen müssen. Was die Sowjetunion wirklich war, was um sie herum in der Sowjetisch Besetzten Zone mit den Menschen geschehen war und geschah, konnte niemandem, auch diesen Leuten aus Frankfurt an der Oder, nicht verborgen geblieben sein. Sie waren doch alt genug und politisch orientiert, um ihre Ideale zu den Realitäten in Beziehung setzen zu können. Hatten denn die da oben immer noch nichts kapiert? Oder konnten sie nichts kapieren, weil sie realitätsblind waren und sich von ihren Idealen, die sich als falsch erwiesen hatten, nicht trennen konnten? Einige unter ihnen waren möglicherweise auch „nur“ prinzipienlose Karrieristen, die um ihrer eigenen Vorteile willen sich jeder Obrigkeit – in dieser historisch konkreten Situation der sowjetischen Besatzungsmacht – anbiederten. Wie dem auch sei, ihren Ziehkindern bin ich in der DDR immer wieder begegnet.7 Damals schauten wir uns nur wortlos an: Waren wir in der falschen Gegend gelandet? Hatten die Uniformierten 1945 die falschen Leute nach Kasachstan „interniert“? — Die Nähe der sowjetischen Offiziere und die Lagersituation hinderten uns daran, denen da oben ein paar Fragen zu stellen! 

7 Vgl. das Kapitel "Schwierigkeiten mit der Wahrheit"!

In Quarantäne  

Am 28. Juni 1947 war ich kein Gefangener mehr. Mit anderen, darunter auch welchen aus dem Lager in Nickel Heimgekehrten, wurde ich nach Magdeburg Polte Nord für drei Wochen in ein Quarantänelager gebracht.  

Unmittelbar nach unserer Ankunft krümmte sich einer von uns wegen starker Bauchschmerzen und Verdauungsbeschwerden, die Lagerambulanz stand vor einem Rätsel. Gallenerkrankungen hatte es erklärbarer Weise in den zwei ein halb Jahren bei niemandem von uns gegeben. Wo sollten diese wahnsinnigen Schmerzen herkommen? Er wurde in ein Magdeburger Krankenhaus eingeliefert. Nach drei Tagen war er tot - unser letzter Lagertoter. Es war der Kamerad aus unserem Waggon, der für seine letzten Andenken–Reichsmark bei der polnischen Bäuerin groß eingekauft und alles alleine gierig aufgegessen hatte. Wer hatte diese Tragik zu verantworten, er selber?

Wohin hatte es meine Mutter, meinen Vater und meinen inzwischen sechs Jahre alten Bruder verschlagen? Wo sollte ich hinfahren, wenn diese drei Wochen vorüber waren?

„Hilde Hochfeld, Schwerin, Wallensteinstraße 20“, so lautete die Adresse, die sich meine Eltern und ich nach der Jalta-Konferenz8 eingeprägt hatten. Mein Vater hatte damals nicht geglaubt, dass die Vertreibungsbeschlüsse ernst zu nehmen wären, schon gar nicht, wenn die Rote Armee unser Gebiet besetzte, wovon nach Lage der Dinge auszugehen war. Ich hatte so etwas für gar nicht durchführbar gehalten. Aber meine Mutter mit ihrem Sinn für politische Realitäten sagte: „Man kann nicht wissen. Besser ist, wir prägen uns eine Adresse, weit von Danzig entfernt, in Schleswig–Holstein, fest ein!“ Daran hatte ich mich gehalten, so dass ich sie trotz allem, was inzwischen geschehen war, fest in meinem Gedächtnis gespeichert hatte, so fest, dass ich sie jetzt immer noch weiß.  

8  Konferenz in Jalta auf der Halbinsel, Krim Februar 1945. Dort vereinbarten Roosevelt, Churchill und Stalin u.a. die Vertreibung der Deutschen  aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße.

Gleich am ersten Tag schrieb ich und erwartete sehnlichst Antwort. Nach ein ein halb Wochen war ein Brief für mich im Lager angekommen: „Meine Tochter Hilde Hochfeld wohnt nicht mehr in Schwerin, sondern in Berlin Stahnsdorf.“ Sie, die Mutter, könne mir folgendes mitteilen: Meine Mutter und mein Bruder seien am Leben und wohnten in Mitteldeutschland, die Adresse wisse nicht sie, sondern ihre Tochter Hilde. Diese sei von ihr sofort informiert worden. Mein Vater sei in einem Lager bei Danzig noch 1945 gestorben.

Ich hatte so viele sterben sehen und mich auf das Schlimmste gefasst gemacht. Nun waren wenigstens meine Mutter und mein Bruder noch am Leben. Wie sollte ich da nicht froh sein? Ihre Adresse würde ich bald erfahren. So war ich voller Zuversicht, trotz der auch traurigen Botschaft.

Einer von uns Jugendlichen wurde in den ersten Tagen von seinen Eltern aus dem Lager geholt. Sie kleideten ihn sofort von Kopf bis Fuß neu ein: mit Oberhemd, Jacke, Hose, karierter Mütze –. Er wirkte in seiner uns inzwischen entwöhnten zivilisierten Kleidung auf uns richtig komisch, und wir mussten über ihn lachen. Würden auch wir bald so herumlaufen? – Kaum denkbar!

Noch lebten wir im Lager und waren froh, wenn wir in den Abfällen des jetzt im Sommer ungenutzten Barackenofens vertrocknetes schimmeliges Brot fanden, das unsere Vorgänger, aus Dänemark heimgekehrte deutsche Internierte, dort als Abfall „entsorgt“ hatten. ‘Muss es denen gut gegangen sein!’— Im Lager wuchsen Melde und Brennessel, die es in der kasachischen Steppe nicht gab. Daraus kochten wir uns Suppe. ‘In Deutschland hätten wir nicht so hungern müssen.’—Bei der Essenausgabe gab es Streit. Der Essenausgeber schlichtete ihn, indem er mit der Kelle dazwischen ging. ‘Glücklich heimgekehrt, und trotzdem die Nerven verloren!’

Warum nicht nach Schleswig–Holstein?

Die dreiwöchige Quarantänezeit war endlich vorüber. Die Adresse meiner Mutter hatte mich immer noch nicht erreicht. Ich hätte mit meinem Entlassungsschein freie Fahrt nach Schleswig–Holstein haben können. So jedoch wurde ich mit einer Gruppe von Jungen, die wie ich „adressenlos“ waren, mit einem Freifahrschein nach Burg bei Magdeburg ausgestattet. Wir sollten uns bei der Fürsorgebehörde des Rates der Stadt melden. Dort wurde uns eine Heimkehrerbeihilfe in Höhe von sage und schreibe 50,-RM gewährt - mein erstes Geld seit zwei ein halb schweren, arbeitsreichen Jahren! — Oder, wenn ich es so betrachten will, meine einzige Entschädigung für erlittenes schweres Unrecht, das mich hart an den Rand des Todes gebracht hatte.9  Damit sollte ich auskommen, bis ich mir mein Geld durch Arbeit selbst verdient hätte. ‘Bis ich die Mutter gefunden habe, wird es vielleicht reichen.’ Außerdem erhielt jeder von uns eine Lebensmittelkarte und eine Wohnungszuweisung für die Stadt Burg.  

 

9  Meinen Kamaradinnen und Kameraden, die sich nach Westdeutschland und später und die Bundesrepublik Deutschland entlassen ließen, - die meisten von ihnen hatten noch einmal so lang wie ich in Kasachstan bleiben müssen - ist es kaum anders ergangen, - Für di Sowjetunion war das, was sie uns zugefügt hatte, kein Unrecht. Die Nachfolgestaaten Russland und Kasachstan sind nicht bereit, für eine Entschädigung aufzukommen.

Mir öffnete eine Frau, etwa vierzig Jahre alt, ihre Wohnungstür. „Ich hatte dem Wohnungsamt doch ausdrücklich gesagt, dass ich mein Zimmer nur an jemanden vermiete, der mir und meinem Jungen etwas zu bieten hat, mein Mann ist nämlich gefallen.“ Dennoch ließ sie mich Dystrophiker vierten Grades in meiner zerlumpten Hose, Wattejacke, zerschlissenem Schuhwerk und mit Glatze eintreten, nachdem ich ihr versichert hatte, dass ich auf die Adresse meiner Mutter wartete und höchsten zwei Wochen in Burg bliebe. Ich hatte es somit gut, andere besser, wieder andere aber auch schlecht getroffen: Als diese Leute sahen, wer zu ihnen eingewiesen worden war, wurde die Tür schnell wieder von innen verschlossen. Diese Kameraden mussten zur Behörde zurück, und ihre Wohnungszuweisung begann für sie von neuem. —

Noch am gleichen Tag ging ich auf die Post. Meine erste Ausgabe von der Heimkehrerbeihilfe verwendete ich für ein Telegramm nach Berlin-Stahnsdorf mit meiner Burger Adresse.

Das alles geschah an meinem neuen Tag Null in Deutschland, dem 20. August 1947.

Überraschender Brotsegen

Ich konnte mein Versprechen halten: Nach wenigen Tagen erhielt ich ein Telegramm: „Frieda Peters wohnt in Weißenfels, Thorner Straße 12.“

Ich erfuhr: Weißenfels liegt wie Burg auch in Sachsen-Anhalt, über einhundert Kilometer entfernt, in südlicher Richtung, hinter Halle und dem Chemiewerk Leuna. Ich könnte dorthin mit der Bahn fahren, das jedoch würde bei den Zugverspätungen heutzutage länger dauern als per Anhalter, und da könnte ich mein Geld auch sparen. Wer weiß, wie es meiner Mutter ginge?

Ich hatte aus finanziellen Gründen nicht die Wahl des Verkehrsmittels. Am nächsten Tag verabschiedete ich mich von meiner Wirtin. Auf der Ausfahrtstraße in Richtung Halle brauchte ich nicht lange zu warten. Einen winkenden Heimkehrer nahm damals jeder LKW-Fahrer mit. PKW gab es kaum.

Ich fand auf der Ladefläche Platz, Gepäck hatte ich keines – ganz im Gegensatz zu anderen auf der Ladefläche ebenfalls sitzenden Anhaltern. Sie nämlich waren von einer Hamstertour gekommen, wo sie auf den Dörfern ihre geringe Habe gegen Lebensmittel eingetauscht hatten. Wir kamen schnell ins Gespräch, denn sie interessierten sich für mein Schicksal.

Plötzlich, bei der Einfahrt nach Halle-Trotha, wurden wir von einem Volkspolizeikommando gestoppt. Razzia! Eine Frau, klein, ausgezehrt wie fast alle damals, Mitte vierzig, drückte mir schnell einen grünen gefüllten Rucksack in die Hand: „Helfen Sie mir, Sie als Heimkehrer werden nicht kontrolliert, ihnen nehmen sie nichts weg.“ Sie aber wurde abgeführt, denn sie hatte weiteres Gepäck bei sich behalten.

Der LKW fuhr weiter. Ich aber musste stehen bleiben und auf diese Frau warten, die mir ihren Rucksack anvertraut hatte. Sie jedoch kam und kam nicht. Ich aber wollte so schnell wie möglich in Weißenfels sein. Da entschloss ich mich, nun mit einem Gepäckstück, dem grünen Rucksack, ausgestattet, für den Rest meines Geldes mit der Straßenbahn zum Bahnhof zu fahren und für die Strecke bis Weißenfels doch den Zug zu benutzen.

Im Zug schaute ich in den Rucksack: innen gummiert, darin drei lange frische duftende Brote! Die schienen mich gesucht zu haben. Unausbleibliche Folge war eine emotionale Erinnerung an jene Brotaktion in Kimpersai im Frühjahr 1946. Hätte diese Frau die Brote selbst behalten und mir Butter, Wurst, Schinken und wer weiß was übergeben, dann wäre für sie sicher alles gut gegangen. Wie hatte doch mein Steegener Großvater immer gesagt? „Was dem enen sin Uhl, is dem andern sin Nachtigall.“ Zu mir hatte sich diesmal die Nachtigall gesellt.

Heimkehrerfreuden – nicht ungetrübt

Schließlich stand ich in der Thorner Straße vor der Wohnungstür meiner Mutter, unangekündigt. Meine Mutter schrie auf: vor freudiger Überraschung, war die endlose Zeit der Ungewissheit doch endlich vorbei, vor Bestürzung, hatte sie mich doch aus der Zeit vor zwei ein halb Jahren, als ich sie in einem ganz anderen Zustand verlassen musste, ganz anders in Erinnerung!

Weißenfels 1947

 Mein kleiner Bruder wusste nicht, wie er mich anschauen und was er sagen sollte. Er war damals erst drei Jahre alt gewesen, hatte in der Zwischenzeit selbst viel, zu viel erleben müssen und hatte, wenn überhaupt, von seinem großen Bruder eine ganz andere Vorstellung. Ich überbrückte die Situation, indem ich auf mein vielleicht einmaliges Heimkehrermitbringsel, den grünen Rucksack samt Inhalt, verwies.10  

10 Eine Woche später machte mich meine Mutter auf eine Annonce in der Weißenfelser Tageszeitung „Freiheit“ aufmerksam: Eine Frau (Adresse in Merseburg) bat den Russland-Heimkehrer, dem sie in Halle Trotha einen grünen, innen gummierten Rucksack übergeben hatte, dringend darum, diesen samt Inhalt gegen Belohnung bei ihr abzugeben. Das jedoch trauten wir uns nicht mehr: Es war nur noch ein Brot übrig geblieben.

Mein Vater, musste ich jetzt erfahren, hatte damals den Leidensmarsch nach Graudenz auch antreten müssen, kehrte jedoch, vermutlich weil das Zuchthaus dort zu überfüllt war, in der Kolonne wieder nach Danzig zurück und kam dort, nahe Danzig, in ein großes Lager, das Narviklager. 11 Meine Mutter hatte so lange nach ihm gesucht, bis sie ihn in diesem Lager fand. Einige Male hatte sie mit ihm am Lagerzaun sprechen können, bis er eines Tages, es war inzwischen Oktober 1945 geworden, fortblieb. Bald darauf erfuhr sie von einem anderen Gefangenen, dass er an einer der im Lager ausgebrochenen Seuchen, vermutlich Typhus, umgekommen war.  

11 Im Narviklager  waren bis zur Eroberung Danzigs durch die Sowjetarmee sog. „Fremdarbeiter“ untergebracht. Danach wurde es zum Massenlager für deutsche Zivilgefangene umfunktioniert.

Im Jahre 1986, wenige Monate, nachdem meine Mutter in Heilbronn verstorben war, wo sie und mein Bruder seit 1957 lebten, sandte mir mein Bruder ihren Bildernachlass. Beim Durchstöbern entdeckte ich zufällig einen Brief, in ein Passepartout versteckt, auf einfachstes Papier, inzwischen brüchig und gebräunt, bleistiftgeschrieben. Ich stellte zu meiner Überraschung fest: Es ist ein Brief meines Vaters, aus dem Narviklager für meine Mutter bestimmt. Dieser Brief wurde, ohne dass mein Vater das beim Schreiben geahnt hatte, sein Abschiedsbrief. Ich befreie ihn hier aus seinem versteckten Dasein und gebe ihn als Zeitdokument der Öffentlichkeit preis, ohne Kommentar, denn er bedarf dessen nicht:  

Narviklager, d. 24.5.1945

Mein liebes Muttchen!

Da ich nicht anders kann, wie an Dich, meine liebe Gute, zu denken, muss ich doch ein paar Zeilen an Dich richten. Du glaubst gar nicht, wie wohl es einem tut, wenn man einen Menschen weiß, zu dem man gehört, weil er gut und treu ist, u. das bist Du, mein liebes Frauchen. Glaube mir, ich weiß genau, dass Euer Leben nicht leicht ist, u. trotzdem findest Du Zeit und Mittel, um mir das Leben in Gefangenschaft zu erleichtern. Wie soll ich Dir das einmal vergelten.

Sieh mal, ich bin Dir ja so dankbar u. freue mich riesig, wenn Ihr mich besuchen kommt, aber dass Du von dem Wenigen, was Ihr noch draußen habt, zu mir bringt, macht mich sehr traurig. Also komm, sooft Du kannst, aber ohne Lebensmittel, denn ich werde mich schon durchschlagen. Du weißt ja, Unkraut vergeht nicht, u. so lange, hoffen wir, wird es ja auch nicht mehr dauern, dann sollst Du aber auch für alles entschädigt werden, was Du an mir getan hast. Nun schreibst Du, mein Goldenes, über die dreckige Sache, die Du nicht vergessen kannst, glaube mir, jeder Mann müsste ein Lump sein, der seiner Frau deswegen Vorwürfe machen wollte, als ob Du nicht schon genug gelitten hast. Also vergesse das bitte mir zuliebe, u. wenn ich dann nach Hause komme, ziehen wir den Schlußstrich zu der Sache, ja!

Nun, mein liebes Muttchen, noch einmal vielen Dank u. 10 000 Küsse für alles Gute, u. grüß auch bitte Bollermann (den damals dreijährigen Sohn Wolfhardt – M.P.) von mir, lass er man schön gesund bleiben, dgl. Natürlich auch Du, meine Liebe. Ich freu mich schon so auf Sonntag dass ich Euch wieder mal sehe. Ihr auch, nicht wahr?

Viele Grüße auch an Mia und Frau Jeschke.

Drücke mal den Daumen, daß wir auch Fredi bald sehen.

Mein Vater war damals 38, meine Mutter 34 Jahre alt.

Wie nun weiter?

„Du gehst erst einmal weiter zur Schule!“ Dass ich das schaffen würde, davon war meine Mutter fest überzeugt, ganz im Gegensatz zu mir. Was hatte ich doch in meinen letzten Jahren alles erlebt! – Ungewöhnliches und mehr, als für ein langes Menschenleben ausgereicht hätte. – Und nun sollte ich dort anknüpfen, wo ich vor zwei ein halb Jahren aufgehört hatte, so als wäre nichts geschehen? „Die werden mich gar nicht mehr nehmen.“ „Das wollen wir mal sehen, bei allem, was sie dir angetan haben!“

Der damalige Direktor der Städtischen Oberschule in Weißenfels, Herr Voigt, nahm mich in seine Schule auf, wies mich jedoch darauf hin, dass er dazu eigentlich nicht berechtigt wäre. Denn nach einer Verordnung der sowjetischen Besatzungsadministration dürften Jugendliche, die bis zum Beginn ihres einundzwanzigsten Lebensjahres das Abitur noch nicht abgelegt hätten, eine Oberschule nicht besuchen. „Damit diese Jugendlichen ihr faschistisches Gedankengut nicht auf die Jüngere übertragen können. Wir müssen für Sie einen Antrag an die Schulbehörde des Landes Sachsen Anhalt stellen, pro forma, damit wir abgesichert sind. Ich gehe davon aus, dass es Gründe genug gibt, um mit Ihnen eine Ausnahme zu machen.“

Meine Klassenkameraden nahmen mich freundschaftlich auf. Viele Stunden verbrachte ich mit meinem Schulfreund Eduard Lehmstedt in seinem kleinen Zimmer, er am Klavier, und ich ließ Zieselmausqualitäten wieder aufleben.

Es blieb mir jedoch nicht verborgen, dass jener Antrag auf Schwierigkeiten stieß. Ich sollte die Schule verlassen. Nachweislich setzten sich mein Klassenlehrer Dr. Ehlers, der Schulleiter, der Schulrat Herr Gleitsmann, auch der Antifa-Block einschließlich der SED für mich ein und versuchten, alle Möglichkeiten auszuschöpfen.

Vergebens! Die Sowjetmacht hatte mich nach Kasachstan deportiert, ich hatte als einer der Wenigen überlebt, war wieder in Deutschland und dachte: ‚Nun liegt das alles hinter mir.’ Irrtum, hier in der sowjetisch besetzten Zone war ich in einem Teil Deutschlands und war es wiederum immer noch nicht. Am Ende aller Bemühungen stand mein Abschlusszeugnis:

 

  „Allgemeine Beurteilung

Peters zeigt ernstliches Bemühen, die durch den Schulausfall eingetretenen Lücken zu beseitigen. Befähigung und Fleiß geben zu den besten Hoffnungen Anlass.

Bemerkungen: Seine Haltung und sein Betragen ist ohne Tadel.

Abgegangen am 21. Januar 1948. Grund: Überalterung bei Abitur“

Dieselbe Sowjetmacht, welche diesen Abitur-Verweigerungsgrund erfunden und mir gegenüber zu verantworten hatte, wandte ihn auch noch gegen mich an. — ‘Wäre ich damals doch gleich nach Schleswig–Holstein gefahren!’ Dieser Gedanke kam mir später immer wieder einmal. Doch so ist das im Leben: Hinterher ist man immer klüger als vorher.

Meine Geduld hatte sich erschöpft, es gab ja noch anderes im Leben als Schule, obwohl ich mich dort meistens wohl gefühlt hatte. Auf dem LKW von Burg nach Halle hatte mir einer das Angebot gemacht, ich solle zu ihm in das Buna-Werk bei Merseburg kommen, er würde für mich sorgen.

Doch meine Mutter war nicht bereit zu kapitulieren. Sie nahm mich und fuhr mit mir nach Halle. – Ich muss das so formulieren. denn obwohl ich damals schon 19 Jahre alt war, fühlte ich mich in diesem Leben noch unsicher.

Sie, eine einfache Arbeiterfrau, drang mit mir ein in das Ministerium für Volksbildung bis hinein in das Dienstzimmer des Leiters der Abteilung Schulwesen, Oberstudienrat Schalla: „Hier ist der Junge, und der muss weiter zur Schule gehen.!“ Dem Oberstudienrat viel nichts Dümmeres ein, als zu uns zu sagen: „Wir müssen in dieser Zeit eben alle unser Opfer bringen.“ Das war die Stelle, wo mir der Kragen platzte...

„Was will Ihr Junge denn einmal werden?“ Ich wusste es selber nicht und war überrascht, als meine Mutter bestimmt sagte: „Lehrer!“ Ich sagte lieber gar nichts dazu. “Nun, gegen eine Verordnung der Besatzungsmacht ist hier im Hause jeder machtlos, aber im März beginnt in Halle ein Jahreslehrgang für Neulehrer in Sachsen–Anhalt. Der ist zwar schon voll besetzt, doch werde ich dafür sorgen, dass Sie dort aufgenommen werden!“ Und so geschah es, und so bin ich einst Lehrer geworden.

Vieles war in den letzten Monaten auf mich hereingestürzt. Ich hatte in Kasachstan vielerlei tun müssen, doch wurde ich dort völlig fremdbestimmt und musste lernen, unter den schwierigsten Bedingungen zu überleben. Dabei hatte ich es verlernt, selbst bestimmt zu leben. Zunächst hatte in Weißenfels meine Mutter die Weiche für mich gestellt, nun musste ich meine Geschicke in die eigenen Hände nehmen. Den Ausbildungskurs für Lehrer schloss ich erfolgreich ab.

Kasachstan lässt mich nicht los

Doch was auch immer von mir bewältigt werden musste: Der Gedanke an Kasachstan ließ mich nicht los. ‘Werden meine Kameraden noch dort festgehalten, oder sind sie inzwischen auch heimgekehrt? Haben sie mitbekommen, dass wir ihre Briefe auf den Scheiterhaufen werfen mussten?’

‘Wie helfe ich den in Kasachstan Zurückgebliebenen?’ Ich entschied mich: ‘Auf gut Glück schreibe ich einfach einmal dort hin!’ Ich kannte die Adresse genau, aber würde ich über sie den Kontakt zu meinen Kameraden herzustellen versuchen, hätte ich keine Chance, denn ich kannte auch die Norm: Gefangenenlager in der Sowjetunion befinden sich im Ort „Nirgendwo“. Niemandem ist es erlaubt, sie aus ihrer Anonymität zu befreien. ‘Versuche ich es einmal mit der Lagernummer: 1902.’ Ich glaubte nicht an einen Erfolg, doch versuchen musste ich es. Ein Weißenfelser Straßenfotograf hatte mich im Sommer 1947 zum ersten Mal seit meiner Entlassung fotografiert. Dieses Foto schickte ich mit meinem Brief auf die lange ungewisse Reise. Adressat war Erich Wangler. Der würde schon dafür sorgen, dass mein Brief, käme er denn bei ihm an, im Lager die Runde machte.  

 

Die geringe Hoffnung auf eine Antwort hatte ich bereits aufgegeben. Da, mein größtes Weihnachtsgeschenk: Seine Antwort vom 13. November 1948 erreichte mich noch rechtzeitig kurz vor dem Fest. 

Ihr Inhalt ist bezeichnend für die innere Situation, in der sich alle dort nach wie vor befanden: Für jeden von ihnen gab es vor allem die Sorge um die Angehörigen und damit auch um die eigene Zukunft.  

Erich Wangler, Lager Nickel - Orsk, Mai 1949

Die Wahrheit über die Zustände im Lager zu berichten hätte den Brief praktisch ungeschrieben gemacht und dem Schreiber ernsthafte Probleme bereitet. Lügen wollte Erich nicht, also schwieg er sich zu diesem Thema aus. Ich wusste ja ohnehin Bescheid. Auch durfte man damals nur über sich selbst schreiben, einen anderen nicht erwähnen. Von nun an blieben wir in Kontakt. Jedes Vierteljahr ging unsere Post einmal hin und her.

Sofort, nachdem ich von Erich Wangler die ersten Informationen über seine Angehörigen erhalten hatte, wandte ich mich an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes, informierte ihn über den Verbleib Erichs und ließ seine Verwandten suchen. Doch war das gar nicht so einfach, die erforderlichen Suchdaten zu liefern. Erich und ich überwanden schließlich auch diese Hürde.

Der Kontakt zwischen Harald Leitner und seiner Mutter wurde schneller hergestellt, denn deren Adresse hatte ich in meinem Gedächtnis gespeichert, so dass der Suchdienst nicht bemüht werden musste.

Auch von anderen Freunden im Gulag erhielt ich Post, natürlich in dem für ein solches Lager üblichen Format. Wenn es mich auch bedrückte, dass sie immer noch im Gulag gefangen gehalten wurden, so war ich doch froh darüber, dass sie noch am Leben waren und irgendwann heimkehren konnten.

Seit meinem letzten Tag Null waren inzwischen zwei ein halb Jahre vergangen. Bereits am 2. Mai 1949 hatte ich als frischgebackener Lehramtsbewerber meine erste Schulstunde in einer zweiklassigen Dorfschule gehalten. Mein damaliger Schulrat Heinz Hanisch hatte mir, freundlich entgegenkommend, die Wahl zwischen einem Schulort nahe Leipzig und einem am Wasser, dem an der Saale gelegenen Dörfchen Kleinkorbetha, gelassen. Wenn es die Ostsee schon nicht mehr sein konnte, so sollte es wenigstens die Saale sein! Mein einziger Kollege, Karl Hocher, unterrichtete die Klassen 5 bis 8, ich die Klassen 1 bis 4. Er war der „große“, ich der „kleene Kanter“.  Der Schulfotograf kam. Mein Kollege borgte mir einen guten Anzug, und ich hielt bald mein erstes Schulfoto in der Hand.  

‚Wenn das meine Kameraden im Lager sehen könnten, was aus mir in so kurzer Zeit geworden ist! Ob sie immer noch dort sind?’ Im nächsten Brief trat dieses Foto die Reise nach Kasachstan an. „Der Manfred als Lehrer! Könnt ihr euch das vorstellen? Das gibt’s nicht!“ Es sollte zum Glück mein letzter Brief nach Kasachstan bleiben.

Im Oktober war es für meine Freunde in Nickel endlich so weit: Die Heimkehrstunde war auch für sie gekommen. Meiner Briefe, die ich ihnen geschrieben hatte, wurden sie auf ihrem letzten Lagerappell immer noch auf dieselbe gemeine Weise entledigt wie ich der ihren an ihre Angehörigen in Deutschland zwei ein halb Jahre zuvor, so dass sie leider nicht mehr erhalten geblieben sind. Ihre Karten aus dem Gulag habe ich bis heute sorgfältig aufbewahrt. Sie hatten noch einmal so lange wie ich Zwangsarbeit leisten müssen. Fünf Jahre! Das hatte ich bei meiner Heimkehr 1947 nicht für möglich gehalten

Ob ich diese lange Zeit durchgestanden hätte?

 

Von den zweitausendvierhundert Mädchen und Frauen, Jungen und Männern, 

die im April/Mai 1945 nach Kimpersai deportiert worden waren, 

hatten bis zum Tag meines Heimtransportes weit weniger als die Hälfte überlebt.

Danach starben in den Lagern Kimpersai und vor allem Nickel noch viele von ihnen.

Etwa einhundertfünfzig waren in andere Lager abtransportiert worden. 

Ihr Schicksal blieb uns verborgen.

 

Wie viele körperlich und seelisch beschädigt wurden oder später an den Folgeschäden verstarben, 

hat niemand gezählt.  

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